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German Open 2019 in Bremen
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Boll: „Ich dachte, vielleicht reicht es nicht mehr für die ganz Großen“

Jörg Niemeyer 10.10.2019 0 Kommentare

War schon 1998 erstmals deutscher Tischtennis-Meister, war viermal die Nummer eins der Welt und ist derzeit Weltranglisten-Siebter: Timo Boll.
War schon 1998 erstmals deutscher Tischtennis-Meister, war viermal die Nummer eins der Welt und ist derzeit Weltranglisten-Siebter: Timo Boll. (Frank Koch)

Beginnen wir mit einem Test Ihres Erinnerungsvermögens: Wissen Sie noch, welches besondere Ereignis am 9. September 1997 war?

Timo Boll: Hm, gute Frage, aber das ist zu lange her...

War vielleicht ein bisschen gemein... Ich will gern helfen. An dem Tag haben Sie als 16-Jähriger Ihr Länderspieldebüt in der Europaliga gegen Polen gefeiert – mit insgesamt drei Siegen von Ihnen im Einzel und Doppel.

Vor 22 Jahren – und noch immer bin ich dabei…

Denken Sie manchmal: Wow, wo nur ist die Zeit geblieben?

Ab und zu schon. Rückblickend zieht die Karriere vorbei wie ein Nichts. So viele Spiele und Turniere, die man vergessen hat – eigentlich schade, dass man nicht alles abspeichern kann.

Nur einige Wochen zurück liegt Ihre glatte Niederlage gegen Mattias Falck im Pokalspiel Ihrer Düsseldorfer Borussia gegen Werder. Sind Sie jetzt trotzdem gern wieder nach Bremen gekommen?

Na klar, ich hab in Bremen ja auch schöne Erlebnisse gehabt. Ich kann es akzeptieren, wenn einer gut gegen mich spielt und verdient gewinnt. Dann passt das. Mattias war überragend in dem Spiel, und dann bin ich jemand, der davor größten Respekt hat.

Sie haben die German Open schon viermal gewonnen – zuletzt 2009 in Bremen. Was erwarten Sie persönlich von diesem Turnier?

Ich bin gerade in einer Phase, in der ich nicht wirklich gut drauf bin, aber auch nicht schlecht. Ich weiß, wie stark das Teilnehmerfeld ist. Ich rechne irgendwie mit allem. Schon die erste Runde ist schwierig, weil so starke Spieler aus der Qualifikation heraus kommen. Aber ich hatte ein ähnliches Gefühl vor den Czech Open (den Tschechischen Meisterschaften; Anm. der Red.), und da bin erst im Halbfinale ausgeschieden. In Bremen ist mit dem Sieg über Zhou der Einstieg geglückt. Aber ich weiß im Moment nicht, wo ich wirklich stehe.

Warum nicht?

Ich hatte zuletzt ein paar Spiele, in denen ich schlecht war und Niederlagen hinnehmen musste – nicht nur gegen Mattias Falck, auch vorher schon. Aber so etwas dreht sich im Tischtennis ja auch unheimlich schnell wieder zum Guten. Darauf setze ich.

Im Augenblick tun die Niederlagen ja auch nicht besonders weh. Die wichtigen Spiele stehen schließlich erst später in der Saison an – mit den Olympischen Spielen am Ende, oder?

Genau. Ich habe einen langen Sommerurlaub gemacht auch im Hinblick auf die olympische Saison, in der wir Spieler keine größere Pause einlegen können. Ich habe weniger trainiert, und das merke ich, weil ich körperlich derzeit nicht so gut drauf bin.

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Aber gesund sind Sie?

Das schon. Doch ich bin nicht so austrainiert wie ich sein müsste, um in absoluter Topform zu spielen. Daran arbeite ich, und deshalb bin ich in manchen Spielen etwas müde und vielleicht auch nicht immer so konzentriert. Aber mein Ehrgeiz ist trotzdem da. Und die Motivation, jetzt so ein Turnier in Deutschland zu spielen, ist auch groß.

Die Chinesen haben in der vergangenen Woche die Swedish Open dominiert und bei den Herren sieben von acht Viertelfinalisten gestellt. Sie sind in China äußerst beliebt und ein profunder Kenner auch der dortigen Tischtennis-Szene. Droht der Abstand zwischen China und dem Rest der Welt immer größer zu werden?

Wenn sie mit einer vollen Mannschaft antreten, sieht man ja, wie das laufen kann. Das ist nichts Neues. Der Abstand ist nicht größer geworden, aber auch nicht kleiner. Es gibt auch immer mal Phasen, in denen die Chinesen ein paar Probleme haben. Doch insgesamt sind die Chinesen die stärkste Nation und haben die stärksten Einzelspieler.

Werders Trainerlegende Otto Rehhagel hat mal gesagt, es gebe keine jungen und alten Spieler, sondern nur gute und schlechte. Wie sehen Sie das als mittlerweile 38-Jähriger?

Dem stimme ich zu. Am Ende zählt im Sport, ähnlich wie in der Wirtschaft, das Leistungsprinzip. Da ist es egal, ob das Alter mit einer 1, 2 oder gar mit einer 4 beginnt.

Gibt es oder gab es Momente, in denen Sie ans Aufhören gedacht haben?

Es gab zumindest Momente, in denen ich dachte: Oh, vielleicht reicht es nicht mehr für die ganz Großen. Gerade nach meiner Knie-OP 2015 habe ich gedacht, dass ich körperlich so limitiert bin, dass ich gegen die Besten nicht mehr bestehen kann. Das geht eben nicht nur über Erfahrung, sondern setzt auch körperliche Fitness voraus.

Aber bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio haben Sie mit der Mannschaft immerhin die Bronzemedaille gewonnen.

Das stimmt, aber die OP hat mich schon ein bisschen Olympia gekostet, weil ich vor der OP das Gefühl hatte, in der vielleicht besten Form meiner Karriere zu sein. In der chinesischen Liga hatte ich gerade in einer extrem guten Form eine 8:2-Bilanz gespielt.

War die OP denn notwendig?

Ich stand vor der Frage: Mache ich jetzt ein Jahr weiter und muss danach vielleicht ganz aufhören, weil der Knorpel kaputt ist, oder lasse ich mich operieren, um dann zwar eine gehandikapte Olympia-Vorbereitung zu haben, danach aber noch ein paar Jahre spielen zu können. In der Hinsicht habe ich mich auf jeden Fall richtig entschieden.

Wie lange wollen Sie, wie lange können Sie noch auf Weltklasseniveau spielen?

Och, so lange wie möglich, ohne dass ich als Krüppel ende.

Bei Borussia Düsseldorf haben Sie noch einen Vertrag bis 2022.

Den möchte ich auf jeden Fall erfüllen. An fehlendem Spaß wird es bestimmt nicht liegen, aber wenn mir der Körper entsprechende Signale fürs Aufhören sendet, müsste ich es einsehen.

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Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach der Karriere als Aktiver?

Ein paar Gedanken mache ich mir und habe vor zwei Jahren mit meinem besten Freund unter dem Titel Timo Boll Webcoaching auch ein eigenes Projekt gestartet, in dem ich mein Know-how weitergeben möchte. Aber weil ich noch viel zu sehr aktiver Spieler bin, schiebe ich die Gedanken gern beiseite.

Und eine Zukunft als Trainer?

Ich weiß nicht, ob ich dafür der Typ bin, den ganzen Tag in der Halle zu stehen. Mal sehen. Ich habe das große Glück, mir am Karriereende mit der Entscheidung, was danach kommt, Zeit lassen zu können.

Werden Sie dem Tischtennis denn erhalten bleiben?

Das denke ich schon.

Wie schaffen Sie es seit inzwischen 25 Jahren im Leistungssport, sich immer wieder zu motivieren? Was treibt Sie an?

Da habe ich nie Probleme gehabt, egal ob vor einem Bundesliga-Spiel oder einer WM. Das war für mich kein großer Unterschied.

Also haben Sie zu Hause an der Schlafzimmertür keinen Zettel hängen, auf dem steht: Timo, denk dran, du musst trainieren?

Nein. Mir macht das Training immer noch Spaß. Ich sehe natürlich auch das Ende meiner Laufbahn näherkommen. Vielleicht genieße ich Tischtennis deshalb jetzt sogar noch mehr als mit 18.

Einige Ihrer Gegner könnten vom Alter her Ihr Sohn sein. Ist es mental eher belastend oder stimulierend, jungen Spielern zu zeigen, was – mit Verlaub – ein alter Hase noch alles draufhat?

Es macht mir schon Spaß, gegenzuhalten und den Jungen zu zeigen, dass es mit meiner Old-School-Spielweise immer noch funktioniert. Und sie im Training ein bisschen zu provozieren und auch verbal zu kitzeln. Mit mir zu trainieren, ist eine harte Schule.

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Als letztes habe ich noch eine private Frage. Ihr erster Trainer war Ihr Vater. Wird Ihre Tochter, womöglich mit Ihrer Unterstützung, in Ihre Fußstapfen treten?

Dafür gibt es bis heute keine Anzeichen. Ich biete ihr an, sich sportlich zu betätigen, aber ich will auf keinen Fall Druck ausüben. Grundsätzlich überlasse ich das komplett ihr selbst.

Die Fragen stellte Jörg Niemeyer.

Zur Person

Timo Boll (38)

ist der erfolgreichste deutsche Tischtennis-Spieler aller Zeiten. Der Linkshänder hat bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften viele Medaillen gewonnen, war zwischen 2003 und 2018 viermal Weltranglisten-Erster und steht aktuell auf Rang sieben.


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Leserkommentare
elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...