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Discgolf - eine ästhetische Sportart
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Die hohe Kunst des Frisbeewerfens

Jörg Niemeyer 21.09.2019 0 Kommentare

(Frank Thomas Koch)
Fasziniert vom Discgolfen: Christoph Acktun vom Drehmoment Discgolf-Verein Bremen, der über Spielmöglichkeiten am Rablinghauser Deich und in Habenhausen verfügt.
Fasziniert vom Discgolfen: Christoph Acktun vom Drehmoment Discgolf-Verein Bremen, der über Spielmöglichkeiten am Rablinghauser Deich und in Habenhausen verfügt. (Frank Thomas Koch)

Herr Acktun, warum landet ein so sportlicher Mensch wie Sie ausgerechnet beim Discgolfen?

Christoph Acktun: Einer meiner besten Freunde, Jan Wilkens, ist dafür verantwortlich. Er wohnte damals am Rablinghauser Deich. Bei einem Spaziergang sind wir morgens mal Richtung Weser gegangen. Da haben wir diese Körbe gesehen. Jan wusste, dass dort im Weseruferpark Discgolf gespielt wird. Nach unserer ersten Bestellung von Discgolf-Scheiben war es dann schnell um uns geschehen.

Was ist Discgolfen, wie geht das?

Von einem vorher festgelegten Startpunkt aus wirft man die Frisbee in Richtung eines Zielkorbs. Mit möglichst wenig Würfen soll die Scheibe im Korb versenkt werden. Ähnlich wie beim Golf oder Minigolf, wirft man die Scheibe immer von dort weiter, wo sie gerade gelandet war – und das geht dann solange, bis die Ketten im Zielkorb klingeln.

Da soll sie rein, die Scheibe: Der Zielkorb, an dem die Ketten klingeln sollen.
Da soll sie rein, die Scheibe: Der Zielkorb, an dem die Ketten klingeln sollen. (Bernd Thissen/dpa)
Und wer gewinnt?

Der am Ende für alle Bahnen die wenigsten Würfe benötigt hat.

Sie zögern bei dieser Frage ein wenig?

Naja, oft spielt man gegen sich selbst. Man freut sich natürlich über einen Wettbewerb mit gleich starken Spielern, aber es ist schon so, dass man ständig auch seine eigene Bestmarke übertreffen möchte.

Werden Sie im Freundeskreis belächelt, wenn Sie sich über Sportarten austauschen und Sie vom Discgolfen erzählen?

Nee, weil die meisten Menschen in meinem Umfeld von meiner Leidenschaft angesteckt worden sind oder zumindest ab und zu mal mitspielen. Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass Discgolfen bei vielen gut ankommt.

Was macht Sie da so sicher?

Jan und ich haben früher mal als Geschäftsmodell Frisbees verliehen. Da hatten wir viel Zuspruch von Gruppen, die im Weseruferpark einen Ausflug gemacht oder  zum Beispiel Junggesellenabschied gefeiert haben. Unser Service wurde super angenommen.

Warum sind Sie diesem Geschäft dann nicht treu geblieben?

Nebenberuflich erforderte das einfach zu viel Aufwand.

Also konnten Sie beide nicht so gut davon leben...

Einer von uns hätte davon wahrscheinlich leben können. Aber wir haben es trotzdem nicht ausprobieren wollen.

Was sind die Discgolfer für Menschen: Lassen sie sich charakterisieren?

Au, da darf ich jetzt nichts Falsches sagen. Discgolfer bilden auf jeden Fall eine Gemeinschaft, die andere gern willkommen heißt. Ich würde nicht sagen, dass es ein Sport für Nerds ist, aber viele Discgolfer sind schon irgendwie besondere Typen. Es gab ja mal einen richtigen Frisbee-Hipe – und eine gewisse Nähe zur Hippie-Zeit. Ich glaube, dass einige Spieler gedanklich dieser Zeit noch nahe sind.

Also ein Sport mit Flower-Power?

Das so zu sagen, ist wohl übertrieben. Ich glaube auch nicht, dass ein Außenstehender, der uns spielen sieht, das so wahrnehmen würde. Es fällt wohl eher auf, dass überwiegend Männer Discgolfen.

Tatsächlich?

Die Frauenquote liegt nur bei etwa zehn Prozent.

Erstaunlich, weil in Ihrem Sport doch zum Beispiel nicht viel Körperkraft erforderlich ist.

Das stimmt. Warum so wenig Frauen spielen, ist schwer zu sagen. Ich bin jedenfalls sicher, dass Frauen beim Discgolfen genauso viel Spaß haben können wie Männer.

Sind Männer vielleicht verspielter als Frauen?

Ich weiß es nicht. Möglicherweise sind es doch gewisse körperliche Vorteile der Männer, die zum Beispiel weiter werfen können. Vielleicht nehmen wir Männer die Frauen in unserem Sport einfach nicht gut genug mit. Egal ob Mann oder Frau: Jedem Neuling muss der Einstieg so angenehm wie möglich gemacht werden.

Was muss ein Spieler können, um ein guter Discgolfer zu sein?

Man sollte Begeisterung für die Flugeigenschaften einer Frisbee mitbringen. Ein bisschen Athletik ist auch immer gut. Ich glaube, dass sich beim Discgolfen Athletik und Spielverständnis am Ende immer durchsetzen werden. Es gibt außerdem extrem viele verschiedene Putting-Stile...

Was bitte sind Putting-Stile?

Das sind die Würfe, um aus kurzer Distanz die Scheibe in den Korb zu bugsieren. Es ist sicherlich gut für den sportlichen Erfolg, gewisse Techniken zu beherrschen. Ähnlich wie Golfer, machen auch Discgolfer viele Bewegungen aus einer kompletten Rotation heraus, bei denen man natürlich Fehler machen kann, aber im besten Fall auch viel Weite herausholen kann.

Wie weit werfen Sie die Scheibe?

120 Meter.

Wow!

Das denkt der Anfänger. Dann gibt's da aber einen Bremer, der sogar mal Weltrekord geworfen hat: 2016 hat Simon Lizotte in der Wüste von Nevada die Scheibe unglaubliche 275,5 Meter weit geworfen. Da denke ich dann: Wie macht der das, obwohl er nicht die muskulärsten Arme hat?

Und wie macht er das?

Die richtig weiten Würfe werden meistens als sogenannte Anhyzer abgeworfen. Das heißt, die Scheibe wird unter einem bestimmten Winkel losgelassen. Der Rechtshänder wirft sie nach links oben, später gleitet sie nach rechts unten und extrem lange weiter. Die Maximalweiten werden allerdings auch unter extrem guten Bedingungen, zum Beispiel in einer Wüste, erzielt.

Wie bestimmt der Discgolfer, wie seine Scheibe fliegt?

Ich kann sie dadurch beeinflussen, in welcher Stellung, unter welchem Winkel ich sie abwerfe. Die Scheibe selbst hat aber auch bestimmte Flugeigenschaften. Es gibt welche, die fliegen sehr gerade, andere fliegen sofort nach links. Es gibt inzwischen so viele Scheiben für viele unterschiedliche Spielsituationen.

Klingt nach einer Wissenschaft für sich.

Durchaus.

Ich bekomme eine Ahnung davon. Weil die Bahn auf dem Parcours ja nicht immer schnurstracks geradeaus, sondern auch mal mit Links- oder Rechtskurven verläuft, macht es Sinn, diese Kurven auch fliegen zu können. Deshalb hat der Discgolfer verschiedene Frisbees. Darf er die denn auch alle im Wettkampf benutzen?

Ja, wir dürfen bei jedem Wurf die Scheibe wechseln. Das machen wir, je nach dem wie die Bahn beschaffen ist und die Windverhältnisse sind.

Die Scheiben haben schon einiges mitgemacht: Der Blick in den Rucksack von Christoph Acktun.
Die Scheiben haben schon einiges mitgemacht: Der Blick in den Rucksack von Christoph Acktun. (Frank Thomas Koch)
Wie viele Scheiben haben Sie?

Sechs, mit denen ich relativ viel im Wettkampf spiele. Insgesamt habe ich 17 Scheiben in meinem Rucksack.

Aus welchem Material sind die Scheiben?

Aus Kunststoff.

Noch mal zurück zu den Voraussetzungen eines Spielers: Was braucht er fürs Discgolfen?

Grundsätzlich mindestens einen gesunden Arm, Spaß daran, in die Natur zu gehen, ein wenig Geschicklichkeit und Konzentration.

Wie trainieren Sie Konzentration?

Immer wieder putten. Routinen entwickeln und einbauen. Als ich mal Probleme beim Putten hatte, hat mir eine bestimmte Atemtechnik über die schwierige Zeit hinweggeholfen.

Wie teuer ist Discgolfen?

Eine Scheibe kostet zwischen zwölf und 15 Euro. Die hält dann auch echt lange. Mit einem Putter und einer Midrange, also mit zwei Scheiben, kann man schon lange ziemlich viel Spaß haben. Wer mehr Ambitionen hat, kauft wahrscheinlich schnell ein paar Scheiben mehr.

Was ist mit Platzmiete?

Die fällt auf öffentlichen Anlagen nicht an. Bei Turnieren sind natürlich Meldegebühren fällig und Kosten für Anreise, Übernachtung und Verpflegung.

Wie und wo trainiert der Discgolfer?

Inzwischen gibt es in den Vereinen ausgebildete Trainer. Da werden dann die speziellen Anforderungen trainiert wie Annäherung, Vorhand, Rückhand, der lange Wurf, das Putten. Ich selbst habe aber ganz viel durch Ausprobieren gelernt. Es hilft natürlich immer, wenn jemand dabei ist, der Discgolfen schon kann.

Sind die Discgolfer eigentlich Mitglieder im Deutschen Olympischen Sportbund?

Nein, noch nicht, aber das ist unser erklärtes Ziel. Wir sind zurzeit Teil des Deutschen Frisbeesport-Verbandes.

Gibt es einen Ligabetrieb im Discgolfen?

Discgolfen ist Einzelsportart. Aber es gibt die sogenannte German Tour mit C- und B-Turnieren und Majors. Und eine Deutsche Meisterschaft, die in einem Turnier ausgespielt wird.

Was macht für Sie den besonderen Reiz der Sportart aus?

Auf jeden Fall die Ästhetik. Ich finde es genial, die Scheibe fliegen zu sehen – wenn sie das macht, was ich mir vorher dabei gedacht habe. Ich mag es, draußen zu sein, insbesondere in schönen Parkanlagen. Ich bin gern mit Menschen unterwegs. Und ich mag die entspannte Stimmung. Auch im sportlichen Wettkampf redet man miteinander.

Glauben Sie, dass Discgolfen eine rosige Zukunft hat?

Wenn ich mir die steigenden Mitgliederzahlen anschaue, glaube ich das definitiv. Der große Vorteil ist der wesentlich leichtere Einstieg im Vergleich zum Ballgolfsport. Wer einmal Blut geleckt hat, fängt auch Feuer.

Sie haben den Bremer Simon Lizotte erwähnt – er lebt als Profi vom Discgolfen. Wie ist so etwas möglich?

Er lebt in den USA, da gibt es eine Profitour. Die meisten Turniere mit den weltbesten Spielern finden in den USA statt. Und da werden ordentliche Preisgelder gezahlt. Simon Lizotte gehört derzeit zu den zehn Besten der Welt und hat mit Discgolfen schon mehr als 100 000 Dollar eingespielt.

Also kann man durchaus vom Discgolfen leben.

Ja, mit Preisgeldern, Sponsoren und Ausstattern ist das möglich.

Ist so etwas auch in Deutschland vorstellbar?

In Deutschland allein wird das in absehbarer Zeit schwierig. Aber in Europa könnte es möglich sein. Die Voraussetzungen, auch medial, sehe ich schon gegeben.

Gibt es in Deutschland denn Preisgelder?

Wenig. Und es lohnt sich auch nicht wirklich, zumal man in dem Moment, in dem man auch nur 50 Euro Preisgeld annimmt, automatisch schon als Profi gilt. In Deutschland ist Discgolfen ein reiner Amateursport.

Können Sie sich vorstellen, dass Discgolfen Sie bis zum Ende Ihres Lebens begleiten wird?

Das kann ich. Ich mag viele Sportarten und habe schon viel ausprobiert. Regelmäßig betreibe ich Volleyball, aber vor allem Frisbeesport und Floorball.

Die Fragen stellte Jörg Niemeyer.

Zur Person

Christoph Acktun (36)

hat Mathematik, Sport und Erziehungswissenschaften studiert, unterrichtet als Lehrer in Rotenburg (Wümme) und befindet sich nebenberuflich derzeit im Masterstudium „Nonprofit-Management & Governance“. Acktun ist seit 2018 Mitglied des Drehmoment
Discgolf-Vereins Bremen.

Zur Sache

Wachsende Beliebtheit

Frisbeesportler stellen hierzulande eine vergleichsweise kleine Gemeinde dar. Der Deutsche Frisbeesport-Verband (DFV) hatte Ende 2018 6966 Mitglieder, darunter waren 1396 Discgolfer, die damit einen Anteil von 20 Prozent ausmachten. Die Mitgliederentwicklung des DFV ist jedoch rasant: Noch 2012 verfügte er nur über 2746 Mitglieder, darunter waren 458 oder 16,7 Prozent Discgolfer. Die absolute Zahl der Discgolfer hat sich also mehr als verdreifacht. Die Discgolfer sind nach Ultimate Frisbee die zweitgrößte Disziplin innerhalb des DFV.    

Im Land Bremen, in dem es aktuell noch keinen Landesverband gibt, bieten vier Vereine Frisbeesport an: der TV Eiche Horn, der TSV Lesum-Burgdamm und der Drehmoment Discgolf-Verein sowie in Bremerhaven die Discgolf Albatrosse. Niedersachsen hat seit 2014 einen Landesverband, in dem allerdings kein Verein aus dem Bremer Umland zu finden ist.


Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Lokalsport im Überblick

Sport in Bremen: Meldungen aus Bremen und den Stadtteilen

 

Die Norddeutsche: Sport aus Bremen-Nord, Schwanewede, Elsfleth, Berne und Lemwerder

 

Osterholzer Kreisblatt/Wümme-Zeitung: Sport aus Hagen, Hambergen, OHZ, Ritterhude, Gnarrenburg, Worpswede, Tarmstedt, Lilienthal, Grasberg

 

Achimer Kurier/Verdener Nachrichten: Sport aus Achim, Verden, Ottersberg, Oyten, Sottrum, Rotenburg, Langwedel, Thedinghausen, Kirchlinteln, Dörverden

 

Regionale Rundschau/Syker Kurier: Sport aus Stuhr, Weyhe, Syke, Bassum, Bruchhausen-Vilsen

 

Delmenhorster Kurier: Sport aus Delmenhorst, Hude, Ganderkesee, Dötlingen, Harpstedt, Wildeshausen

Sport aus der Region
Sport aus der Region
Leserkommentare
peteris am 21.10.2019 12:30
Vielleicht wissen wir am 1.11. um 11:11h mehr.


Sie meinen sicher den 11.11. um 11:11h?
suziwolf am 21.10.2019 12:19
Und dann ... @kretschmar -
[auch wieder] eine gemeinsame Währung -

Das britische £ - Sterling -
europaweit jetzt ...