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„Es ist schwierig, sich glaubhaft zu verkaufen“

Helge Hommers 07.08.2019 0 Kommentare

Zwei Tour-de-France-Generationen an einem Tisch: Zwischen den Teilnahmen von Lennard Kämna (links) und Hans-Peter Jakst liegen 39 Jahre.
Zwei Tour-de-France-Generationen an einem Tisch: Zwischen den Teilnahmen von Lennard Kämna (links) und Hans-Peter Jakst liegen 39 Jahre. (Frank Thomas Koch)

Herr Kämna, während der Tour de France haben Sie gesagt, dass Sie sich für die Zeit nach Ihrer Rückkehr vor allem auf eine fettige Pizza freuen. Wie hat sie Ihnen geschmeckt?

Lennard Kämna: Die, die ich eigentlich haben wollte, habe ich noch nicht gegessen. In Paris habe ich direkt nach dem Zieleinlauf eine bekommen, aber die war schon kalt. Das richtige Pizza-Feeling ist noch nicht aufgekommen.     

Hans-Peter Jakst: Bei mir waren es Spaghetti. Aber die echten aus Italien, wo ich eine Zeit lang gelebt habe.

Wie haben Sie sich während der Tour ernährt?

Kämna: Unterschiedlich, aber immer Kohlenhydrate: Kartoffeln, Reis, Nudeln, oft auch Quinoa oder Couscous. Dazu Gemüse und etwas mit Proteinen, etwa Fisch oder Hühnchen. Und dann noch ein kleines Dessert.

Jakst: Im Vergleich zu früher ist das schon sehr speziell geworden. Wir sind drei Stunden vor der Etappe aufgestanden und mussten erst einmal Steak essen. Andauernd Steak und das morgens um sechs Uhr.

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Herr Jakst, Ihre Teilnahme ist fast 40 Jahre her. Was ist der größte Unterschied zu heute?

Jakst: Die Technik, das ist enorm geworden. Angefangen mit dem Werkstoff Carbon, der dazugekommen ist, dann das Forschen der Hersteller in Windkanälen. Die Räder müssen inzwischen ja mindestens 6,8 Kilogramm wiegen, die können nur schneller werden, indem man sie aerodynamisch macht. Wir hatten damals auch nur ein Rad und das haben wir vor den großen Rundfahrten abgegeben. Dann wurde der Rahmen getauscht. Das war’s.  

Kämna: Heute hat jeder von uns drei Fahrräder. Das Wettkampfrad und zwei Ersatzräder. Alle drei sind identisch und genau auf einen abgestimmt, was sie aber auch sein müssen. Wenn bei einem der Sattel höher ist, dann performst du schlechter.

Und was hat sich Ihrer Ansicht nach am meisten verändert?

Kämna: Das Niveau über das Jahr gesehen ist heute deutlich höher. Man hört nie auf, professionell zu arbeiten. Wer im Winter nur locker trainiert, wird im Frühling abgehangen. Du hast keine Chance, Radrennen vorne zu beenden, wenn du nicht topfit bist. Du holst die Form auch nie wieder auf.

Jakst: Ich hatte das Glück, dass ich im Winter während der zwei Monate Pause immer Sechstagerennen gefahren bin. Da konnte man zusätzliches Geld verdienen. Der Rennstall hätte das aber auch ablehnen können, weil die Verletzungsgefahr groß war.

Herr Kämna, die Tour ist seit anderthalb Wochen vorbei. Mit etwas Abstand betrachtet: Sind Sie zufrieden mit Ihrer Leistung?

Kämna: Ich bin super zufrieden und einfach nur glücklich, wenn ich auf die Tour zurückschaue. Vorher hätte ich nicht damit gerechnet, dass es so gut läuft. Es war ein cooles Erlebnis. Ich hoffe, dass ich noch ein paar Mal bei der Tour am Start stehen werde.

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Vermissen Sie das Gefühl, aufzuwachen und zu wissen, dass eine Etappe bevorsteht?

Kämna: Nein, überhaupt nicht. Ich war glücklich, als es vorbei war. Die ersten zwei Wochen macht das alles Spaß, aber dann fehlt dir die große Motivation. Wenn du auf dem Rad sitzt und das Rennen losgeht, kommst du wieder rein, es ist nun mal die Tour de France. Aber wenn du abends im Hotelzimmer bist, erinnert dich nichts daran, dass du beim größten Radrennen der Welt mitfährst.

Und wie oft kommt man an den Punkt, an dem man sagt: Ich will nicht mehr?

Kämna: Will nicht mehr – eher selten. Kann nicht mehr – sehr häufig. Ich hatte das Glück, das ich gut in Form war, sodass ich fast jede Etappe vernünftig beenden konnte. Nur bei der 14. Etappe, als ich in der Ausreißergruppe war, die am Fuß des Tourmalet eingeholt wurde und dann den Berg hochmusste, da hab ich richtig gelitten.

Jakst: Wenn du in einem Tief bist, musst du sehen, dass du eine Gruppe findest, in der schön mitfahren kannst. Und dann musst du dich schonen, so gut es geht, um die Etappe am nächsten Tag zu überleben und damit du nicht aus dem Zeitlimit fällst.

Herr Kämna, am Sonntag sind Sie bei einem Rennen in London 92. geworden. Hatten Sie schon wieder Lust im Sattel zu sitzen?

Kämna: Es geht so. Mein Flug nach London ist ausgefallen, ich hab den ganzen Tag am Flughafen verbracht. Wenn man aber an der Startlinie steht, hat man aber wieder den Anspruch, sein Bestes zu geben. Das Rennen war sehr gefährlich, es war super hektisch. Auch der Rückflug ist wegen eines Streiks ausgefallen, ich war den ganzen Tag im Zug und Auto unterwegs.

Jakst: Ich hatte nach der Tour richtig Lust, wieder zu fahren. Ich war richtig gut in Form, das will man ja auch ein bisschen ausnutzen. Gegenüber den anderen Fahrern, die nicht bei der Tour waren, ist man schon im Vorteil.

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Haben Sie gemerkt, dass sich die öffentliche Wahrnehmung nach Ihrer Tourteilnahme gewandelt hat?

Kämna: In Deutschland glauben die Leute erst, dass man Radprofi ist, wenn man die Tour gefahren ist. Dann ist man, zumindest gefühlt, gesellschaftlich als Profisportler akzeptiert. Bei der Tour hat man wesentlich mehr Medienaufmerksamkeit als bei anderen Radrennen. Davon lebt der Sport, die Tour ist das Event, das unsere Rechnungen bezahlt. Ohne die Tour wäre der Radsport deutlich kleiner.

Jakst: Wir waren froh, dass überhaupt etwas in den Gazetten stand. Wir haben für unseren Sport gearbeitet, mussten auch nach dem Rennen etwas tun, damit er interessant bleibt. Was die Tour für eine Bedeutung hat, wird erst später im Leben klar, wenn man nach seinem Erfolg bemessen wird und es heißt: Du bist die Tour gefahren. Als ich Profi war, konnte ich von dem Geld gut leben. Für die Zeit nach der Karriere blieb jedoch nichts. Meine Vergangenheit hilft mir heute sehr stark, weil immer noch Leute in den Laden kommen, die sich an mich erinnern.

Gerade in Deutschland wird Radsport immer im Zusammenhang mit Doping erwähnt. Wie nehmen Sie das Thema wahr?

Jakst: Natürlich haben wir Zeiten erlebt, in denen das schlimm gehandhabt wurde. Viele Leute vertreten daher die Meinung: Die dopen ja nur, das guck ich mir nicht an. In Frankreich und Belgien wird die Leistung des Radsportlers viel mehr geschätzt und ganz anders beurteilt als hier.

Kämna: Es gab schreckliche Zeiten, keine Frage. Kommentare wie „Der erste Nichtgedopte ist Letzter“ sind aber völliger Schwachsinn, man merkt daran, dass das Thema noch im Hinterkopf der Menschen ist. Wenn ich über meinen Sport rede, ist die erste Frage: Kannst du davon leben? Und die zweite: Wie ist denn das mit Doping? Es ist schwierig, sich glaubhaft zu verkaufen. Allgemein gerät Doping aber wieder in den Hintergrund, denke ich. Wenn man vor fünf Jahren Topleistung brachte, wäre deutlich mehr über Doping geredet worden, als es heute der Fall ist.

Ihr Vertrag läuft nach der Saison aus. Bora-hansgrohe hat bereits sein Interesse bekundet. Wie geht es für Sie weiter?

Kämna: Im Radsport fängt man früh an, mit verschiedenen Teams zu sprechen, natürlich auch mit Sunweb. Ich darf aber dazu nichts sagen, bis Sunweb oder ein anderes Team die Pressemitteilung herausgibt.

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Was raten Sie ihm, Herr Jakst?

Jakst: Das kommt darauf an, wie wichtig es ihm ist, dass Sunweb ihm zur Seite stand, als er im vergangenen Jahr seine Auszeit genommen hat. Das dürfte eine Rolle spielen, oder?

Kämna: Ich bin Sunweb sehr dankbar dafür, keine Frage, aber man muss auch immer hinterfragen, wieso es dazu gekommen ist. Ich möchte das auch nicht zu hoch hängen. Sunweb hat mir die Zeit gegeben, was sehr aufrichtig war, aber es kann nicht der Entscheider für die Zukunft sein.

Haben Sie denn die Ambition, dass eines Tages ein Team für Sie fährt?

Kämna: Ich denke, das will jeder irgendwann. Das kommt aber auch aufs Rennen an. Es ist für mich nicht entscheidend, dass ich sieben Leute habe, die alles für mich geben, wenn ich mal die Chance habe, auch mal für sich selbst fahren zu dürfen. Wenn man mir mal freie Hand gewährt, reicht das schon aus.

Ist Bremen der ideale Standort für Sie?

Kämna: Bremen ist meine Heimat, ich fühle mich wohl, wenn ich durchs Blockland oder die Wümmewiesen fahr. Ich habe eine Zeit lang in Köln gelebt, das war einfach nur schrecklich. Bremen ist nicht das Toptrainingsgebiet, in dem ich Berge fahren kann, aber grundlegendes Training kann ich hier auch absolvieren. Sobald man Intensitäten im Berg fahren möchte, muss man woandershin.

Apropos Bremen: Das Sechstagerennen haben Sie ja auch schon mal angeschossen.

Kämna: Ich würde auch mal gerne mitfahren, aber das ist wohl eher was für das Ende der Karriere. Madison (Zweier-Mannschaftsfahren, Anm. d. Red.) bin ich seit Ewigkeiten nicht gefahren, das müsste ich wieder lernen und ich bräuchte einen Partner, dem ich vertrau. Dann könnte ich mir das schon vorstellen.

Die Fragen stellten Helge Hommers und Mathias Sonnenberg.

Zur Person

Lennard Kämna ist in Fischerhude aufgewachsen und lebt in Bremen. In diesem Jahr ging der 22-Jährige für den deutschen Radrennstall Sunweb erstmals bei der Tour de France an den Start.

Hans-Peter Jakst ist Besitzer eines Fahrradgeschäfts in Bremen. Der 65-Jährige war Profiradsportler und gewann die Deutsche Meisterschaft im Straßenrennen. 1980 fuhr er bei der Tour de France mit.


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