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Nach einem schlimmen halben Jahr
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Ohne Ängste in die Höhe

Mathias Sonnenberg 20.06.2019 0 Kommentare

Stina Seidler tritt weiter für Werder Bremen an. Bei der U 23-Meisterschaft in Wetzlar sprang sie mit 4,20 Meter persönliche Bestleistung.
Stina Seidler tritt weiter für Werder Bremen an. Bei der U 23-Meisterschaft in Wetzlar sprang sie mit 4,20 Meter persönliche Bestleistung. (Iris Hensel)

Am Dienstag hat Stina Seidler ihren 21. Geburtstag gefeiert. Obwohl, gefeiert ist der falsche Ausdruck, der Tag lief eigentlich so, wie viele im Leben einer Leistungssportlerin nun mal so laufen. Morgens zwei Stunden Training, mittags ein bisschen Pause, ab 16 Uhr die zweite Einheit, dann Regeneration. „Für eine Feier ist kein Platz“, erzählt sie, als sie sich mittags ein paar Minuten Zeit nimmt für das Telefonat. Das ist verständlich, denn am Sonntag (23. Juni) kämpft sie um einen Platz bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Schweden, dort starten im Juli die besten Athleten, die jünger als 23 sind. Stina Seidler möchte dabei sein, deutsche Meisterin ist sie schon. Eigentlich möchte sie jetzt überall dabei sein, nichts mehr verpassen. Denn die vergangenen Monate haben sie gelehrt: Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit. Und Sport plötzlich auch nicht mehr.

Stina Seidler ist Stabhochspringerin. Sie war das schon immer, lange auch bei Werder Bremen. Hier an der Weser ist sie geboren, sie hat hier ihr Abitur gemacht. Dann geht es zum Studium nach Berlin, „Internationale Wirtschaft“ heißt ihr Studiengang. Sie zieht nach Potsdam, lebt und trainiert dort, startet aber weiter für Werder. „Die Bedingungen in Potsdam sind optimal“, sagt sie noch heute. Auch Stefan Ritter ist vor Ort, der Bundestrainer. Alles ist normal, die Bremerin lernt, trainiert – bis sie im Oktober 2018 merkt, dass etwas mit ihrem Herzen nicht stimmt. Sie nennt es „eine ziemlich heftige Geschichte, auf die ich gerne verzichtet hätte“. Stina Seidler verspürt plötzliches Herzrasen und Herzpoltern. Nicht immer, aber immer häufiger. Die Schläge kommen dann so schnell und so heftig, „dass ich dachte, mir springt das Herz aus der Brust“.

Sie alarmiert ihre Eltern und ihren Trainer. Dann geht alles seinen Gang. Erst zum Arzt, der die Athleten betreut und tatsächlich gesundheitliche Auffälligkeiten findet. Dann in die Charité in Berlin zum Kardiologen. Die Ärzte machen diverse Untersuchungen, bis ein erster Verdacht im Raum steht: Long-QT-Syndrom. Mediziner beschreiben die Krankheit wie folgt: Das Syndrom umfasst eine Gruppe von seltenen, genetisch bedingten, funktionellen Störungen verschiedener Zellmembran-Kanäle des Herzens. Stina Seidler unterzieht sich einer genetischen Testung, um den Verdacht auszuschließen. Die Effektivität dieses Tests liegt bei 70 bis 80 Prozent.

Am 15. April hält sie das Ergebnis in den Händen: negativ. „Da habe ich nur gedacht: Was für ein Glück“, sagt sie. Sport hat sie in den Wochen davor nur selten getrieben. Der Gedanke, wieder gesund zu werden, habe alles verdrängt. „Und wenn ich was gemacht habe, haben wir immer versucht, die Herzfrequenz im Training so niedrig wie möglich zu halten“, beschreibt sie ihre ersten zögerlichen Einheiten. Erst mit dem Befund am 15. April steigt sie wieder in den regelmäßigen Trainingsbetrieb ein. Die Beschwerden sind nicht weg, aber Stina Seidler kann sie jetzt einordnen. „Ich habe mich ja vorher auch nie krank oder schwach gefühlt, aber es war eben immer so ein beängstigendes Gefühl dabei.“ Das sei jetzt weg. Und wenn das Herz sich wieder meldet, „dann atme ich einfach langsam und ruhig durch. Ich weiß ja jetzt, dass es nichts Dramatisches ist, was die Kardiologen beunruhigt.“ Sie nimmt jetzt regelmäßig Magnesium und Calcium, das sei gut für den Herzmuskel.

Die uneingeschränkte Sporttauglichkeit bekommt sie erst am 12. Juni. Die medizinische Untersuchung fällt rundum positiv aus. Mit dieser Gewissheit fährt Stina Seidler am 15. Juni zu den deutschen Meisterschaften der U 23-Athleten nach Wetzlar. Und springt plötzlich so hoch wie noch nie in ihrer Karriere. 4,20 Meter bedeuten den Titel und die Qualifikation zur deutschen Meisterschaft im Berliner Olympiastadion. Als sie dann da oben so steht auf dem Siegerpodest, die Goldmedaille baumelnd um ihren Hals, da ist das alles plötzlich so weit weg. Dieser Sprung, der Sieg, dieses Gefühl, nach all den Monaten der Ungewissheit ganz oben zu stehen. „Das hat dann tatsächlich zwei Tage gedauert, bis ich begreifen konnte, was da alles passiert ist.“

Ob sie gezweifelt habe an ihrer sportlichen Zukunft, das wurde sie häufiger gefragt in den vergangenen Monaten. Stina Seidler hatte immer die gleiche Antwort: „Nein, nie!“ Alle hätten ihr Mut zugesprochen, die anderen Athleten, die Trainer, die Eltern. „Da kam nie der Spruch, dass ich besser aufhören sollte, um meine Gesundheit zu schonen. Meine Eltern haben mich immer unterstützt“, sagt sie. Jetzt hofft sie, dass der Rekordsprung von Wetzlar auch so etwas wie ein Initial für den nächsten Schritt in der Sport-Karriere ist. Sie sei zwar keine Athletin, die sich ferne Ziele setze, aber die Qualifikation am Sonntag zur U 23-EM in Schweden sollte es schon sein. Und dann kann ja auch noch ein bisschen gefeiert werden. Gründe genug hat Stina Seidler in diesem Jahr wahrhaftig gesammelt.

Weitere Informationen

Am Wochenende kämpfen zwei Bremer Stabhochspringer um die letzte Chance, noch zur U 20-EM zu kommen. Neben Stina Seidler auch Philip Kass, der bei den Landesmeisterschaften in Göttingen 5,40 Meter springen muss.


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Leserkommentare
elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...