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Podiumsdiskussion in Bremen
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Sportler diskutieren über Trennung von Spiel und politischer Meinung

Jörg Niemeyer 29.10.2018 1 Kommentar

Flagge zeigen auf den Rängen - kein seltenes Bild.
Flagge zeigen auf den Rängen - kein seltenes Bild. (imago)

Für Michael Vesper ist klar: Der Sport muss politisch sein. „Egal, was passiert – er hat immer gesellschaftliche Auswirkungen“, sagt der ehemalige Sportdirektor und Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) und verweist beispielsweise auf die Reaktionen, die 2009 der Suizid des an Depressionen erkrankten deutschen Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke auslöste.

„Sport darf aber auch nicht missbraucht werden“, sagt der 66-jährige Grünen-Politiker, der von 1995 bis 2005 der rot-grünen Regierung in Nordrhein-Westfalen angehörte. Der Grat zwischen gewollter Positionierung und ungewolltem Missbrauch scheint schmal zu sein. Das jedenfalls deutete sich während einer prominent besetzten Gesprächsrunde im Rahmen der Vollversammlung der Deutschen Sportjugend (DSJ) in Bremen an.

 „Der Sport ist unpolitisch?!“: Zu dieser durchaus provokanten Aussage befragte der DSJ-Vorsitzende Jan Holze neben Vesper auch den Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB), Thomas Krüger, und Christina Gassner, die vor ihrer aktuellen Tätigkeit für die Deutsche Fußball-Liga im Bundesfamilienministerium und bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) gearbeitet hatte.

Kampagne gegen Rassismus und Diskriminierung

Die Frage, was der Sport beziehungsweise was die im Sport handelnden Personen politisch dürfen, beschäftigte in den vergangenen Wochen auch die Bremer Öffentlichkeit, nachdem Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald erklärt hatte, dass es ein Widerspruch sei, Werder und die AfD gut zu finden. Und der Fußball-Bremen-Ligist Bremer SV betätigt sich aktuell ganz offen politisch: Am kommenden Freitag startet er eine Kampagne gegen Rassismus und Diskriminierung, die der Bremer Fußball-Verband und viele Politiker unterstützen.

Das Aufbegehren gegen marode Sportstätten und Bäderschließungen oder die Forderung nach mehr Geld in Bremen; Unmut über die Vergabe einer Fußball-WM nach Russland oder Katar; der schon 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko mit hochgestreckten Fäusten dokumentierte Kampf der US-amerikanischen Sprinter John Carlos und Tommie Smith für ihre Bürgerrechte; der Protest von American-Football-Spielern gegen Rassismus und deren Auflehnung gegen US-Präsident Donald Trump: Überall auf der Welt und zu ganz unterschiedlichen Zeiten haben sich Sportler auch politisch geäußert. „Diese Themen müssen in der Öffentlichkeit diskutiert werden“, sagt Krüger, stellt zugleich aber auch klar: „Für mich wären Grenzen überschritten, wenn im Sport ständig politische Statements abgegeben werden.“ Der Sport sei, so Krüger, in erster Linie Wettbewerb.

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Vesper zieht klare Grenzen. Politische Meinungsäußerung habe nichts auf dem Spielfeld, außerhalb davon aber sehr wohl etwas zu suchen. Vespers Begründung: Es bestünde sonst die Gefahr, dass jeder das als Bühne hoch attraktive Spielfeld für seine Zwecke nutzen würde. Christina Gassner sieht es ähnlich. „Spiele und die sportliche Bewegung sollten frei sein von politischen Äußerungen“, sagt sie. Aber alles, was institutionell sei, also von Sportlern und Funktionären zum Beispiel als Vereins- oder Verbandsvertreter geäußert werde, sei „sehr, sehr politisch“. Natürlich, so Gassner, sollten sich Verbände positionieren.

Krüger macht galant deutlich, dass ihm die Wortwahl im Titel der Gesprächsrunde nicht gefällt. Der Begriff „unpolitisch“ führe in die Irre. Wo zwei Menschen zusammenträfen, würde es schon politisch zugehen. Sein Vorschlag: Man solle das Wort „überparteilich“ statt „unpolitisch“ verwenden. „Aber man sollte sich im Sport nicht parteipolitisch betätigen“, sagt Krüger unmissverständlich. Bei einem anderen Begriff wechselt der ansonsten ruhig auftretende BPB-Präsident fast schon in den Kampfmodus. Das Wort Neutralitätsgebot, gern von „bestimmten politischen Kräften“ ins Spiel gebracht, um Kritikern den Mund zu verbieten, sei ein Kampfbegriff geworden, um Rassismus und Homophobie wieder hoffähig zu machen. „Dieser Begriff“, so Krüger, „muss als solcher dekodiert werden.“

Sind Sportler zu brav?

Was dürfe Sportpolitik denn, möchte ein Zuhörer im Bremer Congress Centrum wissen. „Der Sport hat in Deutschland eine so große politische Kraft, dass er als Instrument sehr viel Power in die eine oder andere Richtung entfalten kann“, sagt Vesper. Er plädiert vor allem für Gespräche – „am besten mit denen, die gerade an der Regierung sind“. Auch Christina Gassner hält lautstarke Aktionen nicht immer für das geeignete Mittel. „Man muss nicht gleich jede Aktivität an die große Glocke hängen“, sagt sie. Ihre Botschaft: Es gehe eben auch um strategisch richtiges Vorgehen und das Nutzen bestehender Netzwerke.

Prompt kommt die nächste Frage auf: Sind die Sportler möglicherweise zu brav, nicht radikal genug gegenüber der Politik? Die Antwort von Krüger, dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler, SPD-Politiker und früheren Berliner Familien- und Jugendsenator, fällt eher ausweichend aus. „Die ökonomische Ungleichheit im Sport muss thematisiert werden“, sagt er, „Interessen müssen immer so vertreten werden, dass sie öffentlich wahrgenommen werden.“ Vesper sagt, dass es immer legitim sei, sich mit demokratischen Mitteln für den Sport und eigene Interessen einzusetzen. Beide setzen also auf die Kraft der Worte. 

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Eine Stunde nach der ebenso unterhaltsamen wie informativen Gesprächsrunde referiert Thomas Krüger unter leicht verändertem Titel zum gleichen Thema vor der DSJ-Vollversammlung. Unter anderem sagt der 59-Jährige: „Banaler, gleichzeitig für uns aber umso entscheidender ist die Feststellung, dass der Sport in vielfältiger Weise mit politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Facetten des Lebens verflochten ist.“ Krüger beendet seinen Vortrag mit mahnenden Worten. „Wer den Sport wirklich liebt, wird sich aber davor hüten, ihn zu überhöhen und ihn in erster Linie als politisches Instrument zu begreifen.“ Sportler und Sportfan seien gut beraten, sensibel zu sein gegenüber politischer Vereinnahmung und Erwartungshaltungen, die funktionale Erwägungen vor die Freude am Spiel und an der Bewegung stellen.


Sporttabellen & Ergebnisse
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Achimer Kurier/Verdener Nachrichten: Sport aus Achim, Verden, Ottersberg, Oyten, Sottrum, Rotenburg, Langwedel, Thedinghausen, Kirchlinteln, Dörverden

 

Regionale Rundschau/Syker Kurier: Sport aus Stuhr, Weyhe, Syke, Bassum, Bruchhausen-Vilsen

 

Delmenhorster Kurier: Sport aus Delmenhorst, Hude, Ganderkesee, Dötlingen, Harpstedt, Wildeshausen

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Leserkommentare
suziwolf am 22.10.2019 13:29
@Wesersteel ...

Rettungsdienste nur noch per/im Panzer ?

Oder Vorhandene mit Rammschutz ausrüsten ?
Bremen-Fan am 22.10.2019 13:25
Was ist "mangelnde soziale Kompetenzen"? Oder wollte @daa2011 einfach ein Schlagwort benutzen, um Bremer Eltern schlecht zu reden, die ihre Kinder in ...