BREMER RENNTAG: SAISONERÖFFNUNG IN DER VAHR LOCKT 3450 ZUSCHAUER

„Uns verbindet die Liebe zum Pferd.“ Klubpräsident Bernd Scheele Filip Minarik steigt aus dem Sattel. Eingangs der Zielgeraden macht sich der Jockey noch einmal leicht und versucht, mit Aitutaki zum führenden Quartett aufzuschließen.
26.03.2016, 00:00
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BREMER RENNTAG: SAISONERÖFFNUNG IN DER VAHR LOCKT 3450 ZUSCHAUER
Von Frank Büter
BREMER RENNTAG: SAISONERÖFFNUNG IN DER VAHR LOCKT 3450 ZUSCHAUER

Sind sie erfolgreich, freuen sich die Pächter: Fuchswallach Aitutaki und Trainer Pavel Vovcenko.

Frank Thomas Koch

Wenn das Herz mitläuft

Filip Minarik steigt aus dem Sattel. Eingangs der Zielgeraden macht sich der Jockey noch einmal leicht und versucht, mit Aitutaki zum führenden Quartett aufzuschließen. Doch es bleibt beim Versuch. Schon Mitte der Zielgeraden ist absehbar, dass der Fuchswallach keinen Boden mehr gutmachen wird. Die Lücke ist zu groß. Aitutaki beendet das Rennen auf seiner Heimbahn schließlich auf dem fünften Rang.

Wenn Aitutaki bei Rennen wie an diesem Karfreitag auf die Zielgerade einbiegt, dann fiebern einige Zuschauer auf der Tribüne ganz besonders intensiv mit. Bernd Scheele ist einer davon. Der 73-Jährige feuert den Vollblüter dann derart vollblütig an, dass er über sich selbst sagt: „Da erkennt man mich nicht wieder.“ Am liebsten würde Scheele den sechsjährigen Fuchswallach Aitutaki auf den letzten hundert Metern persönlich bis ins Ziel begleiten – „da läuft das Herz dann mit“.

Bernd Scheele ist Präsident des Galopp-Clubs Bremen. Der im Dezember 1983 gegründete Verein besitzt kein eigenes Galopppferd; das Konzept basiert darauf, sich regelmäßig ein Pferd zu pachten. Und zwar gemeinschaftlich. „Jedes Mitglied ist berechtigt, sich daran zu beteiligen und Anteile zu erwerben“, erklärt Scheele. Ein Anteil kostet 50 Euro monatlich, davon werden die Unterhaltskosten bestritten.

Fast zwei Drittel der aktuell 33 Mitglieder sind an Aitutaki beteiligt. Im dritten Jahr setzt der Club nun schon auf dieses Pferd. Dabei wird mit dem Besitzer regelmäßig im Herbst neu verhandelt. „Es kann ja auch sein, dass es von anderer Seite ein Kaufinteresse für das Pferd gibt“, sagt Scheele. Über die Jahrzehnte hinweg habe sich der Galopp-Club Bremen bei den Züchtern aber einen guten Namen gemacht, „das erleichtert die Gespräche“.

Der Renntag in der Vahr war kein richtig guter Tag für die Pächter. Bei seinem ersten Start in dieser Saison ist Aitutaki in diesem Ausgleich III über 2200 Meter als Fünfter zwar noch in die Geldränge gelaufen. Die Prämie für das Abschneiden des Fuchswallachs, der eher auf längeren Strecken seine Steherqualitäten einbringen kann, beträgt allerdings nur 200 Euro – damit sind kaum die Kosten gedeckt.

Reich werden die Pächter mit ihrem Hobby ohnehin nicht. Die Prämien werden nämlich aufgeteilt, „das ist ganz genau geregelt“, sagt Bernd Scheele. Ist Aitutaki erfolgreich, sind neben der Besitzerin Heidi Monetha auch Trainer Pavel Vovcenko und der jeweilige Jockey prozentual am Gewinn beteiligt. Von der Summe, die am Ende übrig bleibt, muss die Pächtergemeinschaft dann auch noch Unterhalts- und Transportkosten, Nenngelder oder Tierarztrechnungen bezahlen. „Wir haben sowohl gute als auch schlechte Jahre durchgemacht“, sagt Scheele. „Natürlich gewinnt man gerne – am liebsten auch auf der Bremer Bahn. Aber das klappt halt nicht immer.“ Und wenn am Jahresende doch mal ein kleiner Betrag über ist, „dann gibt es für alle Vereinsmitglieder ein feudales Essen“, sagt der Klubpräsident. Der Verein sei nicht bestrebt, Gewinn zu machen, „und auf diese Weise steht bei uns in jedem Jahr am 1.1. die schwarze Eins“.

Der Galopp-Club verfügt übrigens weder über ein eigenes Gelände noch über ein eigenes Gebäude. Er arbeitet aber eng mit dem Bremer Rennverein zusammen und bietet an Renntagen für die Besucher sogar Führungen über das Rennbahnareal an. Das gepachtete Pferd ist derweil auf der Trainingsanlage in Mahndorf untergebracht, wo es von Pavel Vovcenko trainiert wird. Die monatlichen Klubabende wiederum finden im Atlantik-Hotel an der Rennbahn statt. Diese Treffen stehen dabei häufig unter einem Motto. Im November etwa wird alljährlich der Klubchampion gekürt: Wer die meisten Fragen aus dem Galoppsport richtig beantwortet, ist der Gewinner, sein Name wird auf einer Wander-Ehrentafel eingraviert.

Fester Bestandteil im Klubleben sind auch die gemeinsamen Besuche von Rennbahnen oder Reisen zu Vollblutgestüten. „Bei Renntagen in der Vahr sind fast immer alle Mitglieder da, aber wir fahren auch zusammen nach Hannover, Hamburg oder Baden-Baden“, sagt Scheele, der ebenso wie sein Stellvertreter Martin Dehner und Kassenwart Johann Günnemann zu den Gründungsmitgliedern des Galopp-Clubs gehört.

„Uns verbindet die Liebe zum Pferd. Und uns geht es darum, diese Freude am Pferd in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu teilen“, sagt Bernd Scheele. „Das ist doch eine tolle Sache!“

Und deshalb war der Freitag – unabhängig vom Abschneiden Aitutakis – dann doch ein guter Tag.

Das drohende Aus sorgt für Betroffenheit

Seit vielen Jahrzehnten ist Bernd Scheele Stammgast auf der Galopprennbahn in der Bremer Vahr. Er ist ein Pferdenarr, und er liebt das Flair auf dieser Anlage, die zu den ältesten in Deutschland gehört. Wenn der Bremer Senat indes seine Ankündigung wahr macht und den Pachtvertrag kündigt, um auf dem Areal Wohnungen bauen zu lassen, wird es diese Bahn in zwei Jahren nicht mehr geben.

„Ganz furchtbar“ findet Bernd Scheele diese Vorstellung. „Ich werde wahnsinnig, wenn ich mir das unverschämte Verhalten der Bremer Politik ansehe“, sagt der langjährige Präsident des Galopp-Clubs Bremen. Nicht nur die Mitglieder seines Vereins, sondern die Galoppsportfreunde in ganz Deutschland seien angesichts des drohenden Aus für die Bremer Rennbahn „sehr betroffen“.

Bernd Scheele wirbt daher für den Erhalt der Galoppanlage. „Es darf doch nicht sein, dass sich die Politik über das Befinden der Bürger hinwegsetzt.“ Die Rennbahn sei eine grüne Lunge mitten in der Stadt, die dürfe man nicht einfach zupflastern, sagt der pensionierte Mineralölkaufmann. „Pferdesport in Bremen“, betont Scheele, „ist ein Kulturgut. Und die Bremer Rennbahn ist ein Aushängeschild für Bremen.“ Der 73-Jährige ist optimistisch, dass dieses Aushängeschild nach Ablauf der Rennsaison 2017 nicht dem Erdboden gleich gemacht wird. Scheele sagt: „Ich bin sogar davon überzeugt, dass es die Rennbahn länger geben wird als die jetzt politisch Verantwortlichen.“

Weiteren Zuspruch erfuhr der Rennverein auch beim Saisonstart in der Vahr. Trotz des schlechten Wetters und Ferienzeit fanden sich 3450 Zuschauer auf der Anlage ein. „Das ist ein positives Zeichen“, sagte Präsidentin Tonya Rogge. „Auf die Bremer kann man sich verlassen“, sagte Vorstandssprecher Frank Lenk. „Das ist Bestätigung für die Arbeit, die der Vorstand leistet. Und es zeigt, dass die Bremer diese Bahn mögen.“

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