Olympische Spiele in Rio

Chaos vor den Sommerspielen

Politische Instabilität, Wirtschaftskrise, Zika-Virus und ein tödlicher Unfall - Rio steht vor der Austragung der olympischen Spiele im Sommer vor sehr vielen Problemen.
27.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Tobias Käufer
Chaos vor den Sommerspielen

Ob Dilma Rousseff die Olympischen Spiele als Brasiliens Präsidentin erleben wird, ist derzeit ebenso ungewiss wie die rechtzeitige Fertigstellung der U-Bahn-Linie 4 in Rio.

Antonio Lacerda, dpa

Politische Instabilität, Wirtschaftskrise, Zika-Virus und ein tödlicher Unfall - Rio steht vor der Austragung der olympischen Spiele im Sommer vor sehr vielen Problemen.

Für die Freunde von Rolando Severino ist der Schuldige schon ausgemacht: Bürgermeister Eduardo Paes sei ein Mörder, klagt Fabio Silva gegenüber brasilianischen Medien den Chef der Stadtverwaltung Rio de Janeiros an. Severino, ein 60 Jahre alter Straßenfeger, gehörte zu den Todesopfern des dramatischen Einsturzes des neuen spektakulären Radweges, der das historische Rio de Janeiro mit dem Olympiaviertel Barra verbinden sollte.

Der dramatische Unfall sorgt in den sozialen Netzwerken für bitterböse Kommentare: Von Schlamperei am Bau, von Korruption und von Vetternwirtschaft ist da die Rede. Welche Eigendynamik der Skandal rund 100 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele am 5. August noch nehmen wird, ist nicht abzusehen. Das Zeug zu einem politischen Tsunami zumindest innerhalb Rio de Janeiros hat er allemal. Für den jugendlichen Bürgermeister, dem langfristig Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt werden, ist das ein schwerer Kratzer auf seinem selbst gewählten Image als Macher. Für den Rest der Welt scheint der Unfall zwar tragisch, aber eben doch nur ein kleiner Zwischenfall zu sein.

Schönster Radweg aller Zeiten

Für Rios sportbegeisterte Bevölkerung, die fast jede freie Minute auf diesen Rad- und Joggingwegen oder am Strand verbringt, war der Einsturz ein großer Schock, denn es hätte jeden treffen können. Bitter ist der Unfall auch deshalb, weil es eben die Investitionen in die Verkehrs-Infrastruktur der Stadt waren, die die Olympiabefürworter den Kritikern stets entgegenhielten. Nun ist der Radweg eingestürzt und die Fertigstellung der Metro-Linie 4 Richtung Barra ein Wettlauf mit der Zeit.

Dabei ist der Einsturz des von den Olympia-Planern als schönster Radweg aller Zeiten gepriesenen Bauwerks direkt an der Atlantikküste nur eines von vielen Problemen, welche die kommende Olympia-Stadt Rio de Janeiro zu meistern hat. Vor allem die tiefe politische Krise, die das Land lähmt, wirft einen dunklen Schatten auf die Spiele. „Unser politisches System funktioniert nicht“, sagt Schriftsteller Zuzu Zapata und kritisiert, nur eine Handvoll Parlamentarier seinen vom Volk direkt gewählt.

Neuwahlen als Lösung

Zapata gehört zur jungen, intellektuellen Szene der Stadt, die mit den etablierten Parteien gebrochen hat und einen Neuanfang fordert. Die Szene will, so kündigen es zahlreiche Aktivisten in den Netzwerken zumindest an, die Spiele als Plattform für groß angelegte Demonstrationen nutzen. Sie will ein neues Brasilien, eine neue Politik und eine neue Verfassung. Ob ihre bislang noch sehr lose Initiative genug Durchschlagskraft hat, wird sich zeigen.

Gut drei Monate vor den Spielen ist noch immer nicht klar, wer eigentlich die Spiele eröffnen wird: Das Amtsenthebungsverfahren gegen Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff steht unmittelbar bevor, schon im Mai könnte die linksgerichtete Politikerin nicht mehr das Staatsoberhaupt des größten südamerikanischen Landes sein. Doch auch gegen ihren potenziellen Nachfolger und Ex-Koalitionspartner, Michel Temer, wird längst ermittelt: Temer gehörte immerhin der Regierung an, die für die haushaltspolitischen Tricksereien verantwortlich ist, die als Basis für Rousseffs Impeachmentverfahren dienen. Die sauberste Lösung wären Neuwahlen, doch die sind aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht so einfach durchzusetzen. Und so geht Brasilien mit einem seltsamen politischen Vakuum in die Spiele. Nur eines steht jetzt schon fest: Wer auch immer an der Seite von IOC-Präsident Thomas Bach die Eröffnungsformel sprechen wird, ein gellendes Pfeifkonzert der von der Politik tief enttäuschten Brasilianer wird ihm oder ihr gewiss sein.

Kein Glanz

Wenn denn überhaupt Besucher ins Stadion kommen – denn das ist das nächste Problem. Zwar ist das Zika-Virus von den Titelseiten verdrängt, doch der Hype um das für die Schädelmissbildung bei Kindern im Mutterleib verantwortliche Virus, das von einer Mücke übertragen wird, hat längst im Rest der Welt seine Wirkung entfacht. Der Ticketverkauf bleibt hinter den Erwartungen zurück, das liegt vor allem daran, dass ausländische Touristen mit der Reisebuchung zögern. Und die Brasilianer leiden unter einer hohen Inflation, die ihre Einkommen auffressen. Da bleibt nicht viel Geld für ein Olympia-Ticket übrig. Und den ganz großen Glanz versprühen die brasilianischen Athleten vor den Spielen auch nicht. Fußball mit Superstar Neymar, Volleyball und Beachvolleyball sind Selbstläufer, aber am Rest des Treffens der Jugend der Welt scheint der Brasilianer bislang nicht sonderlich interessiert.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+