FSJ in der Zwangspause

Kein Training, kein Wettkampf, kein Vereinsleben

Tabea Lange nutzt ihr Freiwilliges Soziales Jahr beim TuS Huchting zur Orientierung. Welchen Beruf die 20-Jährige später ausüben will, hat sie trotz der Corona-Pause schon herausgefunden.
01.04.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Mario Nagel
Kein Training, kein Wettkampf, kein Vereinsleben

Wegen der Corona-Pandemie ist das Freiwillige Soziale Jahr von Tabea Lange beim TuS Huchting unterbrochen. Die 20-Jährige versucht jetzt, das Beste aus der Situation zu machen.

Christina Kuhaupt

Kein Training, kein Wettkampf, kein Vereinsleben: Das Coronavirus hat die Bremer Sportklubs voll erwischt. Wo sich normalerweise Woche für Woche Tausende Sportler tummeln, herrscht jetzt gähnende Leere. Die Hallen bleiben geschlossen, die Rasenflächen unbenutzt. Das ist auch beim TuS Huchting nicht anders. Der Sportbetrieb ist eingestellt, es gibt nur sehr wenig zu tun. „Eigentlich gibt es sogar gar nichts zu tun“, sagt Tabea Lange. Sie ist 20 Jahre alt und macht ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) im Verein. Die Corona-Krise wirbelt auch das Leben der FSJlerin – so werden die Freiwilligen bezeichnet – gehörig durcheinander. Statt im Büro, sitzt sie nun zu Hause. „Das ist zwar blöd für mich, aber was soll ich machen?“, fragt Lange.

Als sie sich vor einem halben Jahr für das freiwillige soziale Jahr entschied, war damit auch eine gewisse Planungssicherheit einhergegangen. In welchem Beruf Tabea Lange später arbeiten will, wusste sie schließlich noch nicht. „Auf jeden Fall in Richtung Sport und Soziales“, erinnert sich die 20-Jährige, die im letzten Sommer ihr Abitur an der Oberschule am Leibnitzplatz gemacht hatte. Warum also nicht das FSJ machen, das ja als Orientierungsjahr dient. Doch genau dieser Plan scheint jetzt zu scheitern. Der Grund: Corona. „Die letzten Tage war ich schon zu Hause. Am Wochenende kam dann die klare Rückmeldung, dass für mich keine Beschäftigung möglich ist“, sagt Tabea Lange.

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Geschäftsstelle in Notbesetzung

Die Geschäftsstelle des TuS Huchting ist bereits in Notbesetzung, die beiden festangestellten Mitarbeiter wechseln sich in den Schichten ab. Die Vereinsleitung sitzt zudem im Homeoffice. „Wenn das Sportangebot wegfällt, fallen auch die Aufgaben für mich als FSJler weg.“ Normalerweise sitzt Tabea Lange vormittags im Büro, schreibt Trainingspläne oder kümmert sich um anfallenden Papierkram. Manchmal ist sie auch im Kraftwerk, dem Geräteraum des Vereins, zugange. Nachmittags sei sie dann immer in den Sportgruppen, beim Schwimmen oder Geräteturnen. „Oder da, wo ich halt gebraucht werde“, sagt die 20-Jährige. Seit 16 Jahren ist die aktive Schwimmerin selbst Mitglied im Verein, mit dem freiwilligen sozialen Jahr wollte sie ihrem TuS Huchting etwas zurückgeben.

Seit vier Jahren leitet sie bereits das Training in einigen Schwimmgruppen, im FSJ sind es natürlich noch deutlich mehr. Von vier bis 17 Jahren ist jede Altersklasse dabei, auch die Senioren werden bei ihrem „freien Schwimmen“ betreut. Doch jetzt fallen alle Aufgaben weg, denn auch im Büro gibt es derzeit nichts zu tun. „Am Anfang konnte ich noch die Dinge abarbeiten, die vorher liegen geblieben sind. Aber das ist ja auch nicht so viel“, sagt Tabea Lange. Der Tag, als sie die Auswirkungen der Corona-Pandemie zum ersten Mal persönlich spürte, ist noch allgegenwärtig. „Das war ein Mittwoch, da war ich beim Geräteturnen. Niedersachsen hatte gerade die erste Schule geschlossen und einige Eltern überlegten, ob sie ihre Kinder noch zum Training schicken sollen.“

„Ich glaube auch nicht, dass sich bis zum Ende des FSJ viel ändern wird.“

Kurz darauf sei dann die Entscheidung gefallen: Die Kinder sollten dem Training beim Geräteturnen fernbleiben. Zwei Tage später, am 13. März, reagierte auch der TuS Huchting und stellte den gesamten Trainings- und Spielbetrieb ein. „Ich wusste schnell, was die Corona-Pandemie für mich bedeutet“, sagt Tabea Lange. Eine Zwangspause, die eine große Veränderung für den Alltag bedeutet. Und ein Einschnitt, der vermutlich noch eine Weile andauern wird. „Ich glaube auch nicht, dass sich bis zum Ende des FSJ viel ändern wird.“

Ob der TuS Huchting bis zum 31. August das Taschengeld für ihr freiwilliges soziales Jahr zahlen kann, weiß Tabea Lange nicht. Bislang habe sie nichts anderes gehört. „Aber ich bin zum Glück auch nicht so darauf angewiesen“, sagt die 20-Jährige, die noch bei ihren Eltern wohnt. Etwas Positives kann sie in Zeiten der Corona-Pandemie dann aber doch berichten. „Ich weiß jetzt, welchen beruflichen Weg ich einschlagen will.“ Nach dem FSJ will Tabea Lange Sport studieren, der Fokus soll auch auf der Entwicklungspädagogik liegen. „Damit kann ich später in der Sporttherapie arbeiten“, weiß sie. Bis ihr Studium beginnt, will Lange aber nicht faul zu Hause rumsitzen.

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Das Beste aus der Zwangspause machen

Unter dem Hashtag #wirgegencorona werden junge Menschen dazu aufgerufen, Bedürftigen ihre Hilfe anzubieten. „Gerade junge Menschen können sich in bestimmten Bereichen engagieren.“ Tabea Lange will deshalb nun Flugblätter verteilen, auf die sie ihre Hilfsangebote geschrieben hat. „Einkaufen gehen oder die Gartenarbeit machen“, nennt die 20-Jährige einige Beispiele. Dass sie ihr freiwilliges soziales Jahr vielleicht nicht beenden kann sei zwar schade, aber sie wolle das Beste aus der Situation machen. An der Zwangspause kann sie nicht viel ändern. Was sie aus der Situation machen kann, beantwortet sich die 20-Jährige letztlich selbst. Vielleicht werden ihr weitere FSJler folgen.

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Zur Sache

Freiwillige stehen vor Schwierigkeiten

Seit rund 15 Jahren bietet die Bremer Sportjugend den Freiwilligendienst (FWD) in einem Sportverein an. 60 Männer und Frauen absolvieren ihren FWD derzeit, die Zahl der Freiwilligen stieg in den letzten zehn Jahren kräftig an. Geht es nach Linus Edwards, dem verantwortlichen Abteilungsleiter der Bremer Sportjugend, könnten es auch noch mehr sein. „Aber für einen FWDler müssen wir pro Woche eine Betreuung von mindestens einer Stunde gewährleisten.“ Die personelle Kapazität der Bremer Sportjugend ließe das noch nicht zu, sagt der 36-Jährige. In Zukunft sollen jedoch noch mehr FWDler das Orientierungsjahr absolvieren können.

Ein Sportverein muss pro Monat 420 Euro für einen Freiwilligen zahlen. Viele Klubs und Verbände planen die FWDler fest ein, doch aufgrund der Corona-Krise droht einem Drittel von ihnen das vorzeitige Ende. „20 Freiwillige haben uns mitgeteilt, dass sie vor großen Schwierigkeiten stehen“, sagt Linus Edwards, der sich regelmäßig nach der aktuellen Situation erkundigt. Um die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus abzufedern, startet der 36-Jährige jetzt einen Aufruf. „Wir würden die Freiwilligendienstler auch in sozialen Einrichtungen wie zum Beispiel der Pflege einsetzen.“ Unternehmen und Einrichtungen, die personelle Unterstützung brauchen, können sich unter info@bremer-sportjugend.de melden.

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