Clásico zwischen Barcelona und Real Madrid im Zeichen des verstorbenen Cruyff

Danke Johan

Barcelona. Das Blumenmeer war schon abgeräumt, doch die Fahnen am Camp Nou zeigten noch Trauer an: Sie wehten auf halbmast, als der FC Barcelona sein erstes Heimspiel nach dem Tod von Johan Cruyff austrug. Es waren allerdings nur die Basketballer in der Euroleague-Partie gegen Bamberg, und so blieb es nebenan im Palau Blaugrana bei einer Schweigeminute.
02.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von FLORIAN HAUPT
Danke Johan

Die Gedenkfeier für Johan Cruyff im Camp-Nou-Stadion ist Vergangenheit, nun fiebert Barcelona dem Clásico an diesem Sonnabend entgegen.

DAVID OLLER/EUROPA PRESS, action press

Das Blumenmeer war schon abgeräumt, doch die Fahnen am Camp Nou zeigten noch Trauer an: Sie wehten auf halbmast, als der FC Barcelona sein erstes Heimspiel nach dem Tod von Johan Cruyff austrug. Es waren allerdings nur die Basketballer in der Euroleague-Partie gegen Bamberg, und so blieb es nebenan im Palau Blaugrana bei einer Schweigeminute. Das wird an diesem Sonnabend anders sein. Dann öffnet erstmals wieder das Stadion, in dem Cruyff als Spieler ganze Generationen betörte und als Trainer den Fußball revolutionieren ließ. Und so wie der Himmel ihn just über Ostern rief, so exquisit hat das Schicksal auch den Gegner zum Ehrenakt des Fußball-Heiligen gewählt: Es kommt Real Madrid.

Mit 90 000 Schildchen werden die Zuschauer ein Mosaik bilden: „Gràcies, Johan“, Danke Johan. In Barcelona nannten sie ihn nur beim Vornamen, er war ja einer von ihnen. Von Anfang an, seit er 1973 in ein von der Franco-Diktatur unterdrücktes Katalonien kam, gab es diese mystische Verbindung, und bis zuletzt, auch wenn nicht immer alle jede seiner pointierten Meinungen teilen mochten.

Graciès, Johan: Das Motto dieser Tage werden auch die Spieler auf dem Trikot tragen. Es wird eine Videohommage geben, und die acht noch lebenden (Ex-)Präsidenten, teils bitterlich verfeindet, werden sich seinem Gedenken zuliebe nebeneinander in die Loge bequemen. Zum Spiel selbst sagt Andrés Iniesta: „Den Clásico für Johan zu gewinnen, wäre etwas ganz Besonderes.“ Vielleicht ja sogar so wie beim 4:0 im Hinspiel. Oder wie an jenem 17. Februar 1974, als Cruyff in seinem ersten Clásico gleich 5:0 triumphierte, in Madrid. Der bis heute höchste Auswärtssieg in 230 Duellen beider Klubs, mit einer Mannschaft, die er zur ersten Meisterschaft seit 14 Jahren führte. 14, seine legendäre Trikotnummer.

Wenn Trainer Luis Enrique jetzt sagt, man wolle „sein Erbe fortsetzen”, geht es allerdings weniger um Heldentaten in schwarz-weiß. Der Barça-Spieler Cruyff (bis 1978) schaffte es letztlich nicht, die Verhältnisse im spanischen Fußball zu ändern, die für Madrid die Macht vorsahen und für Barça die Melancholie, das Scheitern auf hohem Niveau.

Erst der Trainer Cruyff (1988 bis 1996) leitete den schleichenden Zyklenwechsel ein. 1990 hatte Barça noch keinen Europapokal der Landesmeister gewonnen und lag bei den Meistertiteln 10:25 zurück. Seitdem gewann es öfter die Champions League als Real (5:4) und fast doppelt so oft die Liga (13:7). Die nächste Meisterschaft dürfte bald folgen. Neun Punkte beträgt der Vorsprung vor Atlético Madrid, zehn vor Real. „Wenn wir gewinnen, ist der Titel noch möglich“, sagt zwar dessen Stürmerstar Gareth Bale, doch das glauben nicht mal die eigenen Fans. Wie auch, bei Barças aktueller Serie von 39 Spielen ohne Niederlage.

Ein achtbares Ergebnis wäre für Real dennoch so wichtig wie selten – für den Klubfrieden in einer turbulenten Saison; für das Selbstwertgefühl vor dem Champions-League-Trip nach Wolfsburg; und nicht zuletzt, um den Eindruck zu widerlegen, der Abstand zu Barcelona sei so groß wie nie zuvor. Die 0:4-Demütigung im November kulminierte schließlich eine Entwicklung, die Barcelona nicht nur seit 2005 mit 7:3 bei den Meisterschaften und 4:1 in der Champions League führen, sondern vor allem als überlegenes Modell erscheinen lässt. Während in Madrid die Capricen und Glamourfantasien von Präsident Florentino Pérez alle Nerven blank gelegt haben, fängt Barça auch schlechtere Phasen der Mannschaft und bisweilen chaotische Zustände in der Vereinsführung durch das grundlegende Zutrauen in seine Spielphilosophie auf. Jener Philosophie eben, die Cruyff im Klub verankerte.

Auf den Punkt brachte dieses Verdienst nun der langjährige Rivale Jorge Valdano, früher Spieler, Trainer und Sportdirektor von Real Madrid. „Cruyff lehrte Barcelona, anders zu spielen und eine Siegermentalität zu haben“, sagte er, während er dem Verstorbenen als einer von über 60 000 Menschen während der viertägigen Vereinstrauer am Camp Nou die letzte Aufwartung machte: „Als Genie ermöglichte es ihm seine Intuition, der Zeit voraus zu sein. Cruyff begann einen neuen Weg, der die Geschichte verändert hat.“

An der schreiben sie nun weiter, darunter ein Genie dieser Zeit. „Ein großer Teil von dem, was Barça in den letzten Jahren gezeigt hat, ist ihm geschuldet“, sagt Lionel Messi über den Klubmaestro. Vor Kurzem erwies er dem kranken Cruyff mit seinem indirekten Elfmeter die Ehre. Dem verstorbenen Cruyff könnte er, wenn er trifft, am Sonnabend das 500. Tor seiner Karriere widmen. „Ich habe Messis Gesicht gesehen“, versicherte Luis Enrique am Freitag, „alle sind wie verrückt nach dem Sieg“.

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