Darts

Kein Halligalli im Ally Pally

Die Darts-Weltmeisterschaft in London ist beendet, der neue Titelträger heißt Gerwyn Price. So hat der Bremer Tomas „Shorty“ Seyler als TV-Experte die Darts-WM erlebt.
05.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Kein Halligalli im Ally Pally
Von Frank Büter

Bremen. Ein ehemaliger Rugbyprofi ist die neue Nummer eins im Dartssport: Mit einem 7:3-Erfolg im Finale der PDC-Weltmeisterschaft über den Schotten Gary Anderson hat sich der Waliser Gerwyn Price am späten Sonntagabend den WM-Titel gesichert und den zuvor sieben Jahre dominierenden Niederländer Michael van Gerwen an der Spitze der Weltrangliste abgelöst. „Es gibt keinen größeren Tag als diesen“, sagte Quereinsteiger Price nach dem Triumph über den zweifachen Titelträger Anderson. „Das bedeutet mir die Welt.“ Es werde ein paar Tage dauern, sagte der „Iceman“, bis er das begriffen habe.

„Das ist eine tolle Story, da muss man den Hut ziehen“, sagt auch Tomas „Shorty“ Seyler. Der Bremer war früher einer der besten deutschen Dartsspieler und hat selbst viermal an der Weltmeisterschaft teilgenommen. Seit vielen Jahren schon arbeitet Seyler inzwischen als Darts-Experte – zunächst beim TV-Sender Sport1, aktuell beim Streaming-Dienst Dazn – und hat sich dabei an der Seite von Kommentator Elmar Paulke einen Kultstatus in der Szene erworben. Auch bei dieser nun beendeten WM war der 46-Jährige mehrfach im Einsatz, unter anderem beim Finale am Sonntagabend.

Ein Finale, das mit Gerwyn Price einen verdienten und würdigen Sieger gefunden habe, sagt „Shorty“ Seyler, „Anderson hat sich so verletzlich gezeigt wie nie und zu keinem Zeitpunkt ins Spiel gefunden“. Er habe den Eindruck gehabt, dass Anderson zuvor schon mit dem Erreichten zufrieden gewesen sei. Anders als Price. Der war „brillant auf die Doppel, körperlich frisch und dem Druck zu jeder Zeit gewachsen“, so Seyler. Nur kurz hatte Price um den Sieg zittern müssen, doch als dann der zwölfte Match-Dart endlich sein Ziel fand, durfte er die 25 Kilogramm schwere Sid-Waddell-Trophy im Konfettiregen in die Höhe stemmen.

Der polarisierende Muskelprotz, der nach einer Handverletzung seine Rugbylaufbahn beendet hatte und erst 2014 an die Darts-Scheibe wechselte, ist damit auf dem Gipfel angekommen. Der Triumph ist die Folge eines stetigen Aufstiegs. Price verbesserte sich über die Jahre von Rang 76 über die Plätze 31, 20, 13, 7 und 3 – und nun steht er ganz oben. Die Nummer eins zu sein, bedeute ihm dabei mehr als der WM-Titel, sagte Gerwyn Price mit stolzgeschwellter Brust. Seyler teilt diese Einschätzung nicht ganz. „Natürlich ist es saustark, sich in dieser kurzen Zeit in der Rangliste bis ganz nach vorne zu kämpfen“, sagt der Bremer. „Der Titel wird ihm aber für die Zukunft mehr bringen. Geld, Renommee – an den Weltmeister Gerwyn Price wird man sich immer erinnern, das wird er auch im Alter noch genießen können.“

Wie auch immer das Maß der Anerkennung später ausfallen wird: Den Erfolg vom 3. Januar 2021 im Alexandra Palace von London musste der Vater zweier Töchter allein genießen. Weder Familie noch Freunde oder Fans waren zugegen. Die Nacht verbrachte der 35-Jährige allein im Hotel. Price ließ sich den größten Sieg seiner Laufbahn indes nicht verderben. Mit dem Weltmeister-Pokal im Arm sagte er strahlend und allerbester Laune: „Worte können nicht beschreiben, was ich fühle. Ich hoffe, dass sich die 500.000 Pfund Preisgeld genauso schwer anfühlen.“

Es war also nix mit Halligalli im Ally Pally – bei dieser WM war eben vieles anders als in den Vorjahren. Nach dem ersten Wettkampftag, zu dem unter strengen Auflagen noch 1000 Zuschauer und damit ein Drittel der sonst üblichen Kapazität zugelassen waren, blieben die Türen nach einem Beschluss der Regierung geschlossen. Einmal mehr wurde eine Darts-Veranstaltung Corona-bedingt also als reines TV-Turnier und ohne Zuschauer ausgetragen. „Medial hat es trotzdem funktioniert“, sagt Tomas Seyler mit Blick auf die Einschaltquoten. Und auch sportlich sei viel passiert, „wir haben tolle Spiele gesehen“.

Gleichwohl hat auch „Shorty“ Seyler, der seit April vergangenen Jahres gemeinsam mit Paulke wöchentlich den Darts-Podcast „Game on“ veröffentlicht, die Zuschauer vor Ort vermisst. „Die Spieler sind vielleicht konzentrierter, wenn sich die Stimmung nicht so hochschaukelt. Mir hat aber der Spaß-Faktor gefehlt, die Symbiose der Zuschauer mit den Spielern“, sagt der dreifache deutsche Meister. Zuschauer seien ein wichtiger Bestandteil, Darts, betont Seyler, lebe von dieser Mischung aus Sport und Spaß, der Entertainmentfaktor gehöre dazu. „Das macht doch auch den Reiz aus.“ Und eben deshalb hoffe er sehr, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis wieder vor Zuschauern gespielt werden dürfe.

Eine dauerhafte Wachablösung an der Spitze der Dartswelt erwartet Tomas Seyler derweil nicht. Aber der Wechsel jetzt sei der Auftakt in eine heiße Phase, „die nächsten zwei Jahre werden sich die Topspieler wie van Gerwen, Price und Peter Wright richtig ins Zeug legen“. Ähnliches erwartet er von der deutschen Darts-Elite um Gabriel Clemens, der sich in der Weltrangliste auf Platz 29 verbessert hat, und Max Hopp (Platz 39). Einen Boris-Becker-Effekt sehe er zwar noch nicht, sagt „Shorty“ Seyler, „aber der nächste Step ist gemacht – jetzt liegt es am Verband, den Nachwuchs in Deutschland entsprechend zu fördern“.

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Zur Sache

Premier-League-Finale in Berlin

Weltmeister Gerwyn Price führt das Aufgebot für die prestigeträchtige Premier League der Darts-Profis an. Dies teilte der Weltverband PDC im Anschluss an das WM-Finale zwischen Price und Gary Anderson (7:3) mit. Neben den beiden WM-Finalisten sind Michael van Gerwen (Niederlande), Peter Wright (Schottland) und Rob Cross (England) über die Rangliste dabei. Zudem erhielten Glen Durrant, Nathan Aspinall (beide England) sowie die beiden Debütanten Dimitri van den Bergh aus Belgien und José de Sousa aus Portugal Wildcards. Der zehnte Starter blieb zunächst offen. „Es gibt viele Spieler, die ihre Fähigkeiten gezeigt haben. Wir werden sehen, wer dieser zehnte Spieler sein wird“, sagte Geschäftsführer Matthew Porter bei Sky Sports. Wegen der Corona-Pandemie soll die Premier League in diesem Jahr später als üblich beginnen. Das Finale ist in diesem Jahr in Berlin geplant.

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