Sprinter René Enders ersetzt bei den Sixdays seinen Wegbegleiter Maximilian Levy

Das alte Ehepaar und der Aushilfsjob

Als Maximilian Levy auf der Trage im Krankenwagen liegt und in Richtung Operationssaal gefahren wird, verschwendet er keinen Gedanken an seine Schulter. Der Radprofi braucht die Diagnose gar nicht abzuwarten.
14.01.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Das alte Ehepaar und der Aushilfsjob
Von Nico Schnurr
Das alte Ehepaar und der Aushilfsjob

Genießt nach einem schweren Jahr seine Sixdays-Premiere: René Enders.

Frank Thomas Koch

Als Maximilian Levy auf der Trage im Krankenwagen liegt und in Richtung Operationssaal gefahren wird, verschwendet er keinen Gedanken an seine Schulter. Der Radprofi braucht die Diagnose gar nicht abzuwarten. Jemand wie er, der seinen Körper so genau kennt, weiß, was zu tun ist. Es braucht nicht mehr als ein paar Zeilen bei Whatsapp, schon hat sich die Sache erledigt. Nicht die mit seinem Schlüsselbein, den Bruch kann er natürlich nicht mehr rückgängig machen. Dafür aber hat er gerade einmal 30 Minuten nach seinem Sturz im Training einen Ersatz für die Sixdays in Bremen gefunden.

„Es gibt Dinge zwischen Max und mir, für die braucht es keine Absprachen mehr“, sagt René Enders. „Wir wissen, wer auf welcher Seite des Bettes schläft, wenn wir uns ein Zimmer teilen, und wen es anzurufen gilt, wenn man im Krankenwagen liegt.“ Und weil das so ist, startet nicht Levy in diesem Jahr beim Sprintwettbewerb auf der Bremer Bahn, sondern Enders. „Selbstverständlich, dass ich aushelfe“, sagt er. Denn Levy und er, „wir zwei haben schon ein sehr spezielles Verhältnis“.

Seit inzwischen zwölf Jahren sind die beiden Sprinter ständig zusammen unterwegs. Die 29-Jährigen werden im gleichen Jahr geboren, auch sonst gleichen sich ihre Lebensläufe. Zusammen reisen sie zu den Olympischen Spielen nach Peking, London, Rio, gewinnen dabei gemeinsam zweimal Bronze. Sie werden Weltmeister, teilen sich ihre größten Erfolge und Niederlagen. „Wir bezeichnen uns schon als altes Ehepaar“, sagt Enders. „Ich kenne alle seine Verhaltensmuster, wir sind perfekt aufeinander abgestimmt.“

Bremen ist deswegen eine neue Erfahrung für Enders. Nicht nur, weil er zum ersten Mal bei den Sixdays ist. Er ist seit Langem auch mal wieder ohne Levy unterwegs. Schon in den ersten Tagen des Rennens spürt er das. Wenn Levy und er sich ein Zimmer teilen, „dann unterhalten wir uns über Probleme und Alltägliches – Haus, Kind, Familie“. Jetzt fehlt ihm das. Zwischen den meisten jüngeren Sprintern und ihm liegen oft über zehn Jahre Altersunterschied. „Da fällt es schwer, ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden“, sagt Enders. Immerhin bleibt ihm der Whatsapp-Kontakt zu Kumpel Levy. Und der meldet sich auch gleich am Donnerstag, nach Enders‘ erstem Sieg.

„Es lief gut, sehr gut, für den ersten Abend“, sagt Enders. Für ihn sind die Sixdays der erste Wettkampf seit einer ganzen Weile. Sie sind ein Neuanfang. Der Beginn, die Dinge gelassener zu sehen. Denn hier, bei den Sixdays, kann er „das Rennen genießen.“ Nach Olympia 2016 fällt ihm das eine Zeit lang schwer. Er muss sich „rausnehmen“. Für 2017 hat er die WM und alle Weltcups abgesagt.

Olympia 2016 wird zur Zäsur für ihn. „Ich musste raus, brauchte Abstand. Ich war satt von dem Sport“, sagt er. Olympia soll für ihn der Höhepunkt werden. In Rio will er seine Laufbahn vergolden. Vier Jahre arbeitet er „wie ein Verrückter“, bricht Weltrekorde, gewinnt alle Weltcups – „und am Ende stehe ich mit leeren Händen da“. Platz fünf, ein Schock. „Das musste ich erst einmal verarbeiten“, sagt er. Bei Misserfolgen neige er dazu, „ein schlechtes Gewissen zu haben – vor allem gegenüber dem Team“. Sich das auszureden, das sei ein Prozess gewesen. Immer wieder ruft er sich in Erinnerung: „Ich muss mir keine Vorwürfe machen, ich bin kein schlechterer Mensch, nur weil ich kein olympisches Gold im Schrank stehen habe.“

Geholfen hat Enders die Geburt seines Sohnes. Seitdem sieht er „die Dinge etwas klarer“. Denn seinem Sohn, „dem ist egal, ob ich mit Gold oder Platz fünf aus Rio zurückkomme“, sagt Enders, „für ihn ist die Hauptsache, dass ich da bin.“

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