Warum Wolfsburgs Marcel Schäfer der beliebteste Ersatzspieler der Bundesliga ist Das Auslaufmodell

Einst wurde er in die Nationalmannschaft berufen, jetzt spielt er beim VfL Wolfsburg nur noch eine Nebenrolle. Und doch bleibt Marcel Schäfer seinem Arbeitgeber wie vereinbart bis zum Jahr 2017 treu. Das hilft ihm – und auch seinem Klub.
04.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Otto

Einst wurde er in die Nationalmannschaft berufen, jetzt spielt er beim VfL Wolfsburg nur noch eine Nebenrolle. Und doch bleibt Marcel Schäfer seinem Arbeitgeber wie vereinbart bis zum Jahr 2017 treu. Das hilft ihm – und auch seinem Klub.

Die bohrenden Fragen holen ihn ständig wieder ein. Bin ich noch gut genug? Bekomme ich meine Chance? Für Marcel Schäfer sind Selbstzweifel tägliche Begleiter. Im Sommer 2009, als der VfL Wolfsburg Deutscher Fußball-Meister geworden ist, war der Linksverteidiger noch ein begehrter Mann. Stammspieler, Auftritte in der Champions League, Berufung in die Nationalmannschaft: Der Lorbeer von damals duftete wunderbar, ist aber längst verwelkt. Schäfer bleibt in Wolfsburg seit der Verpflichtung des Schweizers Ricardo Rodriguez nur eine Nebenrolle. An der könnte man verzweifeln. Vereinswechsel, Frust, Karriereende – alles wäre logisch und verständlich. Doch Schäfer bleibt ausgerechnet jenem Verein treu, der in den vergangenen fünf Jahren erschreckend viele Profis gekauft, geliehen, abgegeben und verschlissen hat.

Am 11. Januar, wenn der Tross des VfL Wolfsburg nach Südafrika fliegt und sich dort auf die Rückrunde der Fußball-Bundesliga vorbereitet, reist eine elementare und schlechte Nachricht mit. Weil der Verein kurz vor einer Vertragsverlängerung mit Rodriguez steht, wird Schäfer kaum noch gefragt sein. Er hat sich entschieden, wie vertraglich vereinbart bis 2017 in Wolfsburg zu bleiben. Hier kann er für sich in Anspruch nehmen, der Reservist des Jahres zu sein. Und der beliebteste Ersatzspieler der Bundesliga. Wann immer Schäfer mit einer wärmenden Wolldecke auf der Auswechselbank Platz nimmt oder für ein paar Minuten mitspielen darf, wird er mit lautem Applaus und Sprechchören von den Rängen bedacht. Er ist beim VfL kein Stammspieler mehr und doch Publikumsliebling. „Ich lebe vor, dass ich mich hier wirklich heimisch fühle. Das kommt authentisch rüber. Meine Kinder sind in Wolfsburg geboren“, sagt Schäfer voller Stolz. Er schafft es, mediale Überspitzungen gelassen einzuordnen. „Rentenvertrag für Schäfer“ wurde schon mehrfach getitelt. Sein „Absturz“ wird regelmäßig thematisiert. Der Hauptdarsteller selbst lächelt milde darüber und denkt sich seinen Teil.

Das neue Trainingsgelände, das der VfL Wolfsburg gerade neben seinem schicken Stadion bezogen hat, signalisiert Reichtum und Ehrgeiz. Der Verein will unter der Regie von Geschäftsführer Klaus Allofs besser und sympathischer werden. Er hat verstanden, dass man Erfolg nicht erzwingen kann und dass sich bestimmte Werte nicht einfach so verbuchen lassen. Typen wie Schäfer sind im schnelllebigen Profifußball seltene Auslaufmodelle.

Es mag praktische Gründe haben, dass der 30-Jährige einen großzügigen Arbeitgeber wie den vom Volkswagen-Konzern finanzieren VfL nicht mehr verlässt. Es hat aber auch mit einer menschlichen Komponente zu tun. Schäfer verspürt keine Lust, für ein bis zwei weitere Jahre in einem anderen Trikot sein familiäres Glück aufs Spiel zu setzen. Das mag bequem oder naiv wirken, ist in seinem Fall aber ziemlich ernst gemeint. „Dass sich die Familie wohlfühlt, ist für mich ein entscheidender Faktor. Ich müsste sogar beide Kinder aus ihrer Fußballmannschaft reißen. Das würde ich nie riskieren, nur damit der Papa irgendwo noch 15 Spiele mehr machen kann“, gesteht Schäfer.

Ab und zu, wenn der Kollege Rodriguez verletzt oder müde ist, darf Schäfer noch aushelfen. Das macht Spaß und beschert Probleme. Aus der Frage „Papa, warum spielst du nicht?“ seines ältesten Sohnes wird dann die Frage: „Papa, und warum hast du jetzt wieder gespielt?“

Schäfer findet kluge Antworten darauf, indem er seinem Nachwuchs eine schöne Geschichte über Ehrgeiz, Fleiß und Durchhaltevermögen erzählt. Wann immer der Cheftrainer ihn in den vergangenen Wochen gebraucht hat, konnte er sich auf den Könner im Dornröschenschlaf verlassen. „Was Marcel zeigt, hat nicht nur mit Qualität, sondern vor allem mit Charakter zu tun“, findet VfL-Cheftrainer Dieter Hecking. Schäfer schafft es, von null auf hundert gleich wieder zu glänzen. Er funktioniert, wie es sich für einen Profi gehört.

Der Aushilfskicker bereitet weiterhin Tore vor, ist mit Wolfsburg Tabellenzweiter und hätte durchaus noch Grund zum Jubeln. Aber man sieht man ihn nie das eigene Trikot küssen. Selbst nach acht Jahren beim VfL findet er eine solche Geste zu oberflächlich. Die Tatsache, dass Schäfer es nicht schafft, die Namen sämtlicher Wolfsburger Spieler seit 2009 aufzuzählen, gibt ihm zu denken.

Zwischen Weihnachten und Neujahr machen moderne Fußballprofis so manchen Unsinn. Viele von ihnen posieren als Urlauber für sommerliche Schnappschüsse in Swimmingpools. Sie fliegen zum Shoppen in die Metropolen dieser Welt. Manch einer wird vielleicht eine überfällige Führerscheinprüfung absolvieren. Schäfer nutzte seine Dauerkarte für feuchtfröhliche Familienausflüge ins Wolfsburger Badeland. Er genießt dort bodenständige Momente, in denen er jene Hauptrolle spielt, die ihm am allerwichtigsten ist.

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