Bezirksliga-Aufsteiger TuS Heidkrug Das Ende eines Traumas

Wilhelmshaven. Vor rund 15 Monaten standen die Fußballer des TuS Heidkrug am Abgrund. Nach dem peinlichen Rückzug aus der Landesliga musste der Neuaufbau in der Kreisliga beginnen. Der Erfolg stellte sich jedoch überraschend schnell ein.
14.06.2013, 05:00
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Das Ende eines Traumas
Von Christoph Bähr

Wilhelmshaven. Vor rund 15 Monaten standen die Fußballer des TuS Heidkrug am Abgrund. Nach dem peinlichen Rückzug aus der Landesliga musste der Neuaufbau in der Kreisliga beginnen. Der Erfolg stellte sich jedoch überraschend schnell ein, und die veränderte Mannschaft schaffte durch einen 2:1-Sieg beim STV Voslapp den Bezirksliga-Aufstieg. Das Erfolgsrezept: Heidkrug setzt nun auf Eigengewächse, die sich mit dem Klub identifizieren.

Der wartende Busfahrer mahnte zur Eile, der Großteil der rund 600 Zuschauer hatte das Jakob-Schmidt-Stadion im Wilhelmshavener Stadtteil Voslapp bereits verlassen, doch ein Trio stand immer noch mitten auf dem Kunstrasenplatz und unterhielt sich angeregt. Eine halbe Stunde nachdem die Fußballer des TuS Heidkrug den Bezirksliga-Aufstieg geschafft hatten, gab es für Trainer Matthias Trätmar, Vereinschefin Marion Grotheer und Geschäftsführer Heinrich Grotheer offenbar einiges zu bereden. Ihre Mienen sprachen dabei Bände: Freude und Genugtuung standen dem Heidkruger Dreigestirn ins Gesicht geschrieben. Der 2:1 (2:0)-Sieg im entscheidenden Relegationsspiel beim STV Voslapp am Mittwochabend (wir berichteten) war für die Heidkruger nicht nur wegen des erreichten Bezirksliga-Aufstiegs etwas Besonderes. Durch den Erfolg und das Auftreten der Mannschaft entledigte sich der Verein vom Bürgerkampweg endgültig dem Ruf als Chaosklub.

"Wir haben allen gezeigt, dass wir uns nicht unterkriegen lassen", sagte Marion Grotheer. Als es während der Saison 2011/12 in der Heidkruger Landesliga-Mannschaft drunter und drüber gegangen war, hatte die Vorsitzende im Zentrum der Kritik gestanden. Nach diversen Eskapaden zog sie die Mannschaft im März 2012 aus der Landesliga zurück – der Tiefpunkt war erreicht. Nicht einmal 15 Monate später bot sich auf dem Kunstrasenplatz von Voslapp ein radikal verändertes Bild: Jubelnde, laut singende Heidkruger Fußballer verpassten sich gegenseitig Bierduschen. Kein Zweifel: Der Aufbau einer neuen Heidkruger Mannschaft hat überraschend schnell funktioniert – trotz aller Widrigkeiten.

"Wegen Verletzungen und anderer Ausfälle haben wir uns mit zwölf bis 13 Spielern durch die Rückrunde gekämpft", sagte Coach Trätmar. "Ich muss den Jungs ein Riesenkompliment machen, denn sie haben sich auch durch Trainingseinheiten gequält, die keinen Spaß machten." Der Lohn dafür waren die Kreisliga-Vizemeisterschaft und schließlich sogar der Bezirksliga-Aufstieg durch die erfolgreichen Relegationsspiele gegen den SV Ofenerdiek (5:0) und Voslapp. Dabei war das Personal auch beim Endspiel in Wilhelmshaven knapp. Als Auswechselspieler standen unter anderem Trätmar und sein Co-Trainer Harald Grüner im Kader. Die Routiniers Lars Bitter und Ralf Faulhaber, der 30 Minuten zum Einsatz kam, halfen erneut aus. Der Auftritt der Delmenhorster war dennoch beeindruckend: Abgeklärt und ruhig nutzten sie ihre spielerische Überlegenheit aus. "Die Jungs haben Zusammenhalt bewiesen", lobte die Vereinschefin Grotheer. Woher der Teamgeist kommt, erklärte Kapitän Selim Karaca: "Wir sind alle eingefleischte Heidkruger, spielen jahrelang für den Verein."

Zusätzliche Motivation für Nils Giza

Viele Spieler durchliefen sämtliche Jugendteams am Bürgerkampweg, so auch Nils Giza, der seine Mannschaft in Voslapp auf die Siegerstraße brachte. Als der technisch beschlagene Mittelfeldspieler in der 15. Minute auf dem rechten Flügel an den Ball kam, hörte er genau, was einer der Zuschauer von der Tribüne rief: "Der kann nichts". "Dadurch war ich doppelt motiviert", erzählte Giza später. Also zog der 24-Jährige unaufhaltsam nach innen und schlenzte den Ball herrlich zum 1:0 unter die Latte – mit links. "Das ist mein schwacher Fuß, aber gerade deswegen habe ich nicht viel nachgedacht, sondern einfach draufgehalten", sagte Giza. Als Patrick Klenke auf 2:0 erhöhte (30.), schien eine Vorentscheidung gefallen zu sein, denn schon ein Unentschieden reichte den Heidkrugern zum Aufstieg. "Nach dem zweiten Tor waren wir aber zu lässig. Das können wir uns nicht erlauben, deshalb bin ich in der Halbzeit laut geworden", berichtete Trainer Trätmar.

In der zweiten Hälfte standen die Delmenhorster lange Zeit sehr sicher. Ohne gegnerische Einwirkung zog sich Voslapps Stürmer Lukas Wysiecki einen Achillessehnenriss zu (63.). Da die Gastgeber schon drei Mal ausgewechselt hatten, mussten sie zu zehnt weiterspielen, doch die ausweglose Situation setzte ungeahnte Kräfte frei. Im Minutentakt flogen nun lange Bälle in den Heidkruger Strafraum. Torhüter Tim Osterloh rettete mit einer starken Fußabwehr gegen einen Schuss von Joannis Chrissochoidis (75.). "Tim hat unseren Sieg festgehalten", lobte Trätmar den gelernten Stürmer, der im Laufe der Rückrunde wegen der Verletzungssorgen zwischen die Pfosten gewechselt war.

Beim Kopfballtreffer von Chrissochoidis zum 1:2 war aber selbst Osterloh machtlos (84.). Danach wurde es hektisch. Als der gute Schiedsrichter Manuel Kramer (Sande) die Partie bereits unterbrochen hatte, foulte Heidkrugs Christopher Ahlert seinen Gegenspieler Chrissochoidis und sah die Rote Karte wegen Tätlichkeit (89.). Einige Auswechselspieler der Delmenhorster stürmten auf den Platz, doch die Aufregung war unnötig, denn brenzlig wurde es für die Gäste in der fünfminütigen Nachspielzeit nicht mehr. "Ich habe nicht gezittert. Wir haben immer dagegen gehalten und verdient gewonnen", sagte Trätmar.

Der Rest war Heidkruger Jubel. Die gesamte B-Jugend, die Selim Karaca und Tim Osterloh trainieren, war als Unterstützung im Mannschaftsbus mit nach Wilhelmshaven gereist. Die Nachwuchsspieler feierten das erfolgreiche Aufstiegsteam nach dem Schlusspfiff ausgiebig und brachten mit einem Schlachtruf das neue Erfolgsrezept ihres Vereins auf den Punkt: "Wir sind alle Heidkruger Jungs."

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