Interview mit Bremer Darter Tomas Seyler

„Das ist die geilste Zeit des Jahres“

Der Bremer Darter Tomas "Shorty" Seyler spricht im Interview über Halligalli im Ally Pally, Psychotricks und seine Zeit als TV-Experte bei Sport1.
20.12.2018, 21:56
Lesedauer: 6 Min
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„Das ist die geilste Zeit des Jahres“
Von Frank Büter
„Das ist die geilste Zeit des Jahres“

Für den Bremer Tomas Seyler ist die Darts-WM die fünfte Jahreszeit.

Bernd Molkenthin/dpa

Herr Seyler, was geht Ihnen als Erstes durch den Kopf, wenn Sie „Ally Pally“ hören?

Tomas Seyler : Das ist die geilste Zeit des Jahres. Für mich ist die Darts-WM die fünfte Jahreszeit. Da bin ich einfach nur entspannt und fröhlich.

Party auf den Rängen, singende und kostümierte Zuschauer: Wie haben Sie als Spieler bei Ihren WM-Teilnahmen diesen Hype im Alexandra Palace, im „Ally Pally“, erlebt?

Das ist schon echter Irrsinn. Das ist das bestbezahlte Partyturnier überhaupt, eine riesige Halligalli-Veranstaltung. Der Ausrichter hat es geschafft, die Leute mit einer fantastischen Show und einem absolut professionellen Konzept zu begeistern. Barry Hearn (Präsident und Anteilseigner der Professional Darts Corporation/Anm. d. Red.) ist ein Vermarktungsgenie. Als er zum ersten Mal zu einem Dartsturnier gebeten wurde, hat er gesagt: I smell money – ich rieche Geld. Wahnsinn, was dieser Mann da erschaffen hat. Die Leute kostümieren sich, um als Käpt’n Iglo mit Fischstäbchen für einen kurzen Moment ins Fernsehen zu kommen und ein T-Shirt als Preis zu gewinnen – das muss man sich mal vorstellen!

Und wie fühlt es sich an, vor dieser stimmungsvollen Kulisse auf der Bühne zu stehen und ein Match zu bestreiten?

Wenn 3000 Leute um dich herum eine Party feiern und du dich darauf konzentrieren musst, ein acht Millimeter hohes Feld aus 2,37 Metern Entfernung zu treffen, wird es herausfordernd. Es ist unfassbar schwierig, den Fokus zu halten. Das geht aufs Herz und auf den Organismus, wenn dich zigtausend Menschen anschreien. Verstehen kannst du das nur, wenn du mal da oben gestanden hast.

Was macht Darts für Sie aus?

Der Sport ist rasant, hat verrückte Charaktere. Da sind Spieler, die angemalt sind. Die auf einem Bauernhof leben. Und die man ansprechen kann, auch wenn sie Weltmeister sind. Da gibt es Gegensätze, die sind echt faszinierend.

Die WM ist bei jeder Session am Nachmittag oder am Abend mit 3000 Zuschauern ausverkauft. Andere Dartveranstaltungen wie die Premier League finden vor weitaus größeren Kulissen statt. Warum hält die PDC seit mehr als zehn Jahren an diesem altehrwürdigen Austragungsort fest?

Die Engländer wahren die Tradition. Man könnte in einen noch größeren Saal gehen, der bis zu 10.000 Zuschauer fasst. Aber das würde den Flair, den Charakter dieser Weltmeisterschaft verändern und der Veranstaltung diese unglaubliche Power nehmen. Mehr als 3000 Leute müssen das gar nicht sein. Da hast du eine tolle Stimmung, ein Publikum, das noch reagiert.

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Darts lebt von Emotionen, aber auch von Sensationen. Mit Peter Wright oder Raymond van Barneveld sind die ersten Topspieler bei dieser WM bereits ausgeschieden…

Teilweise ist das unfassbar. Da kommt der Litauer Darius Labanauskas, die Nummer 108 der Welt, und nimmt sich den Barney vor – das ist natürlich ein wertvoller Skalp für ihn. Das kann seine ganze Karriere verändern. Van Barneveld kann Darts spielen, der ist nicht umsonst fünfmal Weltmeister geworden. Und dann erwischst du so einen Tag, ein fürchterliches Timing. Da kannst du dich nicht wehren und kriegst einen auf die Rübe.

Haben Sie selbst als Aktiver auch mal einen solchen Moment der Hilflosigkeit erlebt?

Ja, bei den Dutch Masters. Am Abend sollte ich gegen van Barneveld spielen und treffe ihn am Morgen im Hotel, als er gerade auscheckt. Ich frage: Was ist los? Und er sagt: Ich bin nicht gut drauf, ich scheide heute aus. Den ganzen Tag habe ich darüber nachgedacht. Und am Abend war ich so zugenagelt, dass ich ihn zwar an die Wand gespielt, aber kein Doppel getroffen und 1:6 verloren habe. Der Kerl hatte mich psychisch schon geschnappt morgens, da hatte ich das Spiel schon verloren – und dafür hätte ich ihn am liebsten gewürgt.

Sind es solche Psychotricks, die neben der Erfahrung dann auch den Unterschied zwischen einem Profi wie van Barneveld und einem Amateur wie Ihnen ausmachen?

Auf jeden Fall, als Amateur kannst du so etwas nicht wissen. Ich bin in so viele mentale Fallen reingerannt, mit einem Lächeln in die Kreissäge sozusagen – ohne das zu merken. Bevor ich bei der PDC war, habe ich 25 Jahre Darts gespielt, ohne nachzudenken. Und plötzlich rennst du gegen eine Mauer und musst ganz viele Dinge erst mal neu reflektieren und lernen.

Zusammen mit ihrem langjährigen Doppelpartner Andree Welge waren Sie nicht nur in Bremen, sondern auch deutschlandweit Vorreiter in der Dartszene. Wie hat sich die Sportart in den zurückliegenden Jahren strukturell verändert?

Damals war Darts eine Randsportart in Deutschland, die in Kneipen ausgeübt wurde. Darts hatte ein negatives Image. Dabei kann ein Dartspieler ebenso wie ein Fußballprofi in einem Stadion nichts dafür, dass sich die Leute im Publikum die Biere reinballern. Wir haben 30 Jahre gebraucht, um dicke, tätowierte Leute als Sinnbild für unseren Sport zu sehen. Heute hat der Sport einen ganz anderen Stellenwert eingenommen. Du kriegst den Sport aus der Kneipe, aber die Kneipe nicht aus dem Sport – und das wollen wir auch nicht.

In England gilt das schon viel länger.

In England ist Darts ja auch die bestbesuchte Indoorsportart der ganzen Insel. Da spielen oft Leute, die aus der Mittelschicht kommen, Leute, die gebuckelt haben, jahrelang. Die früher in der Stammkneipe gestanden und ihre Pfeile geworfen haben, bevor sie drei Tage später wieder auf einer Bühne standen. Diese Leute sind dort Local Heroes, das sind Idole, die angefeuert und unterstützt werden. Darts ist eben ein Sport, der vielen eine Chance bietet – auch übergewichtigen Jungs.

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Chancen auf eine Karriere, die Ihnen vor Jahren versagt blieb?

Wir haben alles ausprobiert, Andree und ich sind zu jedem Turnier gefahren. Wir haben alles aus eigener Tasche bezahlt, haben immer wieder in uns selbst finanziert, um der Karriere eine Form zu geben. Aber die Möglichkeiten waren beschränkt. Wenn du diesen Sport als Amateur einigermaßen professionell ausüben willst, fährst du am Donnerstag los zu Turnieren, kommst am Dienstag zurück – erkläre das mal einem Arbeitgeber. Die Unterstützung, die ein Max Hopp heutzutage erhält, auch finanziell, eine solche Förderung gab es nicht.

Die laufende WM ist die erste ohne Rekordchampion Phil Taylor, der seine Karriere ausklingen lässt. Fehlt der WM nun eine solche Ikone wie Taylor?

Der Begeisterung hat es keinen Abbruch getan. Jetzt überwiegt eher die Neugierde: Wer kommt nach? Kann es wieder so einen Taylor geben?

Und wie lautet Ihre Antwort darauf? Gibt es einen Spieler, der die Szene in den kommenden Jahren derart dominieren könnte?

In meinen Augen nein. Um 16-facher Weltmeister zu werden, um 25 Jahre so eine Ikone zu sein, da gehört natürlich auch viel Leidenschaft und viel Leid dazu. Man ist gehetzt. Du stehst in der Öffentlichkeit. Jeder Schritt wird verfolgt. Und alle wollen an deine Kohle ran.

Hätte ein Michael van Gerwen das Format, Taylors Rolle zu übernehmen?

Van Gerwen ist viel zu früh viel zu erfolgreich, der wird das keine 30 Jahre machen wollen. Das hat er auch schon angekündigt. Und es ist sein gutes Recht, mit 57 Jahren nicht mehr auf der Bühne stehen zu wollen. Ich denke, dass die Spieler jetzt, nach Taylors Abschied, einfach ihre Chance wittern, selbst mal den Titel zu holen.

Wen haben Sie da im Auge? Wer sind Ihre Favoriten?

Das ist so offen wie nie. Es gibt vier, fünf Leute, die das schaffen können. Michael van Gerwen ist ein Titelaspirant. Gary Anderson auch. Rob Cross vielleicht. Oder Adrian Lewis – mal schauen, was der auf die Kette bringt dieses Jahr.

Sie haben fast sieben Jahre beim TV-Sender Sport 1 als Experte und Co-Moderator von Elmar Paulke bei Dartübertragungen gearbeitet und sich dadurch auch einen gewissen Kultstatus in der Szene erworben.

Das mit dem Kultstatus war aber eher unbeabsichtigt und hat mich auch nicht interessiert. Aber offenbar kam es bei den Leuten gut an, wie ich die Sachen auf den Punkt gebracht habe – auch mal mit einem Lächeln. Klar habe ich auch mal Sachen gesagt, die ich gar nicht sagen wollte – wo ich mich selbst überholt habe. Das ist dann der Enthusiasmus, da kann man sich nicht kontrollieren.

Was hat für Sie den Reiz ausgemacht, als Experte vor einem Millionenpublikum zu arbeiten?

Ich saß halt nicht zu Hause auf dem Sofa, sondern war Teil eines ambitionierten Teams, war mittendrin. Als Neunjähriger stand ich in der Schule und habe ein Referat über Darts gehalten. Nun war ich plötzlich im Fernsehen. Das war eine irre, eine spannende Erfahrung. Die umfangreiche Berichterstattung bei Sport 1 hat sicherlich auch ein wenig dazu beigetragen, dass dieser Hype in Deutschland entstanden ist.

Seit diesem Sommer sind Sie nicht mehr als TV-Experte tätig. Sitzen Sie jetzt auf dem Sofa und verfolgen selbst die Übertragungen?

Leider Gottes ja, ich verfolge alles.

Und erwischen Sie sich dabei auch manchmal noch in der Expertenrolle?

Ja, leider (lacht). Meine Frau sagt immer: Mach den Ton aus, rede du.

Herr Seyler, was machen Sie in Zukunft? Sehen wir Sie noch mal wieder?

Auf jeden Fall bleibe ich dem Darts erhalten. Ich habe ein paar Ideen im Kopf. Und mal schauen: Vielleicht kehre ich ja auch noch mal als Spieler auf die große Bühne zurück…

Das Gespräch führte Frank Büter.

Info

Zur Person

Tomas Seyler (44)

war viele Jahre die Nummer eins der deutschen Darts-Rangliste und hat viermal an der WM in London teilgenommen. Der Bremer arbeitete zuletzt fast sieben Jahre als Darts-Experte für Sport 1.

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