Fünf Trainer erzählen, wie sich eine Auszeit anfühlt Das Leben ohne Fußball

Die Wochenenden gehörten immer dem Fußball, doch dann ist plötzlich Schluss. Wie fühlen sich Trainer, wenn sie sich eine Auszeit nehmen? Fünf Übungsleiter außer Dienst berichten von ihrem neuen Leben. Ihre Gefühle schwanken zwischen Zufriedenheit und Tatendrang.
01.02.2014, 00:00
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Das Leben ohne Fußball
Von Christoph Bähr

Die Wochenenden gehörten immer dem Fußball, doch dann ist plötzlich Schluss. Wie fühlen sich Trainer, wenn sie sich eine Auszeit nehmen? Fünf Übungsleiter außer Dienst berichten von ihrem neuen Leben. Ihre Gefühle schwanken zwischen Zufriedenheit und Tatendrang.

Dienstags Training, donnerstags Training, sonntags ein Spiel, zwischendurch die Taktikvorbereitung zu Hause, die Telefonate mit Spielern, potenziellen Zugängen und der Presse. Fußballtrainer haben auch in der Bezirks- oder Kreisliga einiges zu tun. Wenn all diese Aufgaben wegfallen, gibt es plötzlich viel Freizeit, die irgendwie gefüllt werden muss. Matthias Trätmar, Matthias Kaiser, Stefan Rohde, David Rodewyk und Matthias Lange haben ihre Trainerämter – teils freiwillig, teils unfreiwillig – abgegeben. Sie erzählen, wie ihr Leben ohne Fußball aussieht.

Der Kapitän in der Badewanne

Wer Matthias Trätmar fragt, was er jetzt an den Wochenenden macht, erhält folgende Antwort: „Ich liege in der Badewanne und esse Nic Nacs.“ Der 48-Jährige ist bester Laune, denn derzeit fehlt ihm nichts. „Ich fühle mich wohl in meiner Haut“, betont Trätmar. Dabei sah es im Juni noch so aus, als sollte der frühere Spieler des SV Atlas Delmenhorst in der laufenden Saison einen Bezirksligisten trainieren. Mit dem TuS Heidkrug hatte Trätmar über die Relegation den Aufstieg geschafft. Dann stellte sich jedoch heraus, dass er im Spiel gegen den SV Ofenerdiek ein Mal zu viel ausgewechselt hatte, weshalb die Partie gegen Heidkrug gewertet wurde. Der Bezirksliga-Aufstieg war futsch – ebenso wie Trätmars Trainerposten. Unabhängig von dem Wechselfehler sprachen sich die Spieler mehrheitlich gegen ihren Coach aus.

Nach dem ganzen Chaos machte Trätmar erst einmal Urlaub, inzwischen hat er mit der Sache abgeschlossen. „Mir geht’s gut. Ich vermisse nichts“, unterstreicht er. Trätmar spielt noch für die Heidkruger Oldies und gewann mit diesen kürzlich die Hallenkreismeisterschaft. Als Zuschauer sieht man den 48-Jährigen auf den Delmenhorster Fußballplätzen allerdings nicht. Er beschäftige sich mit anderen Dingen, sagt Trätmar. Ab und zu ist die Entwicklung beim TuS Heidkrug trotzdem Thema, denn der Ex-Trainer ist mit seinem Nachfolger Holger Weber gut befreundet. Den Drang, selbst wieder an der Seitenlinie zu stehen, verspürt Trätmar nicht: „Es müsste von der Philosophie her passen, aber im Moment ist für mich nichts Reizvolles zu entdecken.“

Der Tiefenentspannte

Sechs Jahre waren genug, Matthias Kaiser brauchte eine Pause vom Fußball. Die Einstellung der neuen Spielergeneration konnte er oftmals nicht mehr nachvollziehen, also kündigte er frühzeitig an, den Bezirksligisten TV Jahn Delmenhorst zum Ende der vergangenen Saison zu verlassen. Diese Entscheidung sei goldrichtig gewesen, sagt der 43-Jährige heute. „Es tut gut, nur für sich selbst verantwortlich zu sein und nicht für eine ganze Truppe.“ Für seine Frau und seine Tochter hat Kaiser nun mehr Zeit. „Und ich kann Freunde treffen, ohne ständig auf die Uhr zu gucken“, erzählt er mit entspannter Stimme.

Der Fußball spielt jetzt eine Nebenrolle. Bei Partien des TV Jahn lässt sich Kaiser bewusst nicht blicken. „In Delmenhorst wird viel erzählt. Es ist nicht lustig für einen Kollegen, wenn Gerüchte aufkommen“, erklärt er. Dass sein Ex-Klub, den Kaiser zu einem Bezirksliga-Spitzenteam geformt hatte, auf den letzten Platz abgestürzt ist, hat er aus der Ferne verfolgt. „Die Situation ist schwierig“, sagt Kaiser. Bei vielen Spielern sei absehbar gewesen, dass sie den TV Jahn früher oder später verlassen. „Es ist eine Epoche zu Ende gegangen.“

Kaiser beobachtete in der laufenden Saison lediglich zwei Bezirksliga-Partien des SV Tur Abdin – und prompt galt er als Kandidat auf den Trainerposten, nachdem Servet Zeyrek im November entlassen worden war. Tatsächlich gab es auch ein Gespräch mit der Klubführung, doch für Kaiser war stets klar: Seine Auszeit muss mindestens ein Jahr dauern. „Das habe ich Abdin gesagt, und der Verein brauchte sofort jemanden“, schildert er. Im Sommer wäre der frühere Atlas-Spieler bereit, ein Team zu übernehmen. „Das muss aber eine sehr runde Sache sein, sonst sehe ich keinen Grund, um mich von meinem jetzigen Status zu verabschieden“, betont Kaiser.

Der Tatendurstige

Bereuen wäre wohl ein zu starkes Wort, doch richtig glücklich ist Stefan Rohde mit seiner Entscheidung aus dem vergangenen Sommer nicht mehr. Damals hatte er den SC Colnrade gerade vor dem Abstieg aus der Kreisliga bewahrt. Für die letzten sieben Spiele war er als Feuerwehrmann eingesprungen. Der Klub wollte mit Rohde weitermachen, doch der sagte ab. Der Weg von seinem Wohnort Elmeloh nach Colnrade sei auf Dauer zu weit, lautete die Begründung. Heute klingt Rohde nachdenklich, wenn er zurückblickt. „Vielleicht hätte ich doch bleiben sollen“, überlegt er. „Die Jungs hätten sich garantiert gefreut.“

Keine Frage: Rohde will unbedingt wieder eine Mannschaft trainieren. „Mir fehlt etwas. Ich habe Lust auf eine neue Aufgabe. Die Liga ist mir egal“, betont der 44-Jährige, der auch schon die Jahn-Frauen und den Delmenhorster TB betreute. Wenn es sein Beruf als Lokführer zulässt, ist Rohde oft als Zuschauer auf den Plätzen der Region anzutreffen. Insbesondere die Spiele des Bremer Landesligisten FC Huchting, bei dem sein Freund Holger Timme Co-Trainer ist, verfolgt er regelmäßig. Das ein oder andere Angebot habe er nach seinem Ausstieg auch erhalten, erzählt Rohde. „Aber es muss eben passen.“

Der Gelassene

Die Erfolge waren da: Mit dem TuS Hasbergen stieg David Rodewyk in die Kreisliga auf und gewann überraschend die Hallenstadtmeisterschaft. Trotzdem gab er vor rund einem Jahr seinen Abschied zum Ende der vergangenen Saison bekannt. „Ich brauchte einfach eine Pause, wollte mal abschalten“, erklärt der 44-Jährige, der zuvor bereits den TSV Ganderkesee II trainierte. In seinen letzten Monaten als Coach stieg Rodewyk mit den Hasbergern dann in die 1. Kreisklasse ab.

Bei seinem Abschied habe dieser Misserfolg aber kein Rolle gespielt, betont er. „Die Zeit als Trainer war sehr anstrengend, jetzt bin ich einfach flexibler.“ Rodewyk bleibt etwa mehr Zeit, um zu Spielen seines Lieblingsklubs Hamburger SV zu fahren. Spaß hat er dabei allerdings nicht: „Die Leistungen sind blamabel“, sagt der Ex-Trainer, der Mitglied im Delmenhorster HSV-Fanklub „Mitten im Feindesland“ ist. Ansonsten unternehme er nun mehr mit seiner Familie, erzählt Rodewyk. Kommt da eine erneute Tätigkeit als Trainer überhaupt in Frage? „Wenn es ein Angebot gibt, kann man darüber reden.“

Der Tausendsassa

Langweilig ist Matthias Lange nie: Er kümmert sich um seine Fliesenlegerfirma und um seinen Reiterhof auf der Großen Höhe. Außerdem bereitet sich der 46-Jährige auf ein großes Ereignis vor: Voraussichtlich Mitte Februar wird er Vater. Es gibt also viel zu tun, doch trotzdem sagt Lange: „Der Fußball fehlt mir schon.“ Im April schasste ihn der Bezirksligist SV Tur Abdin nach nur 94 Tagen im Amt. Es war kein friedlicher Abgang, inzwischen nimmt Lange seine Entlassung aber mit Humor. „Jetzt habe ich immerhin wieder mehr Zeit zum Pokern“, scherzt er. Hintergrund: Lange musste damals unter anderem gehen, weil er am Abend vor einem Spiel bis nachts mit einigen Abdin-Akteuren Karten spielte.

Kürzlich ist er dem Oldie-Team des TSV Ganderkesee beigetreten. „Auch als Trainer würde ich gerne wieder einsteigen“, betont Lange. Ein Angebot, bei einem höherklassigen Verein als Co-Trainer einzusteigen, habe er aus Zeitgründen abgelehnt. „Aber wenn was Richtiges kommt, mache ich das auch“, betont Lange.

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