Interview mit Peter Gagelmann "Das perfekte Spiel gibt es nicht"

Peter Gagelmann muss seine Karriere als Bundesliga-Schiedsrichter beenden. Im Interview spricht der gebürtige Bremer über seine Laufbahn als Unparteiischer, medialen Druck und riskante Hilfsmittel.
17.06.2015, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Olaf Dorow

Peter Gagelmann muss seine Karriere als Bundesliga-Schiedsrichter beenden. Im Interview spricht der gebürtige Bremer über seine Laufbahn als Unparteiischer, medialen Druck und riskante Hilfsmittel.

Sie haben die Altersgrenze erreicht. Mit 47 dürfen Sie nicht mehr weiterpfeifen. Ist das nicht ungerecht?

Ob das gerecht ist, spielt keine Rolle. Junge Leute müssen nachkommen, sonst haben wir einen zu großen Unterschied. Natürlich hätte ich das noch ein, zwei Jahre machen können . . .

. . . Sie wirken auf jeden Fall fit genug . . .

. . . ich glaube, die Fitness ist noch einigermaßen in Ordnung. Aber dann käme ja irgendwann wieder die Frage, ob es noch geht. Es ist nur ein Verschieben. Ich bin sehr sehr dankbar für das, was ich in mehr als 20 Jahren Profifußball alles erlebt habe.

Der Fußball wird immer schneller. Sind sie froh, dass die 20 Jahre hinter und nicht vor Ihnen liegen?

Nein, das hieße ja irgendwie, der Fußball der 70-er Jahre war schlecht. Er war für die Zeit unglaublich toll. Wenn man heute die TV-Bilder sieht, hat man allerdings das Gefühl, da müsste mal eine andere Geschwindigkeit eingestellt werden. Es war eben eine andere Zeit und hat die Menschen genauso begeistert wie heute.

Also muss es doch für Ihre Zunft leichter gewesen sein?

Das würde ich nie behaupten. Natürlich ist das Tempo angestiegen. Für die Schiedsrichter ist vor allem auch der mediale Druck enorm angewachsen. Heute wird jedes Spiel von 20, 30 Kameras beobachtet. Trotzdem gibt uns das Kamerabild oft recht. Hängen bleibt zu oft nur die eine Szene, wo die TV-Bilder etwas anderes zeigen. Aber damit muss man leben, so läuft das Geschäft.

Hört sich schwierig an.

Eine einzelne Entscheidung steht mehr im Fokus als die Gesamtleistung. Im Vorfeld des letzten Werder-Spiels gegen Bayern zum Beispiel, da wurde sehr viel Druck auf den Schiedsrichter aufgebaut. Ich will nicht sagen: Das war schlimm. Aber das war Tatsache.

Was denkt man dann, wenn der Werder-Manager sagt, die Schiedsrichter würden zu sehr kuschen vor den Bayern?

Thorsten Kinhöfer sollte das Spiel pfeifen. Der weiß solch ein Geplänkel schon ganz gut einzuschätzen. Er ist lange genug dabei. Die Medien nehmen es aber dankbar auf, der Druck erhöht sich automatisch. Thorsten hatte aus meiner Sicht eine fantastische Leistung hingelegt. Festgemacht wurde sie aber an der Frage, ob ein Halten im Strafraum hätte geahndet werden müssen oder nicht. Das finde ich sehr schade. Es gibt da große Unterschiede zu den Bewertungen von Spielern.

Inwiefern?

Wenn ein Stürmer fünfmal allein vorm Torwart steht und scheitert, dann aber eine Szene hat, wo der Ball ’reingeht, dann ist er der Superheld. Das funktioniert beim Schiedsrichter nicht.

Er kann nie der Held sein?

Das ist nicht unsere Intension. Wir sind ein wichtiger Bestandteil des Spiels. Aber wir wollen uns nicht wichtig nehmen. Wir wollen am besten die sein, die gar nicht wahrgenommen werden. Manchmal müssen wir Entscheidungen treffen, die unpopulär sind. Aber aus Sicht des Schiedsrichters mussten sie sein.

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Hat sich seine Rolle verändert?

Zum Fußball gehören drei Teams: die beiden Mannschaften plus das Schiedsrichterteam. Das hat sich nicht geändert. Was sich geändert hat: Es wird auf neue Erfordernisse reagiert. Wie zum Beispiel mit der Torlinientechnik, worüber wir sehr froh sind. Auch wenn sie nur in seltenen Fällen tatsächlich auch gefragt ist.

Hätten Sie sich mehr technische Hilfe gewünscht? Den Videobeweis? Einen Oberschiedsrichter?

Das sind so Schlagwörter ohne komplettes Konzept. Da gibt es noch so viele ungeklärte Fragen. Ich habe zum Beispiel eine knifflige Strafraumsituation: Ich unterbreche das Spiel. Aber im Ü-Wagen sitzt jemand, der sagt, nee, war nichts, kein Strafstoß. Wie geht’s dann weiter? Gebe ich dann Schiedsrichterball im Strafraum? Was meinen Sie, was dann los ist.

Auf den Rängen könnte es hoch hergehen.

Wir werden ja oft verglichen mit anderen Sportarten, wo es zum Beispiel einen Oberschiedsrichter gibt. Aber ein Footballspiel, das besteht zu 98 Prozent aus Unterbrechungen. Wir leben davon, dass wir eine sehr effiziente Spielzeit haben. Überall am Spielfeld liegen Bälle bereit, damit es schnell weiter geht. Das war früher anders.

Sie warnen vor technischen Hilfsmitteln?

Wenn wir jetzt wieder das Rad zurückdrehen und viele Unterbrechungen haben, ist es nicht das, was die Zuschauer sehen wollen. Fußball ist nicht nur schwarz und weiß. Wir haben da sehr viel grau. Wenn Sie zehn Leute nehmen, bekommen Sie oft zwölf verschiedene Meinungen über ein und dieselbe Situation. Dafür gibt’s ja auch die vielen Stammtische.

An denen Schiedsrichter selten gelobt werden . . .

. . . ja, aber solange Sie bei einer Szene, die drei- oder viermal angeschaut werden muss, drei verschiedene Meinungen haben, kann eine Entscheidung nicht falsch gewesen sein. Insofern sehe ich das nicht so dramatisch.

Mussten Sie sich diese Haltung antrainieren?

Das weiß man, wenn man sich für diesen Job entscheidet. Und ich kann Ihnen versichern: Bei Entscheidungen, die sich hinterher auf dem TV-Bild komplett anders darstellen, da legt man sich als Schiedsrichter nicht zurück und sagt: Naja, weiter geht’s. Das muss man verarbeiten.

Nach dem Pokal-Halbfinale haben Sie eingeräumt, dass Sie einen Elfmeter für Bayern hätten geben müssen. Fällt das leichter im Wissen, dass Sie aufhören?

Mit dem Aufhören hat das nichts zu tun. Sonst hätte man mich nicht nominiert für dieses Spiel. Ich hatte immer den Anspruch, bis zum letzten Pfiff das Beste zu geben. So ein Fehler ist super ärgerlich. Da geht man nicht zur Tagesordnung über.

Sie ärgern sich dann mehr über sich selbst? Oder mehr über die wütenden Reaktionen von Spielern, Managern oder Fans?

Für mich ist die Selbstkritik und die fachliche Beurteilung das Allerwichtigste. In dem Fall beim Pokalspiel war es so: Weder ich konnte es sehen noch mein Assistent noch der vierte Offizielle. Leider gibt es manchmal solche Situationen. Hätte ich hinterm Tor gestanden, hätte ich gesehen, wie der Arm rausging.

Wo holen Sie Ihr Feedback für Ihre Leistung? Aus der Zeitung ja eher nicht?

Aus dem eigenen Bereich. Von Leuten, die das einschätzen können, weil sie selbst mal da unten gestanden haben. Die Szene, über die wir gesprochen haben, war eine einzelne Situation. Die 200 Situationen vorher nimmt die Öffentlichkeit dann nicht so wahr. Aber der Fachmann kann einschätzen, wie das Spiel geleitet wurde.Wie man es gelesen hat. Warum man mal häufiger unterbricht oder mal weniger häufig, dem Spielcharakter entsprechend.

Wie kritisch gehen Sie untereinander um?

Ohne Selbstkritik kann sich niemand weiterentwickeln. Das ist die Basis. Das sage ich auch immer den jungen Schiedsrichtern, wenn sie glauben, dass sie alles gut und richtig gemacht haben.

Haben Sie zum Schluss ganz anders gepfiffen als vor 20 Jahren?

Man verhält sich schon etwas anders. Wird ruhiger, hat natürlich auch eine andere Akzeptanz. Vielleicht kommt man mal mit einer Karte weniger aus. Aber auch die Spieler verhalten sich anders. Vertrauen und Respekt sind einfach größer.

Hat sich das Verhältnis zwischen Spielern und Schiedsrichtern generell verändert?

Früher hatten wir wesentlich mehr Schiedsrichter in der Bundesliga. Weniger Schiedsrichter mit mehr Spielern, das bringt auch mehr Akzeptanz, glaube ich. Je häufiger man sich sieht, je mehr kommt das Vertrauen: Ach, der wird das schon machen heute!

Jetzt schauen Sie auf Hunderte Spiele zurück. Was bleibt letztlich hängen? Die Highlights? Die größten Fehler? Die größten Aufreger?

Naja, Highlights können auch kleine Dinge sein. Etwas, was der Fan gar nicht als große Sache wahrgenommen hat. Wo wir sagen: Das haben wir als Schiedsrichterteam toll gelöst. Wenn wir das falsch geregelt hätten, dann wär’s vielleicht eine Katastrophe für den Fußball gewesen.

Freude im Stillen? Über kleine Sachen?

Wenn man eine tolle Vorteil-Situation hat und dadurch ein Tor fällt, dann ist das für den Schiedsrichter super. Generell kann ich sagen, das es fantastisch war, so viele Menschen kennengelernt zu haben. In einer der besten Ligen der Welt mit den besten Stadien mit den meisten Zuschauern gepfiffen und eine Rolle gespielt zu haben.

Und die Aufreger oder Beschimpfungen bekommt man da gut verdrängt?

Wenn Sie die ganzen Spiele zusammenrechnen, dann sind die Aufreger im Promille-Bereich. Das ist recht typisch: Von zehn Fragen an Schiedsrichter sind neun halb negativ belastet.

Oh, ist das für Sie ein Negativ-Interview?

Das nicht. Aber ich staune, wie oft man gefragt wird: Wie ist das, wenn Sie einen Fehler gemacht haben? Haben Sie schon mal Drohbriefe gekriegt? Unser Job ist so eine tolle Sache, bei der man so viel Spaß am Sport hat. Wo man so viel Verantwortung übernehmen kann. Es gibt ganz viele Spiele, nach den Spieler oder Funktionäre ankommen und sagen: Du hast einen tollen Job gemacht. War ein gutes Spiel heute!

Ein Schiedsrichterleben ist viel freudvoller als man denken könnte?

Man muss sich mal von der Illusion freimachen, dass es das perfekte Spiel gibt, in dem der Schiedsrichter keinen einzigen Fehler macht. Das perfekte Spiel, das gibt es nicht. Wenn Deutschland im WM-Halbfinale ein Wahnsinnsspiel gegen Brasilien hinlegt, dann war es immer noch nicht perfekt. Sonst hätte es ja auch das eine Gegentor nicht gegeben. So ähnlich ist es bei den Schiedsrichtern eben auch.

Wie werden Sie jetzt Spiele angucken, so als Privatmann?

Ein-, zweimal im Jahr habe ich das ja zuletzt auch immer gemacht. Es war sehr anstrengend. Viel anstrengender, als ein Pokalspiel mit Verlängerung und Elfmeterschießen zu leiten.

Warum das denn?

Weil man so mitfiebert, dass die Kollegen einen guten Job machen. Sie haben eine Vorbildfunktion für die vielen tausend Schiedsrichter, die am Sonntag ihre Spiele leiten. Da kommen dann auch die Spieler und sagen: Hast du gesehen, gestern in der Bundesliga? Da hat das der Gagelmann aber anders entschieden. Das ist eine riesige Verantwortung. Auf dem Platz, das war mein Leben, mein Job. Auf der Tribüne, da ist man so hilflos – und kann nur die Daumen drücken, dass alles gut läuft.

Sie schauen Fußball – und fiebern am meisten mit dem Schiedsrichter mit?

Im strengeren Sinne schon. Die meisten sind ja für Mannschaft A oder Mannschaft B. Warum auch immer. Ich freue mich über jedes tolle Tor. Wenn Ibrahimovic aus 40 Metern per Fallrückzieher trifft, dann freue ich mich irre. Vielleicht sind wir Schiedsrichter mehr Fußballfan als manch anderer. Wir lieben den Fußball. Nicht eine bestimmte Mannschaft. Nicht rot, nicht gelb, nicht blau, nicht grün.

Und was ist mit Werder? Sie sind Bremer.

Ich habe zu Werder eigentlich weniger Bezug als zu Hamburg, Dortmund, Berlin oder Karlsruhe. Weil ich die Mannschaften dort ständig erlebe – und Werder nicht.

Aber jeder, der sich für Fußball interessiert, muss doch seine Mannschaft haben?

Noch mal: Ich liebe den Fußball. Da ist es relativ egal, wer gegen wen spielt. Wenn es ein tolles Spiel ist, begeistert mich das.

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