Fußball

Das Problem mit dem Namen

Zweite Fußball-Mannschaften stehen trotz besserer sportlicher Perspektive im Schatten der ersten Mannschaften. Eine Analyse bezogen auf den Landkreis Verden zeigt, warum das so ist.
07.12.2018, 17:18
Lesedauer: 7 Min
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Das Problem mit dem Namen
Von Patrick Hilmes
Das Problem mit dem Namen

Rechts oder links? Wohin zieht es einen Spieler? Lieber höherklassig und Zweite, oder lieber Erste und dafür in eine niedrigere Liga?

Björn Hake

In der Regel sind es rund 20 000 Entscheidungen, die man am Tag trifft, manchmal gar bis zu 100 000. Morgens fängt es mit dem piependen Wecker an. Aufstehen oder weiterschlafen? Oftmals fällt die Wahl auf die Schlummertaste – zumindest etwas weiterschlafen. Viele dieser Entscheidungen werden unbewusst getroffen, angesichts der Menge an Wahloptionen ist das auch gut so. Doch manche Entscheidungen sind weitreichender als andere, manche wollen wohl überlegt sein. Auf den Fußball gemünzt trifft das auf die Entscheidung zu, bei welchem Verein, in welcher Mannschaft man spielen möchte. Die Einflussfaktoren sind vielfältig. Doch in den meisten Fällen – den mit Geld vollgepumpten Profifußball mal ausgeklammert – entscheidet das Kriterium der sportlichen Perspektive. Das Streben nach Mehr bestimmt die Denke der meisten Sportler. Höher, schneller, weiter lautet das Ziel. Wäre es nicht so, würde dem Sport und somit dem Fußball Entscheidendes fehlen, dementsprechend fällt die Wahl.

Doch manchmal trügt der Schein. Manchmal ist das Bessere gar nicht besser. Manchmal sieht es einfach nur danach aus. So ist es möglich, das zweite Mannschaften eines Vereins eine gleichwertige oder gar eine bessere Perspektive bieten als eine erste. Im Umkehrschluss bedeutet das aber nicht, dass die Entscheidung eines Spielers somit immer auf die Mannschaft mit der besseren Perspektive fällt.

Beispiel Ottersberg

Auf den Landkreis Verden bezogen trifft das auf den TSV Ottersberg zu. In die vergangene Saison starteten die Wümmekicker mit drei Herren-Mannschaften im offiziellen Spielbetrieb. Eine davon zog die Spielzeit aber nicht bis zum Ende durch. Nach einigen Spielabsagen musste die Zweite aus der Kreisliga mangels Personal abgemeldet werden. Zur laufenden Saison wurde aus der dritten Mannschaft die zweite, neues Kadermaterial konnte nicht verpflichtet werden. Laut Markus Bremermann, der das Team bis zur Abmeldung als Interimscoach übernommen hatte, sei es schlichtweg unmöglich gewesen, eine neue Truppe auf die Beine zu stellen. Und das hätte seine Gründe gehabt.

„Wir haben es versucht. Aber es ist einfach schwierig, als zweite Mannschaft neue Leute zu finden. Das Problem ist, dass die Leute nicht in einer Zweiten spielen wollen. Sie sind dann nicht die Nummer eins im Verein und suchen sich lieber Mannschaften, die Erste sind – egal, ob das in der gleichen Liga oder sogar darunter ist“, betont Markus Bremermann.

Doch ist das wirklich so? Haben zweite Mannschaften wirklich ein solches Imageproblem? Bedarf es einer Marketingstrategie, müssen die Zweiten nun Werbung schalten? Wenn ja, warum sind diese Teams so in Verruf gekommen? Was sind die Gründe für diese Denke der Spieler? Die Trainer der Zweiten aus dem Landkreis Verden – Kreisliga und 1. Kreisklasse – haben viele Antworten parat und viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Geringeres Ansehen

Oliver Rozehnal, Coach des Kreisliga-Tabellenführers FC Verden 04 II, kennt solche Kandidaten, wie sie Markus Bremermann beschreibt. Ein Spieler habe sich mal gegen seine Mannschaft entschieden und ist lieber zu einer anderen gewechselt, obwohl sie die geringere sportliche Perspektive geboten hatte. „Manche sehen eine Zweite auch direkt als zweitklassig an“, sagt Rozehnal. Einen ähnlich Fall erlebte auch schon Bassens Marius Wagener, Coach der Zweiten, die in der 1. Kreisklasse antritt: „Ich habe das auch schon gehabt, da ist ein Spieler lieber nach Posthausen (2. Kreisklasse, Anm. d. Red.) als zu uns gegangen.“

Das Ansehen einer Zweiten ist in der Öffentlichkeit deutlich geringer als das einer Ersten. „Dieses Denken ist gesellschaftlich verankert. Und es macht auch nicht vor dem Sport halt. Die Außendarstellung ist eben in der heutigen Zeit sehr wichtig“, betont Detlef Meyer vom TV Oyten II. Demnach sei es vielen Spielern wichtiger, erzählen zu können, sie spielen in einer Ersten – egal in welcher Spielklasse. Die sportliche Herausforderung und Perspektive wird in diesem Fall vom Schein geschlagen.

Generationsproblem

Ist das ein generelles Problem? Nein, da sind sich viele Coaches einig. Sie sehen diese Problematik insbesondere bei der jüngeren Generation. „Es sind oftmals die jungen Leute“, sagt beispielsweise Ingo Reich vom TB Uphusen II. Er habe dies öfters bei anderen Vereinen beobachtet. Insbesondere die jungen Spieler würden mehr nach dem Namen als nach der Spielklasse Ausschau halten. Hausieren mit dem Namen der Ersten ist hier das Stichwort.

Doch das ist nur ein Zweig der Thematik. Viele der jungen Akteure, die den Schritt aus der Jugend in den Herrenbereich gehen, leiden an notorischer Selbstüberschätzung. Beispiel: Wer im Junioren-Bereich in der Landesliga gespielt hat, kommt mit dem Anspruch zu den Herren, mindestens in derselben Spielklasse aufzulaufen. „Die kriegen ja auch von Mama und Papa zu hören: Du bist der Größte“, gibt Cord Clausen vom TSV Etelsen II zum Besten. Mit seiner Meinung ist er beileibe nicht alleine. „Viele sind durch die Eltern dazu getrieben“, bestätigt ihn Oytens Detlef Meyer. Und auch Andreas Rühmann vom MTV Riede II schlägt den gleichen Tenor an: „Das ist absolut eine Generationsfrage. Die sind total selbstbewusst und wissen, wo sie vermeintlich spielen müssten.“ Verdens Oliver Rozehnal gibt zu Protokoll: „Man muss sich teils schon Fragen, wie die das schaffen wollen.“ Uphusens Ingo Reich ergänzt noch: „Die ersten Mannschaften sind teils überlaufen, während in die Zweite keiner will.“

Die einen sehen das als Problem, die anderen als Chance. „Wenn der Anspruch da ist, okay. Dann weiß man auch, dass das Engagement stimmt“, sagt Lasse Gehlich, Trainer des SV Vorwärts Hülsen II. Seine Meinung teilt auch Emir Abidovic vom TSV Achim II und nimmt die Coaches in die Pflicht: „Die jungen Spieler orientieren sich nach oben. Eigentlich ist das der richtige Weg. Ob deren Einschätzung richtig ist, das ist Sache der Trainer.“ Eine weitere Komponente in diesem Themenfeld ist die Auffassung der jungen Generation vom Fußball. Die sei mittlerweile eine Alles-oder-nichts-Gesinnung. Als Sprungbrett sehen die wenigsten Spieler eine zweite Mannschaft. Das bestätigt TBU-Coach Oliver Reich: „Die gesamte Einstellung hat sich verändert. Den Weg über die Zweite sucht kaum noch einer.“ Oftmals gehen die älteren Spieler in die Zweite, da sie den Aufwand, der bei einer Ersten vonnöten ist, nicht mehr betreiben wollen.

Stichwort für den nächsten Punkt: der nötige Eifer. „Manche vergessen, dass man auch in einer zweiten Mannschaft trainieren muss. Klar ist der Aufwand nicht ganz so groß und man muss nicht drei-, viermal die Woche trainieren, dennoch muss eine Grundbereitschaft vorhanden sein,“ betont Cord Clausen von den Schlossparkkickern, „viele denken, dass Fußball nur ein Sport ist. Richtig, aber er ist ein sehr wichtiger Sport.“

Mangelnde Wertschätzung im Verein

Der meistgenannte Grund, warum es so manchen Spieler trotz der schlechteren Perspektive in eine Erste anstatt in eine Zweite zieht, liegt jedoch abseits des Platzes. Er hört auf den Namen Wertschätzung. „Die Erste steht immer im Fokus, damit muss man leben“, weiß FCV-Coach Rozehnal. So sieht es auch Ralf Görgens vom FSV Langwedel-Völkersen II: „Jedem muss bewusst sein, dass es Unterschiede zwischen den einzelnen Mannschaften innerhalb eines Vereins gibt.“ Die erste Fußball-Mannschaft ist das Aushängeschild des Vereins, das ist klar. Doch was ist dann die Zweite, die Dritte, die Vierte et cetera? Genau auf diese Hackordnung kommt es an.

Hülsens Lasse Gehlich spricht von „Verzahnung“, Langwedels Ralf Görgens nennt es „Zusammenspiel“, für Achims Emir Abidovic ist es „die Nähe zueinander“ und Thedinghausens Jan Kampe drückt mit „verschiedene Süppchen“ kulinarisch aus. Sie alle meinen das Vereinsgefüge. Ihnen allen ist bewusst, dass die Erste auch die Nummer eins ist. Sie warnen jedoch davor, die Erste auch als Nummer zwei, drei und vier im Verein zu behandeln. Eine Zweite dürfte nicht erst auf Rang fünf, sechs, sieben in der Werteskala eines Vereins folgen. Das betrifft Dinge wie Bälle, Trikots, Trainingsanzüge oder, dass die Zweite und Dritte auch mal auf dem Hauptplatz spielen dürfen. Im Grunde banale Dinge, die jedoch einen großen Unterschied ausmachen können. „Wenn die Erste zunächst vierfach ausgestattet wird, ehe eine der anderen Mannschaften etwas bekommt, dann muss man sich nicht wundern. Die Spieler sind ja nicht blöd“, warnt Etelsens Cord Clausen.

Brunsbrocker Kuriosum

Beinahe ein Einhorn unter den Gründen, warum Spieler sich nicht einer zweiten Mannschaft anschließen wollen, liefert der TSV Brunsbrock II, respektive die Erste des Vereins. Die Saison 2016/2017 beendete nämlich die Kreisliga-Truppe auf einem Abstiegsplatz. Demnach stand für die Zweite, die in der 1. Kreisklasse im Mittelfeld gelandet war, der Zwangsabstieg fest. „Danach war natürlich jeder enttäuscht, die Stimmung war runter“, erinnert sich Coach Detlef Krikcziokat ungern. Die Erste kämpfte sich eine Spielzeit später bereits wieder zurück, Gleiches glückte der Zweiten. Doch nun geht erneut die Angst im Lager der Reserve um, denn die Kreisliga-Truppe befindet sich nur knapp vor den Abstiegsrängen. „Eine Wiederholung ist natürlich unsere große Befürchtung. Dann weiß ich nicht, was meine Spieler machen würden.“

Unterschiedliche Einzugsgebiete

Nicht ganz so selten aber immer noch selten ist die örtliche Lage Ursache für mangelndes Spielerpersonal. Diese beklagt nämlich beispielsweise Andreas Rühmann: „Riede liegt ja fernab vom Schuss. Zudem würde von Thedinghausen nach Riede und umgekehrt nie jemand wechseln.„ Jan Kampe bestätigt diese These schmunzelnd. “In der anderen Richtung zieht es die Spieler oftmals in den Kreis Diepholz. Daher sind wir ziemlich auf Zuzug angewiesen“, begründet Rühmann weiter. Dennoch kann sich auch der MTV-Coach im Grunde nicht beschweren. „In puncto Spieleranzahl geht es uns eigentlich ziemlich gut.“

Den Teams geht es dennoch gut

Das trifft auch auf seine Eidgenossen im Landkreis zu. Im Grunde sind alle Coaches zufrieden mit ihrer Situation in puncto Personalvolumen sowie Wertschätzung im Verein. Am Rande der Existenz befinde sich keine der Reserven.

Dennoch ist Vorsicht geboten. Aus den Jugendabteilungen rutscht zwar immer etwas nach, doch Mitgliederschwund verzeichnen alle. Der ein oder andere verbucht auch externe Zugänge, doch die meisten zehren vor allem von einem seit Jahren zusammengehörigen Kern von Spielern. Was passiert, wenn dieser Kern sich in seiner Gesamtheit verabschiedet? Nicht, das bei diesem piependen Wecker ebenfalls die Schlummertaste gedrückt wird.

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