Ehrung im Rahmen einer Gala im GOP

Das sind Bremens Sportler des Jahres

Im GOP-Theater sind am Dienstagabend Bremens Sportler des Jahres gekürt worden: Florian Wellbrock, Lina Goncharenko sowie die Weltmeisterformation des Grün-Gold Club. Der WESER-KURIER stellt sie vor.
05.03.2019, 21:45
Lesedauer: 6 Min
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Von Frank Büter und Olaf Dorow
Das sind Bremens Sportler des Jahres

Die Ehrung der Sportler des Jahres ging im Rahmen einer Gala-Veranstaltung über die Bühne.

Christina Kuhaupt

Eine Gala hat am Dienstagabend im GOP die Ehrung der Bremer Sportler des Jahres umrahmt. Ausgezeichnet wurden der Schwimm-Europameister Florian Wellbrock, die Rollkunstlauf-Europameisterin Lina Goncharenko sowie die Weltmeister-Tanzformation des Grün-Gold Club. Wir stellen die Sieger vor.

Die Botschaft auf der Brust

European Championships 2018 - Schwimmen

Sportler des Jahres: Schwimm-Europameister Florian Wellbrock.

Foto: Darko Bandic/AP/dpa

Florian Wellbrock trägt ein Tattoo oberhalb seiner linken Brust. „Genieß dein Leben ständig, du bist länger tot als lebendig“, lautet die Botschaft des Schriftzuges. Sie erinnert den Schwimmer quasi täglich daran, dass das Leben kurz und auch unverhofft schnell vorbei sein kann.

Florian Wellbrock war neun, als seine Schwester Franziska im Dezember 2006 plötzlich verstarb, mit 13 Jahren. Beim Weihnachtsschwimmen des TSV Osterholz hatte Franziska gerade ihren Wettkampf über 200 Meter Lagen beendet, als sie am Beckenrand stehend zusammenbrach. Reanimationsversuche scheiterten, die Ursache für ihren plötzlichen Tod wurde nicht geklärt.

Für Florian Wellbrock war es ein Schock, die Schwester verloren zu haben. Aber er hat weitergemacht, trotz dieses Schicksalsschlags, trotz zwischenzeitlicher Rückschläge. Belohnt wurde er dafür bei der Schwimm-Europameisterschaft in Glasgow, wo sich der 21-Jährige im August 2018 auf seiner Paradestrecke über 1500 Meter Freistil zum neuen Kontinentalmeister kürte. In einem der besten Finals überhaupt über diese Distanz hielt Wellbrock unter anderem den Italiener Gregorio Paltrinieri, Olympiasieger von Rio 2016, in neuer Weltjahresbestzeit von 14:36,15 Minuten auf Distanz.

Wellbrock bestätigte damit eindrucksvoll seine Leistung vom April des Jahres, als er bei den Swim Open in Schweden mit 14:40,69 Minuten eine persönliche Bestleistung aufgestellt und den 27 Jahre alten deutschen Rekord von Jörg Hoffmann um fast zehn Sekunden unterboten hatte. Im Sommer 2018 blieb festzuhalten: Florian Wellbrock ist endgültig angekommen in der Weltspitze. Und deshalb nun auch zurecht zum Bremer Sportler des Jahres 2018 gewählt worden.

„Das zeigt mir, dass ich doch einiges richtig gemacht habe“, sagt Wellbrock. Knapp zwei Jahre war der Bremer, der im Sommer 2014 von der Sportbetonten Schule an der Ronzelenstraße an den Bundesstützpunkt nach Magdeburg gewechselt ist, seiner Form hinterhergekrault. Mit großen Hoffnungen war Wellbrock als 18-Jähriger im August 2016 zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro geflogen – und dort kläglich gescheitert. Fast 30 Sekunden blieb er über seiner damaligen Bestzeit, ein Misserfolg, der lange an ihm genagt hat. Die Zeiten waren mäßig, die Erfolge blieben aus – bis jetzt. Im Alter von 21 Jahren steht der Bremer, der in Magdeburg parallel eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann absolviert, am Beginn einer verheißungsvollen Karriere. Im Sommer dieses Jahres wird Wellbrock seine Ausbildung beenden. „Und dann“, sagt er, „dann kann ich mich in Ruhe auf die Olympischen Spiele in Tokio vorbereiten“.

Das Hoch auf den Azoren

Sportlerin des Jahres: Rollkunstlauf-Europameisterin Lina Goncharenko.

Sportlerin des Jahres: Rollkunstlauf-Europameisterin Lina Goncharenko.

Foto: Raniero Corbelletti

Lina Goncharenko hat in ihrer sportlichen Laufbahn schon so einiges erlebt. Bei der Weltmeisterschaft 2015 etwa in Cali/Kolumbien musste die Rollkunstläuferin vom ERC Bremerhaven ihre Wettbewerbe in der Pflicht und in der Kür auf einem gekachelten Untergrund absolvieren. Zudem hing bei ihrem Auftritt beißender Qualm über dem offenen Stadion, da in der Nähe kurz zuvor ein Wald gebrannt hatte. Am Qualm lag es damals allerdings nicht, dass Lina Goncharenko im Anschluss mit den Tränen zu kämpfen hatte. Vielmehr waren es Tränen der Freude über Rang vier in der Pflicht und Rang fünf in der Kür, Platzierungen, mit denen die heute 22-Jährige erstmals ihre Visitenkarte in der Weltspitze hinterließ.

Inzwischen ist Lina Goncharenko nicht nur fest etabliert im Kreis der weltbesten Rollkunstläuferinnen, in Europa ist sie aktuell sogar die Nummer eins. Bei den Europameisterschaften auf den Azoren/Portugal holte sich die Studentin im Sommer 2018 in der Pflicht mit 173 Punkten unangefochten den Titel. Mit diesem Triumph hatte sie sich zugleich für die Weltmeisterschaft Anfang Oktober im französischen La Roche-sur-Yon qualifiziert, wo sie Platz sechs in der Pflicht und Platz 18 in der Kür erreichte. Erfolge, die für Lina Goncharenko jetzt auch mit der Wahl zur Sportlerin des Jahres 2018 in Bremen honoriert wurden. Lina Goncharenko, aufgewachsen in Holtum (Geest) in der Gemeinde Kirchlinteln, ist als Rollkunstläuferin in einer Nischensportart zuhause.

Mit sieben Jahren schnürte sie erstmals die Schuhe, mit acht Jahren bestritt sie bereits ihre ersten Wettkämpfe. Zunächst für den Verdener Rollsportverein, seit 2009 für den ERC Bremerhaven. Obwohl Lina Goncharenko inzwischen ihren Studiengang von Lebensmitteltechnik an der Hochschule Bremerhaven auf Molekulare Medizin an der Universität Freiburg und damit ihren Lebensmittelpunkt gewechselt hat, hält sie ihrem Verein die Treue. Trotz der räumlich großen Entfernung setzt sie weiterhin auf die Zusammenarbeit mit ihren Trainerinnen Astrid Hoßfeld-­Bader und Constanze Hoßfeld-Seedorf und versucht, zumindest im Abstand von zwei Monaten einmal nach Bremerhaven zu kommen. Ihr tägliches Pensum absolviert sie natürlich vor Ort in Freiburg, davon können sie auch stressige Klausurenphasen nicht abhalten. „Das ist ja auch eine schöne Ablenkung vom Lernen“, sagt Bremens Sportlerin des Jahres.

Ihr nächstes großes Ziel sind die World Roller Games, die im Juli in Barcelona anstehen. Dort ermittelt der Weltverband Worldskate bei einer Megaveranstaltung in allen Rollsportdisziplinen seine Weltmeister 2019.

Die Kunst auf dem Parkett

GER Tanzen 1 Bundesliga der Lateinformationen 02 02 2019 GER Tanzen 1 Bundesliga der Latei

Titelhamster des Jahres 2018: Die Lateinformation des Grün-Gold-Club Bremen triumphierte in der Bundesliga und wurde Deutscher Meister sowie Europa- und Weltmeister.

Foto: nordphoto/ Witke

Was für ein Jahr, sie waren immer voll da und machten Unmögliches wahr. Die etwas abgewandelte Liedzeile aus der in Bremen sehr populären Werder-Hymne „Lebenslang Grün-Weiß“ ließe sich auch auf diese Latein-Formation anwenden. Die Hymne könnte „Lebenslang Grün-Gold“ heißen, und: Was für ein Jahr, das könnte auf viele Grün-Gold-Jahre zutreffen. Aufs Jahr 2018 schon mal zu hundert Prozent. In diesem 2018 haben die Frauen und Männer um Vortänzer Roberto Albanese nicht nur alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Bundesliga, Deutsche Meisterschaft, Europameisterschaft, Weltmeisterschaft.

Wenn die Formulierung nicht so inflationär benutzt würde, würde sich das richtig cool anhören: Sie haben eine große Herausforderung angenommen und gemeistert. Die Herausforderung bestand zunächst einmal darin, dass – um im Bild zu bleiben – der Höhepunkt des Jahres drohte, von der Tanzfläche zu verschwinden. Tanzsportler trainieren bis zu 30 Wochenstunden, unter bisweilen nahezu kompletter Aufgabe des Privatlebens. Sie verdienen, um es euphemistisch zu sagen: etwas weniger als Fußballprofis. Weil sich lange kein Ausrichter fand, stand lange nicht fest, ob es im Dezember eine WM geben wird. Es stand nur fest, dass eine EM getanzt wird, im Juni im polnischen Kalisz. Mit der Folge, dass die Albanese-Truppe für den Sommer noch die alten Choreografie „Noises, Voices, Melodies“ trainierte, mit der sie 2017 in Wien Vizeweltmeister hinter der russischen Formation Duet Perm geworden war.

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Erst ab Juli, und dann quasi mit verkürztem Anlauf, konnte die neue, höchst anspruchsvolle Choreografie „This is me“ einstudiert werden. Was den Trainingsaufwand für die personell deutlich verjüngte Bremer Formation, die nun erneut mit dem Titel „Bremer Mannschaft des Jahres“ ausgezeichnet wird, nicht eben verringerte. Der Aufwand lohnte sich, und wie. Noch im Juli fand sich mit dem chinesischen Shenzhen ein WM-Ausrichter für Anfang Dezember. Im November ertanzte sich Grün-Gold mit dem deutschen Meistertitel – und dem Erfolg über Dauerkonkurrent TSZ Velbert – einen 20000-Euro-Zuschuss des nationalen Verbandes für die etwa doppelte so teure Fernost-Reise. Und dort in Fernost tanzte sie Duet Perm vom Thron. Es war der neunte Weltmeistertitel für den Grün-Gold-Club. Was für ein Jahr.

Vor diesem Hintergrund mag es dann nicht weiter verwundern, was Augenzeugen von der Nacht nach dem WM-Triumph von Shenzhen berichten: Die Party der Sieger soll dort erst am Morgen um sieben Uhr beendet worden sein, mit dem Gang zum Frühstücksbufett. Ob auf der Party viel getanzt wurde, ist nicht überliefert.

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