Nachgefragt: Trainer Andreas Hehenberger über den unerwarteten DM-Titel seiner Dauelser Bogenschützen

„Das war Weltklasse-Niveau“

Herr Hehenberger, die reguläre Saison war schon ziemlich spannend, erst auf den allerletzten Drücker hat sich Ihr Team für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert. Auch dort drohte kurzfristig ein frühzeitiges Aus.
21.02.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Das war Weltklasse-Niveau“
Von Malte Bürger
„Das war Weltklasse-Niveau“

Bunte Lichter, ein ausgiebiger Konfettiregen und als i-Tüpfelchen der schmucke Meisterspiegel: Die Bogen-Crew des SV Dauelsen feierte vor knapp 1000 Zuschauern ausgiebig ihren Sieg in Wiesbaden.

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Herr Hehenberger, die reguläre Saison war schon ziemlich spannend, erst auf den allerletzten Drücker hat sich Ihr Team für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert. Auch dort drohte kurzfristig ein frühzeitiges Aus. Sagen Sie jetzt bitte nicht, dass Sie den Titel dennoch haben kommen sehen.

Andreas Hehenberger : (lacht) Nein, das habe ich wirklich nicht. Wenn ich mir im Nachhinein aber die Ergebnisse der einzelnen Runden anschaue, dann sind wir völlig verdient Deutscher Meister geworden. Wir haben stets einen Ringschnitt von über 58 gehabt, im Finale war es dann auch wieder eine 58,5. Von Anfang an haben wir also auf Weltklasse-Niveau geschossen. Es war wirklich eine überzeugende Leistung der gesamten Mannschaft, auch von den Ersatzschützen Holger Rohrbeck oder Manuel Augner, die sich die ganze Zeit parallel warmgeschossen haben.

In der Vorrunde dürfte Ihnen doch aber auch ein wenig mulmig geworden sein, als vor dem letzten Duell gegen die BSG Ebersberg mindestens ein Remis Pflicht war, um ins Halbfinale einzuziehen?

Ja, das muss ich zugeben. Da war mir etwas mulmig. Ebersberg hat eine Mannschaft voller Legionäre und Nationalkaderschützen. Die können also schon etwas (schmunzelt). Dann haben sie auch gleich noch mit zwei 59er Runden begonnen. Da ist selbst ein Sebastian Rohrberg, der ja schon einiges erlebt hat, ins Grübeln gekommen. Sie wussten, dass sie unbedingt gewinnen mussten, um weiterzukommen und waren daher am Ende natürlich auch geknickt. Vor allem was Andreas Gerhardt da und am gesamten Tag geschossen hat, war wirklich beeindruckend. Das war sein Traumwettkampf schlechthin, nachdem er im Vorjahr berufsbedingt fast komplett ausgesetzt hat. Er ist jetzt quasi vom Tischlermeister zum Deutschen Meister geworden.

Im Halbfinale haben Ihre Schützen dann niemand Geringeren als den BSC BB-Berlin aus dem Weg geräumt. Florian Kahllund schoss dabei gegen seine Lebensgefährtin und Olympia-Silbermedaillengewinnerin Lisa Unruh. Tat ihm dieser Sieg nicht vielleicht auch ein bisschen leid?

Das tat es ihm nicht, beide haben ja schließlich eine Medaille geholt. Da sind sie beide Sportler genug, um damit umzugehen. Lisa Unruh hat das ohnehin sehr beeindruckend gemacht an diesem Tag. Hier gab es eine Ehrung, dort das nächste Interview. Dann kamen wieder Kinder angelaufen und wollten unbedingt ein Autogramm. Es hat sie sportlich nicht allzu sehr beeinträchtigt, aber aus meiner Sicht war der Hype zwischendrin vielleicht doch ein bisschen zu groß. Für uns war dieser Sieg natürlich klasse, ich hatte mich vorher schon riesig über den Einzug ins Halbfinale gefreut. Das ist immer das Minimalziel, denn wir haben eine knallharte Saison hinter uns, in der bei uns im Norden Leute absteigen, die im Süden locker Meister werden könnten.

Sie sprechen das Nord-Süd-Gefälle an. Haben Sie eine Idee, wie sich dieses Problem lösen lässt? Auch jetzt kamen drei der vier Halbfinalisten aus dem Norden, lediglich der Nordmeister Blankenfelder BS 08 schied vorher aus.

Blankenfelde war sehr nervös, für die dortigen Schützen war es das erste große Finale. Sie konnten dieses Mal einfach nicht das umsetzen, was sie vorher gezeigt haben. Wenn man die süddeutschen Teams und ihre Ergebnisse sieht, dann hatten sie alle in etwa einen 56er Schnitt. Das ist schon ein Unterschied. Diese Mannschaften haben absolut keine schlechten Schützen, aber sie werden in der Saison nicht konstant genug auf diesem hohen Niveau wie bei uns im Norden gefordert. Es fehlt an der Notwendigkeit, immer richtig stark zu schießen. Bei uns muss der Erste den Tabellenachten erst einmal schlagen. Wer da nur eine 56er Runde schießt, ist weg. Vielleicht sollte die Südstaffel daher die Teams aus Hessen dazubekommen, die bislang bei uns schießen. So hätten im Gegenzug auch die Hessen wiederum deutlich höhere Chancen, die DM-Qualifikation zu schaffen, was im Norden für sie schwieriger ist.

Vor exakt zwei Jahren standen Sie und Ihre Mannschaft schon einmal ganz oben auf dem Podest. Damals als Aufsteiger und zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Hat der jetzige Titelgewinn einen anderen Stellenwert für Sie?

(langes Schweigen) Puuh, das ist schwer zu sagen. Nein, eigentlich ist jeder Titel schön. Damals waren wir seit 17 Jahren dabei, da wolltest du überhaupt einmal etwas holen. Jetzt war das anders. Ich sehe den jetzigen Erfolg aber auch nicht als Belohnung für mich, sondern für die Jungs. Sie bekommen keine Gelder für ihr Tun, schaffen es aber so, sich trotzdem ins Rampenlicht zu rücken. Für mich genießt der Sieg keinen höheren Stellenwert, ich habe mich 2005 und 2006 beispielsweise genauso über Bronze gefreut.

In den Vorjahren haben Sie das DM-Finale stets dazu genutzt, um sich die Zusagen Ihrer Schützen für die neue Saison zu holen. Ist die Tinte auch dieses Mal schon trocken?

Ich hatte tatsächlich alles vorbereitet, aber leider ist es dann durch den Titelgewinn ziemlich hektisch geworden (lacht). Es gab allerlei Interviews, wir haben nicht einmal richtig feiern können. Das holen wir dann im Sommer nach. Dann war auch noch die NADA (Nationale Anti-Doping Agentur, Anm. d. Red.) da und hat ihre Tests gemacht. Natürlich wurden ausgerechnet Florian Kahllund und Andreas Gerhardt ausgewählt, die in diesem Moment alles konnten, nur kein Pipi machen. Aber auch ohne Unterschrift: Das ganze Team hat signalisiert, dass es weitermachen will. Aber warum sollten es das gerade jetzt nach dem Meistertitel nicht wollen?

Das Interview führte Malte Bürger.

Zur Person

Andreas Hehenberger ist Trainer der Bundesliga-Bogenschützen des SV Dauelsen. Am vergangenen Sonnabend gewann seine Mannschaft in der Aufstellung Sebastian Rohrberg, Andreas Gerhardt und Florian Kahllund völlig überraschend beim Saisnfinale in Wiesbaden den Titel des Deutschen Meisters (wir berichteten). Es ist das zweite Mal nach 2015, dass der Verein dieses Kunststück vollbracht hat.
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