Mario Götze lässt mit einem Tor seine schwachen WM-Auftritte vergessen und entzaubert dabei sogar Lionel Messi Das Wunderkind

Bis zur 113. Minute im Endspiel Deutschland gegen Argentinien war diese WM für Mario Götze eine Enttäuschung. Dann schoss er das Tor, das Deutschland zum Weltmeister machte. Damit hat Mario Götze der Welt bewiesen, dass er ein ganz Großer werden kann.
15.07.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Das Wunderkind
Von Marc Hagedorn

Bis zur 113. Minute im Endspiel Deutschland gegen Argentinien war diese WM für Mario Götze eine Enttäuschung. Dann schoss er das Tor, das Deutschland zum Weltmeister machte. Damit hat Mario Götze der Welt bewiesen, dass er ein ganz Großer werden kann.

Als das Spiel vorbei war, vollbrachte Mario Götze noch ein letztes Kunststück. Plötzlich war auch Marco Reus auf dem Rasen des Maracana. Mario Götze, der in der 113. Minute mit einem technisch perfekten Tor Deutschland zum Weltmeister gemacht hatte, war in ein Trikot mit der Nummer 21 geschlüpft. REUS stand auf dem Rücken.

Eigentlich hätte Marco Reus hier stehen sollen im vielleicht berühmtesten Stadion der Welt, eigentlich hätte er das Hemd mit der 21 tragen sollen. Aber sein bester Freund Marco Reus war nicht da. Er hatte sich im letzten Testspiel vor der WM gegen Armenien so schwer verletzt, dass die WM ohne ihn stattfinden musste. Es war eine große Geste von Götze, nun in Reus‘ Trikot zu schlüpfen. Sie zeugte von einem hohen Maß an Sensibilität, die viele Beobachter dem Jungstar gar nicht zugetraut hätten.

Der hochtalentierte Götze wirkte in Brasilien nämlich wie ein Sternchen, das in seinem eigenen Universum kreist. Und nun diese Geste, die sogar noch größer wird, wenn man weiß, dass ein gesunder Reus in Normalform wahrscheinlich dafür gesorgt hätte, dass Mario Götze gar nicht mehr zum Einsatz gekommen wäre, so sehr hatten Götzes Auftritte bis zu dieser dramatischen 113. Minute im WM-Finale enttäuscht.

Und nun dieses Tor, das ihn in den Fußballolymp erhebt und in eine Reihe stellt mit den deutschen WM-Siegtorschützen von 1954, 1974 und 1990: Helmut Rahn. Gerd Müller. Andreas Brehme. Und jetzt, 2014, also auch Mario Götze. Daran muss man sich erstmal gewöhnen. Aber so etwas gibt es wahrscheinlich nur im Sport, dass ein genialer Moment alle Enttäuschungen wegspült. Dass ein Moment für einen ewigen Platz in der Geschichte sorgt. Dass ein Moment das Bild, das man von einem Sportler hat, komplett verändert.

Als Mario Götze eine gute halbe Stunde nach den Feierlichkeiten auf dem Rasen zur Ehrung für den „Man of the match“, den „Mann des Spiels“ kam, erlebte man einen Mario Götze, der plötzlich so gar nicht mehr schnöselig und abgehoben wirkte. Einen Moment lang zuckten die Beobachter noch zusammen, als Götze den FIFA-Offiziellen sehr deutlich wissen ließ, dass er nur für zwei Fragen zur Verfügung stehe. Wer macht denn hier die Regeln, dachte man da zunächst. Zumal beispielsweise Thomas Müller diesen Rahmen bei jeder seiner Auszeichnungen während dieses Turniers dafür genutzt hatte, nett zu plaudern und ein paar freche Sprüche zu platzieren.

Als Mario Götze dann anfing zu reden, wurde schnell klar: Er wird kaum in der Lage sein, mehr als zwei Fragen geordnet zu beantworten, so bewegt, so unverstellt, ja, so natürlich kam er plötzlich rüber. „Es ist ein unglaubliches Gefühl, es ist unbeschreiblich, man begreift in dem Moment gar nicht, was passiert“, sagte der 22-Jährige über sein Siegtor, „ein Traum ist in Erfüllung gegangen.“ Ein Tor genügte, um Mario Götze zurück in die Sphären zu hieven, in der viele Fans und Experten ihn sehen: nahe der Weltklasse.

Auch der Bundestrainer ist ein Fan von Mario Götze. Joachim Löw bewundert Götzes technische Klasse, seine Rafinesse, seine Geschwindigkeit, die fließenden Bewegungen. „Er ist ein Wunderkind, das alle Möglichkeiten hat“, sagte Löw am Abend des Finales, „ich wusste, dass er immer in der Lage ist, ein Spiel zu entscheiden.“ Deshalb hatte er ihn eingewechselt. Und dann verriet Löw auch noch, was er Mario Götze in der Pause zwischen den beiden Verlängerungen zugeflüstert hatte. „Ich habe ihm gesagt: Zeige der ganzen Welt, dass du besser bist als Messi.“ Es war ein frecher Spruch, anmaßend sogar, wenn man Messis und Götzes WM-Leistungen bis dahin verglichen hatte. Aber es waren offenbar genau die richtigen Worte.

Was wird dieser großartige Moment, diese magische 113. Minute, nun aus dem vielleicht talentiertesten deutschen Offensivspieler machen? Macht es ihn hungrig auf mehr? Treibt das Tor ihn an, jetzt noch besser werden zu wollen, diesen Moment immer wieder und wieder und wieder erleben zu wollen? Macht diese Erfahrung von Maracana Mario Götze zu einem anderen Spieler, der das nächste Level tatsächlich irgendwann erreichen kann?

Es wird eine der interessantesten Beschäftigungen in den nächsten Monaten sein, den weiteren Weg von Mario Götze in Bundesliga, Champions League und der Nationalmannschaft zu verfolgen. „Es war kein einfaches Jahr für mich“, sagte Götze am Abend noch, „es war auch kein einfaches Turnier. Ich möchte meiner Familie, meinen Freunden und meinem Berater Volker Struth dafür danken, dass sie immer an mich geglaubt haben.“ Als scharfer Kritiker von Mario Götze bekam man in diesem Moment plötzlich ein wenig ein schlechtes Gewissen.

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