Ägypten fährt endlich mal wieder zur WM – und auf dem Tahrir-Platz wird endlich mal wieder ein fröhliches Fest gefeiert

Der arabische Fußball-Frühling

Köln. Dem TV-Kommentator versagte umgehend die Stimme, als Mohamed Salah den Ball in der fünften Minute der Nachspielzeit vom Elfmeterpunkt ins Tor befördert hatte. Aber das war in diesem Augenblick vollkommen egal.
10.10.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Daniel Theweleit
Der arabische Fußball-Frühling

Ein Meer der Freude: Mohamed Salah hat mit seinem Treffer in der Nachspielzeit Ägypten zur WM geschossen. Erstmals seit 28 Jahren wird Ägypten wieder beim Großturnier dabei sein.

Nariman El-Mofty, dpa

Köln. Dem TV-Kommentator versagte umgehend die Stimme, als Mohamed Salah den Ball in der fünften Minute der Nachspielzeit vom Elfmeterpunkt ins Tor befördert hatte. Aber das war in diesem Augenblick vollkommen egal. Den Mann wollte ohnehin niemand mehr hören, nachdem das ganze Land gerade in einen Zustand kollektiver Ekstase gestürzt war. Salah hatte Ägypten mit seinem verwandelten Strafstoß zur WM nach Russland geschossen, zum ersten Mal seit 1990 ist das gebeutelte Land bei einer WM dabei, zum dritten Mal überhaupt. Auf dem berühmten Tahrir-Platz in Kairo, wo 2011 am Höhepunkt des arabischen Frühlings die blutigen Demonstrationen gegen das Regime des Despoten Hosni Mubarak stattgefunden hatten, wurde endlich mal wieder ein richtig fröhliches Fest gefeiert.

Noch in der Nacht gab der Gouverneur von Salahs Heimatprovinz bekannt, dass eine Schule nach dem Helden benannt werde, der Superstar aus Liverpool hatte beide Treffer zum 2:1 gegen Kongo beigesteuert. „Die Leute hier haben sich sehr lange nach einem Team gesehnt, das sie unterstützen können“, sagte Trainer Hector Cuper, der sich ohne die Erlösung in der Nachspielzeit auf einen Sturm der Empörung hätte einstellen können. Vor der Partie hatte er erzählt, Kreislaufmedikamente nehmen zu müssen, weil er trotz der Erfolge heftig für die eher defensive Spielweise kritisiert wurde. Ein Unentschieden gegen die noch sieglosen Kongolesen hätte ihn womöglich den Job gekostet. So ist ihm ein Meisterstück von historischer Bedeutung gelungen.

Fußball und Politik sind in Ägypten so eng verflochten wie in kaum einem anderen Land. Schließlich waren Fußballfans eine treibende Kraft in den Revolutionstagen des Frühjahrs 2011. Damals kämpften die zuvor verfeindeten Ultra-Gruppierungen der beiden Kairoer Großklubs Al Ahly und Zamalek die Nil-Brücken frei, sodass die Demonstranten auf den Tahrir-Platz ziehen konnten.

Doch zugleich waren der arabische Frühling und seine Folgen der Beginn des sportlichen Untergangs. 2012 kam es in Port Said zu einem Stadionunglück, 74 Menschen kamen unter dubiosen Umständen ums Leben. Die Anhänger von Al Ahly waren in ihrer Kurve eingesperrt, die Polizei half ihnen nicht, als sie von bewaffneten gegnerischen Anhängern angegriffen wurden. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um einen Racheakt von Revolutionsgegnern handelte. Anschließend wurde der Ligabetrieb für zwei Jahre komplett eingestellt, dann fanden die Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der nationale Fußball lag am Boden, das Verbandsgebäude wurde niedergebrannt. Die Nationalmannschaft scheiterte an der Qualifikation für die WM 2014 und für drei Afrika-Cups.

Zuvor war Ägypten dominierende Kraft des Kontinents, gewann die Afrika-Cups 2006, 2008, 2010. „Damals spielten fast alle unserer Spieler in der heimischen Liga“, sagte Routinier Ahmed Elmohamady kürzlich. Der Wettbewerb funktionierte, die Profis wurden ordentlich bezahlt, ein Wechsel nach Europa schadete dem Ansehen der Familien. Deshalb blieben die meisten. Dann hätten der arabische Frühling „jeden einzelnen und das ganze Team massiv getroffen“, so der Verteidiger von Aston Villa. Inzwischen sind viele Leistungsträger in größeren europäischen Ligen unterwegs. Ihre Erfahrungen gelten als zentrales Erfolgsgeheimnis der Ägypter, die nach Nigeria als zweiter afrikanischer WM-Teilnehmer feststehen.

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