Kommentar über die Champions League

Der deutsche Fußball ist nur noch zweitklassig

Das Aus aller deutschen Mannschaften in der Königsklasse zeigt, in was für einem Zustand sich der deutsche Fußball befindet. Weil das System über individuelle Klasse gestellt wird, meint Mathias Sonnenberg.
15.03.2019, 20:38
Lesedauer: 3 Min
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Der deutsche Fußball ist nur noch zweitklassig
Von Mathias Sonnenberg

Am Ende der sechs deutsch-englischen Duelle in der Champions League steht dieser hässliche Fakt: Erstmals seit 2006 ist keine deutsche Mannschaft unter den letzten Acht in der Königsklasse. Und es gibt noch weitaus mehr Demoralisierendes nach den Auftritten von FC Bayern, Borussia Dortmund und Schalke 04 zu erzählen. Die Münchener schossen in 180 Minuten nicht einmal auf das Tor der Liverpooler, Dortmund erzielte null Tore gegen Tottenham. Schalke stümperte beim 0:7 bei Manchester City derart peinlich über den Platz, dass man vor dem Fernseher fast schon Mitleid bekam. Über die Auftritte von Hoffenheim (ja, die haben bis zur Winterpause auch Champions League gespielt) wird schnell der Mantel des Schweigens gelegt.

Wer es bislang nicht wahrhaben wollte, hat es jetzt schwarz auf weiß: Der deutsche Fußball steckt in einer Krise. Der deutsche Fußball ist nur noch Mittelmaß, auch zweitklassig genannt. Denn was ist ein 6:0 der Bayern in der Bundesliga über Wolfsburg als Tabellen-Siebenten wert, wenn international schon im März die Sommerpause ausgerufen wird? Genau: nichts. Zumindest dann, wenn sich die Vereinsführung eigentlich mit Manchester City, dem FC Barcelona oder Juventus Turin messen möchte.

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Die Krise des deutschen Fußballs lässt sich gut an der Entwicklung des FC Bayern ablesen. Die Münchener sind der viertreichste Fußball-Verein in Europa. Sie haben viel richtig gemacht in den vergangenen Jahren, 2013 sogar die Champions League gewonnen. Und sie haben großen Anteil daran, dass die Nationalmannschaft 2014 den WM-Titel holte. Aber dann haben sich die Bayern national satt gesiegt, Meisterschaften mit 20 Punkten Vorsprung und mehr eingefahren und es international immer noch mal unter die letzten vier Teams geschafft.

Der Abstieg kam schleichend und geht einher mit Managementfehlern (kein Umbruch im Vorstand), einer ideenlosen Trainersuche (Jupp Heynckes, Niko Kovac) und einer miesen Einkaufspolitik (keine Transfers, Festhalten an Alt-Stars). Dass es womöglich trotzdem erneut zum Meister-Titel reicht, beweist die Zweitklassigkeit der Bundesliga erst recht.

Zu lange vom Ruhm vergangener Jahre gelebt

Fußball-Deutschland hat sich ein wenig zu lange im Glanz der erfolgreichen Jahre geaalt. 2013 standen mit Bayern und Dortmund zwei deutsche Teams im Champions-League-Finale, es folgte der WM-Sieg und fatalerweise auch noch ein Erfolg beim eigentlich unwichtigen Confed-Cup 2017. Deutschland befand sich in einer Komfortzone, in der man dachte: Es geht jetzt immer so weiter! Der Absturz begann mit dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 und setzt sich jetzt in der Champions League rasant fort.

Auch wenn Mehmet Scholl als Fußball-Experte ab und an etwas nassforsch auftrat, beweist sich seine Kritik an der Laptop-Trainer-Generation als durchaus richtig. Denn wer die deutschen Spiele mit den Auftritten englischer oder spanischer Teams vergleicht, dem fällt das Festhalten an starren Systemen auf. Das Motto lautet: System steht über individueller Klasse. Junge Spieler werden zu früh in Schemata gepresst, statt sie einzeln zu fördern. „Mehr Bolzplatz-Charakter würde uns gut tun“, hat Stefan Kuntz gesagt, der beim DFB für das U 21-Nachwuchsteam zuständig ist. Das ist schon mal der richtige Ansatz.

Die Engländer, lange verlacht für ihre irren Millionen-Transfers und Gehälter, machen derzeit vieles richtig. Die Fußball-Scheichs, die reihenweise Clubs aufkaufen, sind damit nicht gemeint, die braucht kein Mensch hier in Deutschland. Aber der englische Verband hat einen Strategie-Plan erstellt, um den Nachwuchs auf und neben dem Platz zu fördern. Und viel Geld in ein nationales Fußballzentrum investiert. 2017 wurden die U 17 und U 20 Weltmeister, die U 19 Europameister.

Engländer begeistern mit schnellem und offensivem Fußball

Und bei der WM in Russland begeisterte England mit schnellem und offensivem Fußball. Es ist daher kein Zufall, dass der mit 80 Millionen Euro derzeit wertvollste Spieler der Bundesliga ein Engländer ist: Jadon Sancho, 18, spielt bei Borussia Dortmund. Und wurde in England ausgebildet.

Wie lange die Delle oder Krise des deutschen Fußballs anhält, hängt von den handelnden Personen ab. Joachim Löw treibt den Umbruch in der Nationalmannschaft nach anfänglicher Verzögerung jetzt brutal voran und macht dabei vor großen Namen keinen Halt. Ein Umstand, den auch der Branchenführer FC Bayern beherzigen muss. Uli Hoeneß („Wenn Sie wüssten, wen wir alles schon sicher haben“) hat Großes angekündigt. Das wird nötig sein, um möglichst schnell wieder nach oben zu kommen.

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