Kommentar über die Bundesliga-Rückrunde

Der deutsche Fußball muss sich reformieren

Die Bundesliga ist in der Spitze zwar ausgeglichen wie lange nicht mehr, aber die Qualität des Nachwuchses sinkt weiter. Deshalb muss der deutsche Fußball die Ausbildung reformieren, meint Mathias Sonnenberg
16.01.2020, 19:08
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Der deutsche Fußball muss sich reformieren
Von Mathias Sonnenberg
Der deutsche Fußball muss sich reformieren

Mit der Partie Schalke 04 gegen Mönchengladbach, hier ein Foto aus dem Hinspiel, beginnt die Rückrunde.

Marius Becker

Wenn an diesem Freitag die Bundesliga wieder ihren Betrieb aufnimmt, wird die Nervosität bei Werder Bremen ganz schnell allergrößte Ausmaße annehmen. Platz 17, die schlechteste Hinrunde in der Bundesliga-Geschichte, die meisten Gegentore in Europas Top-Ligen, es gibt etliche Fakten, um an der Weser Angst und Schrecken zu verbreiten. Und auch diese Statistik macht keinen Mut: In den vergangenen sechs Spielzeiten ist fünfmal die Mannschaft abgestiegen, die nach der Hinrunde auf Platz 17 stand. Nur Borussia Dortmund (ja, die hatten auch mal einen kräftigen Durchhänger) kämpfte sich vor fünf Jahren von Platz 17 im Winter auf Platz sieben im Sommer.

Aber Fußballspiele wurden bislang selten am Rechenschieber entschieden, wichtig ist noch immer auf dem Platz. Und da haben die Bremer ja noch eine Menge Luft nach oben. Es wird interessant sein zu beobachten, wie die Geschäftsführung auf weitere sportliche Rückschläge reagiert. Ein unbedingtes Festhalten an einem Florian Kohfeldt, sogar bis zum Abstieg, weil man von dessen langfristigen Konzepten überzeugt ist?

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Oder dann doch in letzter Konsequenz die Reißleine ziehen, um den Abstieg mit aller Kraft zu verhindern? Für die Bremer Fußball-Bosse könnte die Rückrunde auch zu einer Richtungsentscheidung ihrer Arbeit werden. Es ist schon jetzt bemerkenswert, dass der Trainer trotz sportlicher Talfahrt nicht zur Diskussion steht, und Werder mal wieder die Gesetze der Fußball-Branche außer Kraft setzt. Die Frage ist nur: Wie lange hält der Klub das durch? Und wie hoch ist der Preis?

Dass ein Abstieg auch wirtschaftlich ein Desaster wäre, ist allen klar. Schon jetzt ist die finanzielle Kluft zur Spitze der Liga für Werder unüberwindbar. Der FC Bayern München etwa bekommt vom Anteilseigner Audi in den kommenden Jahren 500 Millionen Euro überwiesen, Borussia Dortmund nach der Vertragsverlängerung mit Ausrüster Puma 250 Millionen Euro.

Von RB Leipzig ganz zu schweigen, der als Brause-Klub sowieso in anderen Sphären schwebt. Selbst Hertha BSC, eher die graue Maus der Liga, hat für den Verkauf von Vereinsanteilen 225 Millionen Euro eingenommen. So kreativ kann Werder gar nicht auf dem Transfermarkt handeln, um diese Lücke jemals wieder schließen zu können. Und so wird der Traum von Europa auch dauerhaft einer bleiben.

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Dabei ist die Bundesliga in der Spitze ausgeglichen wie lange nicht mehr. Es gab Jahre, in denen Werder zur Schale griff, wenn die Bayern schwächelten. Heute sind es Klubs wie Leipzig oder Gladbach, Dortmund sowieso, die am Thron rütteln. Es gibt gute Gründe, um die Bundesliga zu feiern. Weil sie weltweit die meisten Fußball-Fans in die Stadien holt (40 785 im Schnitt). Weil 3,2 Tore pro Spiel fallen, so viele wie seit 35 Jahren nicht mehr.

Und weil sie nicht, wie viele Jahre zuvor, vom ersten bis zum letzten Spiel von den Bayern dominiert wird. Was der deutsche Fußball sportlich wert ist, zeigt sich aber nicht im Januar, sondern in den mittleren Monaten des Jahres. Dann werden die internationalen Titel vergeben. In den vergangenen zwölf Jahren gab es mit dem FC Bayern nur einen deutschen Verein, der einen europäischen Pokal gewann. Daran wird sich wohl auch 2020 nichts ändern.

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Überhaupt muss der deutsche Fußball in diesem Jahr zeigen, dass er sich reformieren will. Die Jugendarbeit, also die Basis aller Erfolge der Nationalmannschaft, funktioniert nur noch bedingt. Immer weniger in den Klubs ausgebildete Spieler kommen zum Einsatz. Und immer weniger Spieler, die jünger als 21 sind, werden von ihren Trainern auf das Spielfeld geschickt. Weil es an Qualität mangelt, und Deutschland bei der Schulung der Talente zuletzt viel Boden verloren hat.

Es scheint so, als habe der WM-Titel vor sechs Jahren für eine Sättigung gesorgt. Der Rausch am eigenen Erfolg erstickte die Gier nach weiteren Siegen. Dass die deutsche Nationalelf im Sommer bei der Europameisterschaft triumphiert, scheint derzeit utopisch zu sein. Dagegen ist Werders Klassenerhalt jedenfalls deutlich wahrscheinlicher.

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