Wie Jerry Smith bei den Eisbären Bremerhaben vom Retter zum umstrittensten Spieler wurde Der einsame Kapitän

Bremerhaven. Das Licht im Innenbereich der Stadthalle war schon gedimmt, das Flackern der Werbebanden erloschen, der Kabinentrakt menschenleer. Nach der 69:76-Pleite gegen Würzburg waren die Basketballer der Eisbären Bremerhaven bereits jeder für sich und geschützt vom Wummern des Basses ihrer überdimensionierten Kopfhörer, sprachlos an den Journalisten vorbei gerauscht und gegangen.
19.04.2016, 00:00
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Von NICO SCHNURR

Das Licht im Innenbereich der Stadthalle war schon gedimmt, das Flackern der Werbebanden erloschen, der Kabinentrakt menschenleer. Nach der 69:76-Pleite gegen Würzburg waren die Basketballer der Eisbären Bremerhaven bereits jeder für sich und geschützt vom Wummern des Basses ihrer überdimensionierten Kopfhörer, sprachlos an den Journalisten vorbei gerauscht und gegangen. Nur einer nicht – Jerry Smith.

Den breiten Schirm seiner Yankees-Cap tief ins Gesicht gezogen, die Goldkette auf der Trainingsjacke hin und her tänzelnd ob des schnellen Schrittes, kam er aus der Kabine. Wie Smith da im Halbdunkel einsam durch die verwaiste Halle huschte, getrieben von den Klängen, die aus seinen tragbaren Lautsprechern waberten, und dann doch für ein paar Fragen anhielt, das war ein Bild mit Symbolwert. Denn mehr und mehr wirkt Smith, Kapitän und Spielmacher des Tabellenvorletzten, angezählt und isoliert. Jerry Smith, so legen diese Wochen vor Saisonende nahe, ist der einsamste Kapitän der Basketball-Bundesliga.

Wie kein anderer verkörpert Smith die Stärken und Schwächen des Bremerhavener Spiels. Er ist schnell und wendig, durchsetzungsstark und hat einen dynamischen Zug zum Korb. Allzu oft aber fehlte ihm in dieser Saison ein Maß zur richtigen Dosierung seiner Stärken. Immer wieder kippte sein Spiel, entglitt in erzwungenen Einzelaktionen. Das machte ihn angreifbar. Wenn Geschäftsführer Jan Rathjen und Trainer Sebastian Machowski genauso wie Larry Gordon zuletzt kritisierten, dass es der Mannschaft an Führungsfiguren und Intelligenz fehle, taktische Anweisungen umzusetzen, dann war das natürlich auch eine scharfe Kritik an Smith. Schließlich ist er als Spielmacher, als Kapitän nunmal die Seele einer Mannschaft, deren Kritiker ihr vorwerfen, mitunter seelenlos zu spielen.

„Als ich hier angetreten bin, hieß es, diese Mannschaft sei kein Team, eine Ansammlung von Individualisten und Ego-Spielern“, sagte Machowski zuletzt. Seine größte Aufgabe sei es daher, das Zusammenspiel zu verbessern. Machowskis Ansatz: Smiths Spielzeit verringern, ihm weniger Raum geben. Während also gewöhnliche Basketball-Bundesligisten im Abstiegskampf derzeit ganz besonders auf Impulse ihrer Kapitäne setzen, hoffen sie in diesen Wochen in Bremerhaven, die Impulse ihres Kapitäns irgendwie reduzieren und kontrollieren zu können.

Natürlich wäre es viel zu einfach und ziemlich verkürzt, all das Unheil dieser missratenen Saison auf dem 28-Jährigen abzuwälzen. Als Spielmacher und Hirn des Teams, als derjenige, der die Systeme des Trainers ausführen muss, hat Smith am schmerzhaftesten erfahren, wie es ist, unter drei Trainern in einer Saison zu spielen. Er selbst sieht sich deshalb als Leidtragender. „Das ist verdammt hart für mich. Die ständigen Umstellungen, immer wieder aufs Neue lernen, was der Trainer mag und wie er tickt – das ist mental auch für mich ziemlich belastend“, sagt er. Und überhaupt: „Ich vermisse den Spaß in dieser Saison, der ist verloren gegangen.“

Noch im Spätsommer des vergangenen Jahres sah das anders aus. Smith strahlte, als ihn die Anhänger beim Tag der Fans belagerten, um Selfies und Autogramme baten, oder sich einfach nur mal bedanken wollten. Dafür, dass er, der Retter und Impulsgeber der Vorsaison, der erst im Februar aus Israel gekommen war und großem Anteil am Klassenerhalt hatte, tatsächlich blieb. Als einziger. Endlich mal wieder wer, der sich mit dem Verein identifizieren konnte und sofort zusagte. So klang er, der Smith-Konsens des entzückten Eisbären-Anhangs vor Beginn dieser Saison.

Viel davon ist nicht übrig geblieben. Wohl auch, weil Smiths Außendarstellung die Zweifel an seiner Person nährt. Ende März, mitten im Abstiegskampf, sinnierte er auf seinem Twitter-Account, auf dem ihm immerhin über 8000 Menschen folgen, über baldige Reiseziele: Hawaii – oder doch auf die Bahamas? Nur blöder zeitlicher Zufall oder doch auf Kurznachrichten-Format destillierte Egal-Haltung? Entfernt vom Team scheint sich Smith ohnehin zu haben. Angesprochen auf den Vorwurf der fehlenden spielerischen Intelligenz der Eisbären entgegnet er: Das sei überhaupt nicht das Problem, vielmehr fehle es manchmal am „Fokus“: „Das spürt man in einigen Auszeiten. Da scheinen manche Spieler nicht immer voll bei der Sache zu sein, holen sich lieber eine Banane, trinken Wasser, während der Trainer etwas erklärt.“ Und so wirkt es, als wären die Eisbären und ihr einsamer Kapitän vor den womöglich entscheidenden Spielen im Kampf um den Klassenerhalt am kommenden Wochenende sich selbst der größte Gegner.

10x2 Karten für das Spiel der

Eisbären gegen Crailsheim

◼ Am Sonntag, 24. April, um 15 Uhr treffen die Eisbären Bremerhaven in der Bremer ÖVB-Arena auf das Bundesliga-Schlusslicht Crailsheim Merlins. WESER-KURIER und Bremer Nachrichten verlosen für diese Partie zehnmal zwei Eintrittskarten. Wer gewinnen will, ruft an diesem Dienstag (bis 24 Uhr) unter der genannten Telefonnummer an. Hinterlassen Sie bitte Ihren Namen, Adresse und Telefonnummer. Die Gewinner werden telefonisch benachrichtigt. Die Karten liegen am Veranstaltungstag an der Kasse bereit.

01379 60 444 2 *

*50 Cent aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunktarife sind deutlich teurer. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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