Mika Häkkinen über die Probleme der Formel 1, ihren Wandel und sein Leben danach

„Der emotionale Kontakt fehlt“

Wo liegen für Sie die gegenwärtigen Probleme der Formel 1, beim Publikum noch Akzeptanz zu finden?Mika Häkkinen: Ich glaube, ein Problem ist, dass die Fans sich ausgeschlossen, zu weit entfernt von den Akteuren sehen. Es ist immer einfach, über sich selbst zu reden – und das tut die Formel 1 auch ziemlich viel.
20.03.2016, 00:00
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„Der emotionale Kontakt fehlt“

Hauptsache laut und schnell, das gilt für den früheren Formel-1-Weltmeister Mika Häkkinen offenbar auch heute noch.

imago sportfotodienst und IMAGO, imago/Viennareport

Wo liegen für Sie die gegenwärtigen Probleme der Formel 1, beim Publikum noch Akzeptanz zu finden?

Mika Häkkinen: Ich glaube, ein Problem ist, dass die Fans sich ausgeschlossen, zu weit entfernt von den Akteuren sehen. Es ist immer einfach, über sich selbst zu reden – und das tut die Formel 1 auch ziemlich viel. Aber einen echten Kontakt aufzubauen und vielleicht auch den Fans mal zuzuhören, daran fehlt es. Diese wachsende Distanz zwischen den Fahrern und den Fans, darin liegt ein großes Problem.

Gibt es noch andere?

Die Fans sagen mir immer wieder, dass sie sich heute viel weniger Rennen anschauen als früher, die ganze Formel 1 nicht mehr so genau verfolgen. Ich frage dann immer, warum das so ist – und da kommt dann oft, dass inzwischen alles viel zu kompliziert, viel zu technisch sei. Die Leute mögen einfache Dinge – und einfache Dinge funktionieren meistens auch ziemlich gut. Das immer wieder von Formel-1-Fans bestätigt zu bekommen, ist schon interessant. Aber wenn man in der Formel 1 etwas ändern will, dann ist das nicht so einfach. Vor allem geht das nicht über Nacht.

Was würden Sie denn verändern, wenn Sie könnten?

Wenn ich ganz ehrlich bin: Wie man die Formel 1 – bei all den Faktoren und Einflüssen, die da heute eine Rolle spielen – wirklich wieder entsprechend vereinfachen könnte, das weiß ich auch nicht. Aber an sich gibt es in der Formel 1 genug Experten dafür, die es vielleicht könnten. Eines ist sicher: Fahrer, Teamchefs, Partner, sie alle müssten direkter mit den Fans verbunden sein. Man müsste ihnen die Möglichkeit geben, ein Gefühl dafür zu bekommen, wer diese Menschen in der Formel 1 wirklich sind. Einen emotionalen Kontakt aufbauen, darum geht es. Nur dann könnten die Fans die Fahrer und Teams auch wirklich unterstützen, sich mit ihnen identifizieren. Wie gesagt: Es ist ziemlich einfach, über sich selbst zu reden, wie fantastisch man ist. Aber wichtiger ist doch, zuzuhören, wie andere Leute das empfinden, wie sie dich sehen – und was du ihnen geben könntest.

Wer die Formel 1 länger verfolgt, hat das Gefühl, dass früher mehr und intensiver auf der Strecke gekämpft wurde, dass diese alte Ausprägung des Rennsports auch für die Piloten eine größere Herausforderung darstellte. Ist das nur von außen gesehen so – oder auch für jemanden wie Sie, der es von innen beurteilen kann?

Ein Punkt dabei ist ganz bestimmt, dass schon allein die Strecken früher anders waren. Da wurde mit Blick auf die Sicherheit sehr viel verändert, was natürlich richtig ist – denn Sicherheit ist das Wichtigste überhaupt im Rennsport. Tatsächlich gab es früher grundsätzlich schon mehr aggressive Action – aber ein Fahrer, der heute in der Formel 1 ist, weiß eben auch ganz genau, dass er eine sehr, sehr lange Saison vor sich hat. Das Ziel, das auch die Teams vorgeben, ist dann eher, die Risiken zu minimieren, möglichst alle Rennen zu beenden und auf jeden Fall immer so viele Punkte wie möglich mitzunehmen. Wenn man auf andere Rennserien schaut, etwa auf die GP2, da wird auch heute noch deutlich aggressiver gefahren – da ist meistens von der ersten bis zur letzten Minute volle Action. Und die fahren auf den gleichen Strecken.

Welche Rolle spielt das komplexe Technikpaket dabei möglicherweise?

Wenn ich mit den aktiven Piloten spreche, dann sagen sie mir immer wieder, dass es ihnen die derzeitige Formel-1-Technik gar nicht mehr erlaubt, wirklich anzugreifen. Jedes Mal, wenn sie versuchen, voll zu attackieren, dann werden die Rundenzeiten nicht schneller, sondern langsamer. Sie brauchen heute in erster Linie Geduld, müssen vor allem aufpassen, die Reifen auf keinen Fall zu überfordern. Solche Dinge sind inzwischen das Allerwichtigste.

Da könnte man heraushören: Für Sie wäre das nichts, oder?

Ständig Dinge am Auto schonen, auf irgendetwas aufpassen zu müssen, Reifen, Motor, Bremsen – das ist nicht das, was ein Rennfahrer sich wünscht. Das ist mal für die letzten fünf Runden okay, aber doch nicht für mehr als das halbe Rennen!

Sie selbst sind ja auch noch häufig an den Rennstrecken anzutreffen, allerdings nicht, wie viele ihrer ehemaligen Kollegen, als TV-Experte. Was ist ihre Rolle heute?

Ich arbeite für viele große, weltweit aktive Unternehmen, und dann bin ich auch noch im Management-Team von Williams-Pilot Valteri Bottas. Ich steige im Laufe der Zeit immer tiefer in die Businesswelt ein, mache nicht nur reine PR-Auftritte – das ist eine faszinierende Welt, es gibt so viele hochinteressante Projekte. Und es ist spannend, erfolgreiche Manager und Geschäftsleute zu treffen, zu erfahren, wie sie nach oben gekommen sind, was ihre Schlüsselelemente für den Erfolg waren und sind.

War der Umstieg für Sie eigentlich schwer – vermissen Sie das Rennfahren?

Heute nicht mehr, aber am Anfang hat schon etwas gefehlt: Der Wechsel war nicht einfach. Es war nicht so sehr das reine Fahren an sich, dass ich vermisst habe. Aber wenn man sich über so lange Zeit auf eine einzige Sache konzentriert, sich ihr zu 100 Prozent gewidmet hat, und das ist dann plötzlich weg – dann braucht man ein bisschen Zeit, um diesen neuen Weg zu finden. Ich habe meinen gefunden und bin sehr glücklich damit.

Das Gespräch führte Karin Sturm

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