Kommentar zum Grindel-Rücktritt

Der falsche Mann am falschen Platz

Das Auftreten von Reinhard Grindel litt darunter, dass er vorgab, jemand zu sein, der er nicht war. Jetzt wurde ihm die Kluft zwischen Selbstbildnis und tatsächlichem Wirken zum Verhängnis, meint Marc Hagedorn.
03.04.2019, 06:39
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Der falsche Mann am falschen Platz
Von Marc Hagedorn
Der falsche Mann am falschen Platz

Der Präsident des Deutschen Fußballbundes, Reinhard Grindel, hat am Dienstag seinen sofortigen Rücktritt bekannt gegeben.

Boris Roessler/dpa

Als Reinhard Grindel vor knapp drei Jahren sein Amt als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes antrat, da tat er dies mit der Attitüde des Aufklärers. Der DFB steckte zu der Zeit mitten in der größten Krise seiner Verbandsgeschichte, Stichwort Sommermärchen-Skandal. Transparenz, Anstand, Ehrlichkeit – das war das, was der DFB, dessen Glaubwürdigkeit großen Schaden genommen hatte, damals brauchte. Transparenz, Anstand, Ehrlichkeit – das waren auch die Koordinaten, an denen Grindel sein Wirken gemessen sehen wollte. Sein Rücktritt am Dienstag ist das Eingeständnis, diesen Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein.

Anzeichen dafür, dass Reinhard Grindel nicht der richtige Mann für diesen Job war, hatte es früh gegeben. Grindels Auftreten litt von Beginn an darunter, dass er vorgab, jemand zu sein, der er in Wirklichkeit nie war, wie sich früher oder später herausstellte.

Grindel präsentierte sich stets als Mann des Amateurfußballs. Tatsächlich hat er in seiner Jugend für ein paar Jahre selbst Fußball gespielt. Aber erst als er mit über 30 in der Bundespolitik Karriere machen wollte, näherte er sich dem Fußball wieder an: als Pressewart und Vorstandsmitglied beim Rotenburger SV, dem Klub mit den größten Ambitionen in seinem Wahlkreis.

Grindel blieb Funktionär und Netzwerker

Zwar loben selbst Grindels schärfste Kritiker seine Hingabe und seine Ausdauer, mit der er regelmäßig Landes- und Amateurverbände besuchte. Aber trotzdem war Grindel nie einer vom Bolzplatz, sondern blieb Funktionär, Netzwerker, Strippenzieher.

Grindel, studierter Jurist, zeitweiliger Fernsehjournalist und 14 Jahre lang für die CDU im Bundestag, ist qua Profession ein Mann, der mit Worten arbeitet. Und Grindel kann gut mit Sprache umgehen. Vor allem auf Verbandstagen oder bei Vereinsbesuchen funktionierte das prima. Aber sobald sich Grindel zu den großen Fragen äußerte, die das Fußballvolk gerade bewegten, unterschätzte er oft die Wirkung seiner Statements. Häufig positionierte er sich, nur um seine Worte wenig später wieder einzufangen. Der Eindruck, der blieb: heute hü, morgen hott.

Nur zwei Beispiele: Als Mesut Özil im Sommer nach der Weltmeisterschaft in Russland, die für die deutsche Nationalmannschaft katastrophal verlaufen war, zurücktrat und dies unter anderem mit rassistischen Anfeindungen begründete, die er als Nationalspieler erlebt habe, da sagte Grindel als DFB-Präsident zunächst – nichts. Als er sich dann mit ein paar Tagen Verspätung äußerte, kritisierte er den Spieler. Kurz darauf gab er zu, dass er sich in der Situation doch besser „vor Özil gestellt“ hätte.

Wie wankelmütig der DFB-Präsident mitunter wirkte, zeigte sich auch vor wenigen Wochen nach dem Nationalmannschafts-Aus für Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller. Zunächst kritisierte Grindel das Vorgehen von Joachim Löw bei der Ausbootung der drei verdienten Weltmeister, kurz danach nahm Grindel seine Kritik am Bundestrainer wieder zurück.

Grindel war nie der Aufklärer, der er sein sollte

Über ungeschickte Rhetorik hätte man beim DFB vermutlich hinwegschauen können, wenn Grindel nicht an seiner wichtigsten Aufgabe gescheitert wäre: Er war nie der Aufklärer, der er sein sollte und wollte. Es verrät natürlich auch eine Menge über das Haifischbecken namens DFB, dass dem „Spiegel“ und der „Bild“ zuletzt scheibchenweise Interna gesteckt wurden, um Grindel zu kompromittieren.

Aber Fakt ist auch: Der Mann, der stets von Compliance, also Regeltreue, redete, hat eine teure Uhr angenommen. Selbst wenn man ihm glaubt, dass er sich dabei nichts gedacht habe, wie er sagt, macht es sein Verhalten nicht besser: Uhren sind spätestens seit der Rolex-Affäre um Karl-Heinz Rummenigge und Luxusuhren für Fifa-Funktionäre das Sinnbild schlechthin für Bestechungsgeschenke. Grindel hätte sensibilisiert sein müssen.

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Dass er zusätzlich zu seinen sonstigen Einnahmen als DFB-Präsident auch noch 78.000 Euro für eine Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender einer DFB-Tochter erhalten hat, dies aber nie öffentlich machte, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass es ihm mit der angekündigten Transparenz-Offensive am Ende doch nicht so ernst war.

Was bleibt nach drei Jahren Grindel an der DFB-Spitze? In seine Amtszeit fällt die Entscheidung der Uefa, die EM 2024 nach Deutschland zu vergeben. Das ist auch sein Verdienst. Ansonsten befindet sich der DFB wieder dort, wo er im November 2015 nach dem Rücktritt von Grindel-Vorgänger Wolfgang Niersbach schon stand: auf der Suche nach einem neuen Präsidenten und bemüht, aus den Negativschlagzeilen zu kommen.

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