Der 1. FC Köln zeigt eine bemerkenswerte Reife – wovon Schalke nur träumen kann

Der gewisse Unterschied

Gelsenkirchen. Das Stadion war beinahe schon leer, als die Kölner Fans alle Zurückhaltung ablegten und ihrem Überschwang freien Lauf ließen. „Deutscher Meister Effzeh”, brüllten die Anhänger im Gästeblock, nachdem Simon Zoller in der Schlussphase der Partie in Gelsenkirchen zum 3:1 für den neuen Tabellenzweiten vom Rhein getroffen hatte.
23.09.2016, 00:00
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Von Daniel Theweleit
Der gewisse Unterschied

Es läuft: Kölns Trainer Peter Stöger hat es geschafft, aus seinen Spielern auch eine richtig starke Mannschaft zu entwickeln.

imago sportfotodienst, imago/Revierfoto

Gelsenkirchen. Das Stadion war beinahe schon leer, als die Kölner Fans alle Zurückhaltung ablegten und ihrem Überschwang freien Lauf ließen. „Deutscher Meister Effzeh”, brüllten die Anhänger im Gästeblock, nachdem Simon Zoller in der Schlussphase der Partie in Gelsenkirchen zum 3:1 für den neuen Tabellenzweiten vom Rhein getroffen hatte. Viele Schalker hatten sich in ihrer Enttäuschung da bereits auf den Heimweg gemacht; sie hatten keine Lust auf die explodierende Euphorie der Gäste. Die wiederum gipfelte wenig später in einer Nachricht aus der Ferne. „1. FC Leicester City“, twitterte der Stadtheilige und Edelfan Lukas Podolski. Der legendäre Stürmer hatte mal wieder die treffenden Worte gefunden.

Leicester wurde in der vorigen Saison bekanntlich sensationell englischer Meister, mit einem hingebungsvollen Verteidigungs- und Konterfußball, der große Ähnlichkeiten mit diesem Kölner Sieg in Gelsenkirchen hatte. Nun träumen sie also auch am Dom von der Meisterschaft. Noch vor zwei, drei Jahren hätte man diese merkwürdigen Karnevalsmenschen umgehend des Größenwahns verdächtigt, aber diese Zeit ist tatsächlich vorbei. Nicht nur der Fußball, die ganze Unternehmenskultur beim 1. FC Köln ist inzwischen geprägt von einer unerschütterlichen Demut. Da dürfen der Poldi und die anderen Anhänger ihrer Fantasie schon mal freien Lauf lassen.

Manager Jörg Schmadtke als auch Trainer Peter Stöger hingegen geben perfekte Beispiele ab, um den Begriff „Vernunftmensch“ zu illustrieren. „Der Teamgeist und der Wille zu arbeiten, machen uns zurzeit so erfolgreich“, sagte Kapitän Matthias Lehmann. Der 1. FC Köln hat zwar mit Anthony Modeste einen der gefährlichsten Torjäger – ist in seiner Gesamtheit jedoch nicht die am stärksten besetzte Mannschaft der Liga. Dafür ist es gut möglich, dass die Rheinländer das derzeit am besten entwickelte Team sind.

Seit gut drei Jahren wird beim FC mit beachtlicher Kontinuität, viel Sachverstand und ohne größere Brüche gefeilt und optimiert. Unter dem Strich steht eine Reife, die in diesen ersten Saisonwochen deutlich erkennbar ist – und genau hier liegt der entscheidende Unterschied zu den armen Schalkern. Der FC ist eingespielt, verfolgt ein klares und detailliert einstudiertes Spielkonzept, die Spieler kennen sich und bringen ihre Stärken nahezu perfekt zur Geltung. Und die Schalker? Sie sind gerade erst dabei, erste Teile ihres künftigen Erfolgspuzzles ineinanderzufügen.

Denn es war ja keine wirklich schlechte Partie des weiterhin punktlosen Vorletzten der Tabelle. Die Schalker waren mehr gelaufen, hatten mehr Ballbesitz, die bessere Passquote und mehr Torschüsse. Eine größere Anzahl Flanken schlugen sie auch – was fehlte, waren Effizienz und Durchschlagskraft. „Solche Spiele werden in Details entschieden“, sagte Trainer Markus Weinzierl, und um diese berühmten Kleinigkeiten zu kontrollieren, braucht man im Fußball nun einmal Zeit. „Mit Ruhe und Verstand“, werde jetzt weitergearbeitet, verkündete Manager Christian Heidel in deeskalierendem Tonfall, und wies darauf hin, dass es nach dem Abpfiff nur sehr wenige Pfiffe im Stadion gab.

Die Leute waren zwar enttäuscht gegangen – aber noch nicht zornig. „Ich glaube, es wäre eine andere Reaktion gekommen, wenn das Publikum den Eindruck gehabt hätte, dass die Mannschaft sich nicht engagiert“, erklärte Heidel. Wobei dieses Spiel sehr wohl an die finstere Zeit erinnerte, als Trainern wie Jens Keller, Roberto di Matteo oder André Breitenreiter vorgeworfen wurde, Schalke 04 fußballerisch nicht weiterzuentwickeln. Denn trotz ihrer guten statistischen Werte, haben sie kein Tempo in ihr Spiel bekommen. Die Kölner dagegen wirkten mit ihren rasend schnellen Gegenangriffen immer gefährlich.

Die Zuversicht ist aber weiterhin vorhanden. „Nach dem Regen wird wieder die Sonne scheinen“, floskelte Sascha Riether, der auf die Rechtsverteidigerposition gerückt und damit für jenen Raum zuständig war, über den alle Gegentreffer fielen. Und Benedikt Höwedes prophezeite, „wenn das Ding einmal angeschoben wird, wenn wir den Lohn einfahren für die Dinge, die wir investieren, dann werden wir einen Lauf kriegen“. Es habe sich „so viel zum Positiven gewendet“ auf Schalke.

Aber vielleicht ist genau diese Haltung ein Teil des Problems. Die Trainingsbedingungen wurden deutlich verbessert, die Transfers wirken überzeugend, der Trainer hat einen guten Ruf, das fußballerische Konzept ist zumindest theoretisch so klar wie lange nicht, selbst das gefürchtete Schalker Umfeld ist vergleichsweise ruhig. Möglicherweise sind da einige Spieler erfüllt von dem Gefühl, der Erfolg werde angesichts der Fortschritte von alleine kommen, wenn man nur geduldig bleibt. Die Kölner dagegen handeln statt zu warten.

„Nach dem Regen wird wieder die Sonne scheinen.“ Schalke-Profi Sascha Riether
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