Ehrung für „Diskus-Liesel“

Der große Wurf

Leichtathletik-Legende im Fokus: Das Sulingen-Projekt widmet sich in einem Interview Diskuswerferin Liesel Westermann-Krieg, deren Weltrekord-Wurf sich am kommenden Sonntag zum 50. Mal jährt.
03.11.2017, 17:26
Lesedauer: 4 Min
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Von Stephan Stegmann

Sulingen. Liesel Westermann-Krieg schaffte das, was für Frauen im Sport lange als utopisch galt: Die Sulinger Ausnahme-Leichtathletin schleuderte den Diskus am 5. November 1967 im brasilianischen Sao Paolo erstmals über die als unantastbar geltende Marke von 60 Metern. Westermanns Fabel-Wurf auf 61,26 Meter brachte ihr nicht nur den Titel als alleinige Weltrekordhalterin ein, sondern machte sie im gleichen Atemzug zur Sportlerin des Jahres der Bundesrepublik Deutschland und auf Geheiß des amerikanischen Fachblattes „Women‘s Track and Field World“ sogar zur Welt-Leichtathletin des Jahres.

Übrigens steigerte die sportlich begabte, ehemalige Sulingerin, die einen ihrer ersten Gehversuche in der Leichtathletik bei der Bezirkswaldlaufmeisterschaft in Syke unternahm, ihren Weltrekord weitere drei Mal bis ihr im Jahr 1969 ein Wurf auf 63,96 Meter glückte. Erneut wurden ihr die Titel Deutsche und Weltsportlerin des Jahres zuteil. Allein auf dem Weg zu ihrem ersten bahnbrechenden Rekord-Wurf stellte Westermann elf Weltjahresbestleistungen auf. Zudem krönte sich die Ausnahmesportlerin in ihrer langen aktiven Karriere mehrfach zur Deutschen Meisterin und gewann bei den Olympischen Spielen von 1968 in Mexiko-Stadt sowie bei drei Europameisterschaften Silber.

Interview zum Jahrestag des Rekords

Westermanns Erfolgsgeschichte nehmen sich die Macher von „Das Sulingen-Projekt“ an, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Geschichte des Sulinger Landes genauer unter die Lupe zu nehmen. „Unser Ziel ist es, spannende Anekdoten und Geschichten zu erfahren, bei denen Menschen und Schicksale im Mittelpunkt stehen, und diese weiterzuerzählen“, verrät Mitinitiator Frank Wenker, dessen Team die ehemalige Weltrekordhalterin anlässlich des 50. Jahrestages ihres bahnbrechenden Versuchs interviewte. Ausgestrahlt wird das komplette Porträt von Sonntag an auf der Internetseite www.sulingen-projekt.de.

Adrett gekleidet sitzt die heute 73-jährige Liesel Westermann da. Im Zwiegespräch mit Knut Teske steht sie Rede und Antwort zu ihrer einmaligen Lebensgeschichte. In Erinnerungen schwelgend, skizziert die Sportlerin ihren Weg in die Leichtathletik-Elite. „Ich habe mich selbst auf die Spur des Diskuswerfens gebracht“, rekapituliert Westermann, die in jungen Jahren nach neugieriger Stöberei im Vereinsheim des TuS Sulingen eher zufällig ihr Paradegerät entdeckte: „Ich habe den Diskus gefunden und mich daran erinnert, was die Großen damit machen.“ Dabei macht die Kreisdiepholzerin keinen Hehl daraus, dass auch für sie aller Anfang mit der schnittigen Scheibe schwer war. Denn der Diskus „flog links in die Schonung, ging nach rechts, zur Seite. Er ging nur selten dahin, wohin er hätte hingehen sollen.“ Andächtig erzählt die symphatische Mutter vierer Kinder von der Teilnahme an ihrer ersten Diepholzer Kreismeisterschaft. „Da hat man noch mit Spikes auf Rasen gedreht. Da lag nur ein Eisenring, der die Umgrenzung machte.“ Schon früh lernte die aufstrebende Werferin, auch bei widrigen Verhältnissen, das Beste herauszuholen: „Tja, und da war ich Kreismeisterin.“

Episode um Episode lässt Westermann den Zuschauer Teil ihres Schicksals werden und blickt zurück auf strapaziöse Leichtathletik-Wintertrainingslager mit Friedel Schirmer, dem später erfolgreichen Zehnkampf-Trainer. „Friedel hatte Methoden drauf, die hart waren.“ Auf denen beharrte auch einer ihrer treuesten Wegbegleiter. Dennoch äußert sich die 73-Jährige rückblickend mit tief empfundener Dankbarkeit zu ihrem früheren TuS-Trainer Bruno Vogt, einem ihrer engagiertesten Förderer, der aus der begabten Westermann die Weltklasse-Athletin „Diskus-Liesel“ formte. „Ich durfte nie Diskuswerfen, bevor ich nicht zehn Mal Kugelstoßen gemacht hatte“, verrät die einstige Vorzeigesportlerin zum trainingsspezifischen Repertoire, zu dem auch ständige Laufeinheiten und Sprungübungen zählten. Oftmals lästiges Beiwerk für eine aufstrebendes Talent. Doch heute weiß es Westermann besser. „Er hat für meine Möglichkeiten Trainingsformen gefunden. Das war genial. Ihm verdanke ich meine gesamte sportliche Entwicklung.“

Der erste Weltrekord purzelt

Etappenweise und „Stück für Stück“ sei es für sie weitergegangen: Westermann triumphierte bei Landesmeisterschaften, später bundesweit. Immer hatte sie ein Ziel vor Augen: „Die 50 Meter möchte ich schon werfen.“ Diesen Meilenstein erreichte die zudem mehr als passable Sprinterin – mit der 4x100-Meter Staffel von Hannover 96 gewann Westermann die Deutsche Meisterschaft 1964 – bereits mit 18 Jahren. Der Beginn einer großen Karriere.

Ausgelassen plaudert die Sulingerin über ihre spätere Südamerika-Reise, bei der sie etwa in Peru und Chile Station machte. „Santiago de Chile, Internationale Chilenische Meisterschaften – Das war ein Fest!“, schwärmt sie von der prächtigen Stimmung, Fanfaren und Musikkorps, die in weißen Paradeuniformen den Einzug der Leichtathleten ins Stadion begleiteten. Der Sportszene im Gedächtnis bleiben wird sie aber vor allem für ihren Auftritt in Sao Paulo. Denn: „In Brasilien habe ich meinen ersten Weltrekord geworfen. Das war etwas Besonderes“, erinnert sich Westermann, die auch in ihrer Heimat nicht in Vergessenheit geriet.

Einen besonders warmen Empfang bereiteten die Sulinger der Sportlerin, nachdem der Diskuswerferin nach Olympia-Silber 1968 in Mexiko-Stadt vier Jahre später in München nur ein für sie persönlich enttäuschender fünfter Platz blieb. Ihre Heimatstadt habe sie danach „in den Arm genommen“, erzählt die Leichtathletik-Legende ob der tröstenden Geste. Und das macht die Kleinstadt nach wie vor, wenn man bedenkt, dass neben dem traditionellen Werfertag ihr zu Ehren auch ein Weg und eine Stele am ehemaligen Bürgerpark-Stadion ihren Namen tragen. „Es ist herrlich, wenn man da, wo man zu Hause ist, auch gern gesehen ist – und wenn man die Anerkennung noch hat.“ Eine verdiente Würdigung, die das Sulingen-Projekt nun aufleben lässt.

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