Interview

„Der Körper ist für Bewegung geschaffen, der Kopf zum Nachdenken“

Utz Bertschy ist Vorsitzender des 2005 gegründeten Marathon-Clubs Bremen und spricht im Interview über das Laufen als neuer Trendsportart und das Vermeiden von Frusterlebnissen dabei.
16.03.2018, 21:47
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Der Körper ist für Bewegung geschaffen, der Kopf zum Nachdenken“
Von Frank Hethey
„Der Körper ist für Bewegung geschaffen, der Kopf zum Nachdenken“

Wer gut laufen will, sollte auch die richtigen Schuhe tragen: Der Vorsitzende des Marathon-Clubs Bremen, Utz Bertschy, fordert zur Kreativität auf, um die Monotonie des Laufens zu durchbrechen.

Christina Kuhaupt

Wenn der Frühling kommt, beginnt die Laufsaison. Richtig?

Utz Bertschy: Um es mal so zu sagen: Der Domino-Verzehr liegt hinter uns, die Menschen erinnern sich an ihre guten Vorsätze zum Jahreswechsel, die mit dem ersten Bodenfrost schnell wieder erstarrt waren. Nicht zu vergessen: Die Tage werden länger, das motiviert. Mit der Sonne wachen die Lebensgeister wieder auf.

Lesen Sie auch

Man hat den Eindruck, es würde mehr gelaufen als früher. Überall sieht man Menschen jeden Alters im Sportdress ihre Runden drehen. Ist Laufen die neue Trendsportart?

Es wird mehr gelaufen, das stimmt. Weil immer mehr Menschen erkennen, dass Laufen gut ist, gut für das Herz-Kreislaufsystem. Das Laufen ist die effizienteste Trainingsmöglichkeit für das Herz-Kreislaufsystem.

Nehmen sich das vermehrt auch Ältere zu Herzen?

Vielleicht, aber nicht nur – jedenfalls kann man bei denjenigen Sporttreibenden, die das Privileg der früheren Geburt genießen, von einer höheren Sensibilität für das Thema Laufen ausgehen. Ältere sind noch mehr mit dem Sport als mit der Spielkonsole aufgewachsen, die haben sportliche Aktivität verinnerlicht.

Mehr Menschen laufen – heißt das auch mehr Zulauf für die Vereine?

Nein, nur noch 25 bis 30 Prozent der Läufer laufen im Verein. Alle anderen sind Einzelkönner jenseits des Vereinsappeals. Aber die meisten Menschen wollen auch gar nicht zwingend schnell laufen.

Wie meinen Sie das?

Heute läuft man nicht mehr so weit und so häufig wie die Menschen früher. Das Leistungsniveau hat folglich nachgelassen. Früher war es auch deshalb höher, da weitaus mehr Menschen ihre Laufkarriere auf einer leichtathletischen Grundausbildung aufbauten. Sie wussten, was Tempoläufe sind.

Lesen Sie auch

Aber ist das nicht normal, wenn es nicht um den Vergleich im Wettkampf geht, sondern um Laufen als Freizeitsport, als Ausgleich zur Alltagshektik?

Was ist bei einem Läufer schon normal? Der Wettkampf wird heute anders gesehen. Nicht das Erreichen der maximalen sportlichen Leistung steht im Vordergrund, sondern die Teilnahme an einem Event. Die Aufgabe, für eine zusätzliche Motivation bei den Laufbegeisterten zu sorgen, ist aber geblieben. Auch die Gültigkeit des Satzes, dass die Basis für deine sportliche Form im Winter gelegt wird. Wer im Frühjahr und Sommer gut mithalten oder gar besser werden will, muss das ganze Jahr über trainieren. Wenn du schnell laufen willst, darfst du im Winter nicht aussetzen.

Mit dem Laufen?

Nein, mit dem Training. Es gibt einen Unterschied zwischen Laufen und Trainieren. Training ist ein gesteuerter Prozess und damit noch etwas mehr, als zwei- oder dreimal in der Woche zu laufen. Für eine gute Körperathletik und damit verletzungsfreie Laufsaison ist das bei Weitem nicht genug. Beim Lauftraining geht es auch um Körperstabilisation durch Kräftigung oder das Entwickeln von Laufgeschwindigkeit über Tempoläufe oder Fahrtenspiele. Das Laufen hat viel mehr Facetten, als viele Menschen wahrnehmen.

Viele Menschen empfinden das Laufen als langweilig und öde. Immer die gleiche Strecke, immer der gleiche Bewegungsablauf. Gibt es ein Mittel dagegen?

Nun, es ist nirgends festgeschrieben, dass ich die Laufstrecke, Laufrichtung oder Laufgeschwindigkeit nie ändern darf! Man muss es nur einfach tun! Andererseits ist der Mensch ein Gewohnheitstier, die Kreativität im Zuge des Loslaufens ist sehr begrenzt, da uns die Handlungssicherheit stets sehr wichtig ist. Für die Handlungssicherheit hilft Routine, Routine hat aber auch stets den Hauch von Langeweile.

Was heißt das konkret?

Ich muss die gewünschten Änderungen vollständig durchplanen, sonst geht es schief und ich verfalle wieder in das bisherige Laufmuster oder bleibe auf halber Höhe stehen. Laufen ist weit mehr Psychologie als Physiologie.

Da könnte kompetente Unterstützung helfen.

Auf jeden Fall. Für viele Menschen ist es hilfreich, eine Anlaufstelle zu haben und dann mit Laufgruppen unterwegs zu sein. Ein wenig Gruppenzwang aufzubauen. Die Phase bis zum unmittelbaren Loslaufen ist immer kniffelig, weil immer einer auf Deiner Schulter sitzt und dir zuflüstert, heute vielleicht besser nicht…

Sie meinen im Sinne von: Wie motiviere ich mich?

Genau. Wichtig ist es, Frusterlebnisse zu vermeiden. Das geht, und zwar indem man Erfolgserlebnisse vorher provoziert. Sich also erreichbare Ziele steckt. Deshalb empfehlen wir einen Trainingsplan – auch wenn es sich vielleicht spießig anhört. Wobei es kein Patentrezept gibt: So verschieden die Charaktere sind, so verschieden sind auch die Motivationsmethoden. Aber es ist immer toll, wenn ich das, was ich mir vorgenommen habe, am Ende auch erreicht habe. Das schafft Zufriedenheit.

Und rein körperlich sehen Sie keine Hürden?

Nicht, solange man organisch gesund ist. Wir sind genetisch jenseits des Autofahrens auf eine tägliche Ausdauerleistung von 20 Kilometern geeicht. Der Körper ist für Bewegung geschaffen, der Kopf zum Nachdenken. Das kann man im Rahmen eines ruhigen Dauerlaufes wunderbar vereinen! Das macht das Erholsame und Erfrischende beim Laufen aus! Du darfst mit dem Nachdenken nur nicht schon unmittelbar vor dem Loslaufen beginnen. Es könnte sich der Gedanke erhärten, dass 60 Minuten auf dem Sofa kurzfristig die lukrativere Option wäre…


Das Gespräch führte Frank Hethey.

Zur Person:

Utz Bertschy ist Vorsitzender des 2005 gegründeten Marathon-Clubs Bremen. Bertschy betreibt das Sportfachgeschäft "Sport Ziel" an der Parkallee.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+