53. Sixdays in Bremen

Der Letzte seiner Art

Marcel Barth feiert Abschiedsparty – mit ihm verschwindet ein Fahrertypus bei den Sixdays.
15.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Nico Schnurr
Der Letzte seiner Art

Seine Abschiedsparty hat Marcel Barth am ersten Tag der 53. Sixdays beim Laola-Sprint im Halo-Kostüm begonnen.

Frank Thomas Koch

Seine grellpinken Turnschuhe leuchten mit der ums Handgelenk zappelnden Golduhr um die Wette, als Marcel Barth in die Lobby des Hotels tänzelt. Als einziger Fahrer ist er hier während der Sixdays untergebracht. Zu ihm passt das, Dinge anders zu machen als die Anderen.

Seit 2008 fährt Barth Sechstagerennen, viele davon in Bremen. Hier, bei den Sixdays, soll seine Karriere am Dienstag zu Ende gehen. „Ich gehe anders in meine letzten Renntage, ich bin viel gelassener“, sagt er. Der 30-Jährige weiß, was er kann und was von ihm erwartet wird. Erfolgsdruck hat er nicht mehr. „Mich guckt doch keiner blöd an, wenn ich jetzt mal eine Runde weniger fahre.“ Für Barth, den sie bei den Sixdays wahlweise Baller oder Baller Barth nennen, geht es längst um Anderes.

Seine Kernarbeitszeit bricht meist erst kurz nach Mitternacht an. Wenn die Schlagerstars und mit ihnen die ersten Bierleichen die Halle längst wieder verlassen haben, die ­großen Jagden gefahren, die Blumen verteilt, die Sieger geherzt worden sind, dann ist es soweit. Dann wirft sich Barth seinen Umhang um, streift die Maske über und tritt an, um die Sixdays zu retten. Oder wenigstens die Stimmung. Wenigstens für eine Nacht. Die Laola-Sprints sind sein Metier, Party seine ­Profession.

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Barth ist immer beides, Sportler und kostümierter Animateur, Radprofi und Rampensau. Er ist die Schnittmenge aus dem, was auf der Bahn und dem, was neben der Bahn passiert. Barth verkörpert das ureigene Sixdays-Versprechen, den Zweiklang aus Sport und Show. In den vergangenen Jahren aber hat sich sein Selbstbild verschoben. „Ich bin nur noch fürs Entertainment hier“, sagt Barth.

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Wenn er erzählt, was ihn antreibt auf seinen letzten Renntagen, dann fabuliert er über Verkleidungsideen, Darth-Vader- und Spiderman-Kostüme und Gespräche mit Halle-4-Zeremonienmeister DJ Toddy. Rundenzeiten oder Platzierungen passen nicht mal in einen seiner Nebensätze. Dafür sagt er Sätze wie: „Die Sixdays sind der Ballermann des Winters, und ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen.“ Barth kümmert sich nicht ums Podium, er sorgt sich darum, gegen „die Sauna“ unter seinem Ganzkörperkostüm anzukommen, irgendwie das Rad unter Kontrolle und auf der Bahn zu halten.

Das war nicht immer so. Der Radprofi Barth hatte auch mal Ziele, wie sie normale Radprofis nun mal eben haben. Einmal in dem, was er tut, der Beste der Welt zu sein, das ist sein Ansporn. Nur hat er das mit 18 Jahren bereits für sich abgehakt. In Los Angeles wird er 2003 Junioren-Weltmeister im Punktefahren. Barth ist zufrieden.

„Damit waren meine sportlichen Ziele erreicht.“ Er wird Polizist, Halbprofi und Sixdays-Fahrer. Eine Karriere als Vollzeitsportler kommt für ihn nicht infrage. Und Olympia? „Da wollte ich nie hin, das fand ich immer super langweilig.“

Überhaupt ist Barth einer, der von sich selbst behauptet: „Mir wird schnell langweilig – zehn Minuten in Ruhe hinsetzen, geht gar nicht.“ Es gebe nur diesen einen Barth, sagt sein Erfurter Polizei- und Rennfahrerkollege René Enders. „Er fährt nie runter, so ein Schalter fehlt ihm. Er hat dieses kleine Kind immer in sich.“ Wohl auch deswegen werden die Sixdays für ihn nie langweilig. Und trotzdem merkt er irgendwann: „Lange geht das nicht mehr.“

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Die Sechstagerennen wandeln sich. „Alles wird noch technischer, das Material noch aerodynamischer, die Fahrer noch jünger, wilder, schneller“, sagt Barth. Er muss sich eingestehen: Ein letztes Mal noch, und dann ist Schluss. „Sonst laufe ich Gefahr, dass der sportliche Unterschied peinlich wird.“ Um das zu verhindern, opfert Barth jahrelang seinen gesamten Urlaub für die Vorbereitung auf Bremen. Er packt sich seinen Rucksack – „zwei Radhosen, zwei Shirts, zwei Flipflops: Und los geht’s“.

"Ich habe keine Lust mehr, ständig verzichten zu müssen"

Vor seinen letzen Sixdays stehen Radtouren durch Kuba und Kolumbien auf den Plan. Barth versucht, Training und Reisen miteinander zu verbinden, den Halbprofi-Alltag so erträglich wie möglich zu gestalten. Ihm wird aber auch klar: „Ich habe keine Lust mehr, ständig verzichten zu müssen.“

Nach Dienstag braucht er das nicht mehr. Dann wird sein letztes Sixdays-Rennen gefahren, die sechstätige Abschiedsparty für Marcel Barth vorbei sein. Dann werden die Sixdays andere sein, so ganz ohne Barth und sein Ballermann-Programm. Denn Barth ist der Letzte seiner Art.

Mit ihm verschwindet bei den Sixdays ein Fahrertypus. Unterhalter hat es bei den Sixdays immer gegeben, sie waren sogar prominenter und sportlich erfolgreicher als Barth. Keiner von ihnen aber hat so konsequent die Show dem Sport übergeordnet. „Bremen wird immer mehr zur Ausnahme“, sagt Barth. „Anderswo gehört Party nicht mehr ins Programm, keiner der jungen Fahrer spezialisiert sich darauf.“ Ihm kann das egal sein, er hat längst einen neuen Auftrag.

„Die Sixdays werde ich gar nicht so sehr vemissen“, glaubt Barth. Er macht einfach weiter, zumindest mit dem Unterhalten. Nicht mehr in Radsportarenen, sondern in den Großraumdiskotheken des Landes. Barth ist neuerdings DJ, er legt auf 90er-Jahre-Partys auf. „Es gibt noch viele Knöpfe am Mischpult, die ich nicht verstehe, aber das ist nicht weiter schlimm“, sagt Barth.

Wenn er zusammen mit seinem Team auftritt, dann schmeißt er sich in pinke Babyklamotten, viel zu kleine, geringelte Hello-Kitty-Shirts und Leggins mit Weltraum-Print. Einfach so. „Die Show auf der Bahn und auf der Bühne ist alles“, sagt Barth. „Die Leute animieren, das kann ich am besten.“

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