Kreisliga-Schlusslicht Hürriyet muss mehrere Abgänge verkraften und setzt alle Hoffnung in Trainer Mete Döner

Der Retter soll es wieder richten

Delmenhorst. Bittere Kälte, ein hart gefrorener Schlackeplatz und schlechtes Licht. Gäbe es bessere Bedingungen für einen Fußballer, um seinen absoluten Willen zu demonstrieren? Viktor Skripnik erzählt heute noch ehrfürchtig davon, wie ihm während seiner ersten Trainingseinheit bei Werder Bremen auf Schlacke Dieter Eilts in kurzer Hose entgegengegrätscht kam.
16.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Der Retter soll es wieder richten
Von Christoph Bähr
Der Retter soll es wieder richten

Hat den Klassenerhalt noch nicht abgeschrieben: Mete Döner, der seit Mitte Dezember das abgeschlagene Kreisliga-Schlusslicht Rot-Weiß Hürriyet trainiert.

Ingo Moellers

Bittere Kälte, ein hart gefrorener Schlackeplatz und schlechtes Licht. Gäbe es bessere Bedingungen für einen Fußballer, um seinen absoluten Willen zu demonstrieren? Viktor Skripnik erzählt heute noch ehrfürchtig davon, wie ihm während seiner ersten Trainingseinheit bei Werder Bremen auf Schlacke Dieter Eilts in kurzer Hose entgegengegrätscht kam. Es dürfte also einiges mit Willensschulung zu tun haben, wenn Mete Döner seine Spieler jetzt schon zu Einheiten auf den Ascheplatz auf dem Delmenhorster Stadiongelände bittet. Während die meisten anderen Mannschaften derzeit die Halle vorziehen, übten die Fußballer von Rot-Weiß Hürriyet schon viermal unter freiem Himmel.

„Und die Jungs ziehen mit“, betont Döner, der das Kreisliga-Schlusslicht seit Mitte Dezember trainiert. Eine Aussage, die verwundert. Schließlich beklagte sich Vorgänger Murat Turan, dass er beim Training zumeist nur mit zwei oder drei Spielern arbeiten konnte. Jetzt lässt sein Nachfolger mitten im Winter auf einem schummrigen Schlackeplatz trainieren, und plötzlich kommen im Schnitt 16 Leute, wie Döner sagt. „Mete hat frischen Wind reingebracht“, lobt Fußball-Obmann Ergün Günal. Dafür führte der Coach viele Einzelgespräche. „Ich musste jeden Spieler neu motivieren“, erzählt Mete Döner.

Er bläute seinen Schützlingen ein, „dass wir mehr tun müssen als die anderen Mannschaften“. Deswegen das Training auf dem Schlackeplatz. Deswegen kein bloßes Gekicke bei den Einheiten in der Stadionhalle, sondern auch Kraft- und Ausdauerübungen. Keine Frage: Mete Döner will alles versuchen, um das Unmögliche noch möglich zu machen. Mit elf Punkten Rückstand auf das rettende Ufer liegt der amtierende Vizemeister Hürriyet zur Winterpause abgeschlagen am Tabellenende. „Es wird schwer, aber ich will alles geben, damit ich mir am Ende nichts vorwerfen muss“, unterstreicht Döner.

Seinen Spielern hat er mitgeteilt, dass er sich voll engagiert, wenn sie es auch tun. „Es ist ein Geben und Nehmen. Ich erwarte, dass die Jungs zahlreich zum Training erscheinen und sich abmelden, wenn sie nicht können“, sagt Döner. Dafür schafft der Trainer gute Rahmenbedingungen, kümmert sich um Sponsoren, um Testspiele und um Zugänge. Während der Winterpause kamen bereits Stefan Kirst von der SG Bookhorn (2. Kreisklasse), Torhüter Tuna Sahinkaya und Yasin Güney vom Ligarivalen KSV Hicretspor sowie der zuletzt vereinslose Ümit Ekiz neu zu Hürriyet. Zwei bis drei weitere Neue sollen folgen.

Den Verein verlassen haben dagegen Artem Böhm, Ali Niang, Murat Tan (alle KSV Hicretspor), Elvis Isufaj (SV Hemelingen), Stefan Wuttke (TuS Komet Arsten), Milot Ukaj (TV Jahn Delmenhorst) und Adrian Mazur. Speziell der Verlust von Kapitän Mazur wiegt schwer. Wohin der Mittelfeldspieler wechselt, ist noch offen. Mazur liebäugelt mit dem Bezirksligisten VfL Stenum. „Wir hatten zwei Gespräche und waren auf einer Wellenlänge“, berichtet Stenums Coach Thomas Baake. „Adrian würde uns mit seiner Erfahrung weiterhelfen, aber er muss sich jetzt entscheiden. Wenn er mir grünes Licht gibt, ist er herzlich willkommen.“ Mazur selbst erklärt, dass er noch keinem Verein zugesagt habe. „Zunächst muss ich klären, was mit der Freigabe von Hürriyet ist. Erst hieß es, dass sie mich freigeben, jetzt soll ich doch gesperrt sein.“ Unterdessen betont Hürriyets Fußball-Obmann Ergün Günal auf Nachfrage, dass alle wechselwilligen Akteure die Freigabe erhalten hätten.

Mete Döner weiß natürlich, dass einige Leistungsträger abgewandert sind, aber seinen Optimismus kann das genauso wenig trüben wie Hürriyets 0:12-Klatsche bei seinem Debüt gegen die SVG Berne. Obwohl er erst 36 Jahre alt ist, hat er schon aussichtslosere Situationen erlebt als die aktuelle. 2013 übernahm er die zweite Mannschaft des KSV Hicretspor, als diese auf einem Abstiegsplatz in der 2. Kreisklasse lag. Döner führte das Team anschließend auf Rang sechs, und es stieg sogar als Nachrücker in die 1. Kreisklasse auf. Dort war die Hicretspor-Reserve hoffnungslos überfordert, doch Döner gab alles, um zumindest Woche für Woche elf Mann auf den Platz schicken zu können. Dann zog der Verein die zweite Mannschaft zurück, Döner durfte die abstiegsbedrohte Erstvertretung übernehmen und schaffte den Kreisliga-Klassenerhalt. Am Anfang der laufenden Saison stand er mit Hicretspor dann plötzlich an der Tabellenspitze, hörte aber nach Unstimmigkeiten mit dem Vorstand Mitte Oktober auf.

Einfache Aufgaben hatte Mete Döner also bisher wahrlich nicht. Und jetzt wartet bei Hürriyet das nächste gewagte Unterfangen auf ihn. „Ich komme mir manchmal schon ein bisschen vor wie Felix Magath, der immer die Mannschaften vor dem Abstieg retten soll“, scherzt Döner und fügt dann ernsthaft hinzu: „Klar würde ich irgendwann auch gerne mal ein intaktes Team übernehmen und weiterentwickeln, aber mir liegen solche Aufgaben wie jetzt bei Hürriyet. Im Abstiegskampf muss der Trainer mehr Verantwortung übernehmen. Wichtig ist außerdem, dass man sich auch langfristige Ziele setzt und Geduld mitbringt, um eine Mannschaft über zwei oder drei Jahre zu entwickeln.“

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