Floorball-WM

Der Skepsis zum Trotz

Durch einen starken WM-Platz sechs kletterte die deutsche Nationalmannschaft in der Weltrangliste sogar auf Rang fünf - wichtig für die nächste WM-Quali. Ob Trainer Hubacher aus Borgfeld dann noch dabei ist?
13.12.2018, 16:25
Lesedauer: 5 Min
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Von Mathias Liebing
Der Skepsis zum Trotz

Unter Bundestrainer Remo Hubacher (stehend, während der Floorball-WM in Prag) kletterte das deutsche Team auf Rang fünf der Weltrangliste.

Stefan Thomé

Prag. Sascha Herlt ist keiner der Floorballspieler, die ein Blatt vor den Mund nehmen. Und so überraschte es nicht, dass er – mit 25 Jahren einer der erfahrensten Akteure im Kader von Bundestrainer Remo Hubacher – am Finalwochenende der Floorball-Weltmeisterschaft in einem Interview den Nebensatz einstreute: „Richtig zugetraut hatte ich ihm das ja nicht.“

Gemeint war Bundestrainer Hubacher. Der 39-jährige Schweizer hatte vor nicht einmal zwei Jahren das Traineramt vom äußerlich schrillen und fachlich hoch anerkannten Eidgenossen Philippe Soutter übernommen. Von einem, der offenkundig zaubern konnte, indem er in der Schweiz mit Underdogs Titel feierte und die deutsche Floorball-Nationalmannschaft 2012 bei seiner ersten WM sensationell ins Halbfinale brachte. Hubacher wirkte gegenüber dem voluminösen Mann, der gern zwei Brillen sowie zahlreiche Ringe gleichzeitig trug und sich für ein Floorball-Fachmagazin mal als Dirigent in der Zürcher Oper fotografieren ließ, eher wie ein netter Sportlehrer.

Seine Erfolge, die er vor Jahren als Kleinfeldspieler in Hamburg feierte und später als Trainer des TV Lilienthal errang, muteten bei seiner Amtseinführung vergleichsweise blass an. Ein wenig farblos wirkte Hubacher tatsächlich auch bei der Floorball-WM, die am vergangenen Sonntag in Prag zu Ende ging. Denn während der Spiele in der o2-Arena war Hubacher zwar der Chef im Ring, stand dabei aber nicht in der ersten Reihe. Der erfolgreiche Sales Manager, der seit 2009 in Borgfeld wohnt, hatte sich ein Trainerteam zusammengestellt, das während der Spiele blind und ohne übermäßig viel Führung funktionierte.

Herr Hubacher, worin bestand die Besonderheit des Trainerteams?

Remo Hubacher: Mit Mathias Gafner und Kevin Wittwer habe ich zwei alte und sehr gute Freunde aus der Schweiz überzeugen können, an meiner Seite zu arbeiten. Wir kennen uns noch aus unseren frühen Spielertagen, als wir gemeinsam in Thun aktiv waren. Jeder Spieler hat gemerkt, dass zwischen uns drei Trainern eine echte Harmonie herrscht. Auch wenn mal in einer Analyse oder einer Theorievorbereitung etwas nicht gepasst hat, konnten wir uns direkt die Meinung geigen. Da waren wir wirklich ein eingespieltes Team.

Weshalb wurde das Trainerteam so zusammengestellt?

Mit den beiden habe ich zwei absolute Experten dazugeholt. Und das Team hat schnell verstanden, dass wir uns auf jeden in seinem Bereich vollends verlassen können. Und im Gespann haben wir nach innen wie nach außen tatsächlich hervorragend gut funktioniert. Es hat wirklich Spaß gemacht.

Kritische Momente überstanden

Als Dreigestirn haben sie auch die kritischen Momente der WM überstanden. Und diese gab es gleich nach dem von vielen Experten sehr gelobten Auftritt im Eröffnungsspiel gegen Tschechien. Denn nur einen Tag nach der 5:10-Niederlage vor über 12 000 Zuschauern in der o2-Arena wirkte das junge deutsche Team in der folgenden Partie gegen die Schweiz wie ausgewechselt. 13 Gegentore bei einem einzigen deutschen Treffer waren im zweiten Gruppenspiel die Quittung. Mit einem „Druckabfall“, den auch das Trainerteam nicht habe verhindern können, beschrieb Hubacher die Partie. Ein negativer Aussetzer, der bei diesem Turnier der einzige bleiben sollte. Denn schon am dritten Turniertag folgte beim 6:5-Erfolg eine Glanzleistung gegen Lettland.

Welche Bedeutung hatte das Gruppenspiel gegen Lettland für den Turnierverlauf?

Das war ein Riesenspiel. Es stand vor dem letzten Drittel 1:3 gegen uns. Es war sensationell, dass wir dieses Spiel gegen einen solch starken Gegner drehen konnten. Das hat uns auch die Power für die weiteren Spiele gegeben.

Als Gruppendritter hatten Sie sich dann für das Play-off-Match um das Viertelfinale gegen Kanada qualifiziert. Was hat diese Partie so besonders gemacht?

Natürlich mussten wir als favorisiertes Team gegen Kanada das Spiel machen. Und das gegen einen Gegner, der wirklich mühsam zu bespielen ist. Letztlich kann ein solches Spiel nach dem frühen Rückstand für uns ganz doof laufen. Aber wir sind ruhig geblieben und konnten das Spiel dann doch klar gewinnen.

Geschickte Menschenführung

Gerade bezüglich der Menschenführung bewies Hubacher während der WM reichlich Geschick. Bestes Beispiel ist die Personalie Nils Hallerstede. Der Lilienthaler Keeper ist hinter Mike Dietz, der sich seit 2012 als herausragender Goalie in der Floorballwelt etabliert hat, die Nummer zwei. Keine einfache Rolle. Aber Hallerstede zeigte in der lange umkämpften Partie gegen die Kanadier seine Qualitäten und wurde zu einem sicheren Rückhalt. Der WM-Ausflug ist für Hallerstede innerhalb dieser 60 Minuten zu einem echten Erfolg geworden. Ein Erfolg wurde das Turnier auch für die gesamte Mannschaft. Denn durch den 7:2-Sieg gegen Kanada wartete im WM-Viertelfinale auf der großen Bühne der amtierende Weltmeister Finnland. Und Deutschland machte gegen die hohen Favoriten sehr viel richtig.

Welchen Wert hat das Viertelfinale gegen Finnland, welches am Ende 1:6 verloren ging?

Es war ein richtig guter Auftritt von uns, und aus meiner Sicht ist das Ergebnis auch zu hoch ausgefallen. Uns ist es gelungen, dass wir diese Mannschaften wie Finnland vor einige Aufgaben stellen konnten. Darauf können wir stolz sein. Zumal wir dies auf Grundlage unserer mannschaftstaktischen Maßnahmen geschafft haben. Am Ende konnten wir zwar keine der Top-4-Mannschaften schlagen, aber wir haben bewiesen, dass wir auf einem guten Weg sind.

Das deutsche Team wurde immer wieder gelobt. Wie haben Sie das im Trainerteam erlebt?

Bei unserem Viertelfinale gegen die Finnen standen in der Drittelpause sechs finnische Trainer im Anzug an der Eistonne, die vor den Kabinen steht, und haben unheimlich viele Blätter gewälzt. Das zeigte dann schon, dass wir uns allein in dem Viertelfinale Respekt erarbeitet haben.

Kapitän Tim Böttcher hat nach dem Turnier das Ziel ausgesprochen, in zwei Jahren bei der Floorball-WM ins Halbfinale einziehen zu wollen. Ändern sich die Ansprüche im deutschen Floorball?

Grundsätzlich muss viel zusammenkommen, um einen der Großen zu ärgern. Aber ich denke nicht, dass wir viel an unserer Spielweise ändern müssen. Nehmen wir das Spiel gegen die Finnen: Wir müssen ja nicht jede Chance nutzen, aber wenn wir eine etwas verbesserte Quote hätten an den Tag legen können, wären wir denen gefährlich geworden. Aber grundsätzlich haben wir immer mehr Spieler, die auf hohem Niveau trainieren und spielen. Wenn diesbezüglich das Bundesliga-Niveau weiter steigt, käme uns das zugute. Wenn die Geschwindigkeit und die internationale Härte noch intensiver werden, dann sind wir in einer guten Richtung unterwegs.

Zweitbeste Platzierung der Geschichte

Eines steht fest: Die deutsche Mannschaft konnte sich mit Trainer Remo Hubacher unter den besten acht Nationen der Sportart etablieren. Nach einem 4:2-Sieg in der Platzierungsrunde gegen Dänemark und einer knappen 3:5-Niederlage im Spiel um Platz fünf wurde Deutschland Sechster – die zweitbeste WM-Platzierung in der deutschen WM-Geschichte. Durch den Erfolg kletterte Deutschland in der Weltrangliste der International Floorball Federation sogar auf Rang fünf, was bedeutet, dass Hubacher mit seinen Jungs bei der nächsten WM-Qualifikation sogar erstmals als Gruppenkopf fungiert. Damit bekommt es Deutschland im Kampf um die begehrten WM-Startplätze für Helsinki 2020 mit Gegnern zu tun, die nach der Papierform schwächer sind.

Ob Hubacher allerdings diesen Weg mit geht, hält er sich noch offen. Entspannt verweist er auf Gespräche, die mit dem Bundesverband in ein paar Wochen anstünden. Es gibt in jedem Fall viele Nationalspieler, die sich über eine Fortsetzung seiner Trainerkarriere bei Floorball Deutschland freuen würden. Sogar ein Sascha Herlt. So skeptisch er zu Hubachers Amtsübernahme noch war, so überzeugt ist er jetzt von dessen Trainerqualitäten. Herlt: „Wenn ich verletzungsfrei bin, würde ich gern in zwei Jahren mit dabei sein. Das Turnier hat mit den Trainern echt Spaß gemacht.“

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