Über den neuen Volleyball-Verband, Synergieeffekte und das Bremen-Etikett

„Der Spielbetrieb bleibt das Kernelement“

Eineinhalb Jahre war er im Vorstand des neuen Volleyballverbandes NWVV - Bremens Präsident Lars Thiemann zieht im Interview Bilanz und spricht über Vor- und Nachteile des Zusammenschlusses.
25.06.2017, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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„Der Spielbetrieb bleibt das Kernelement“
Von Frank Büter
„Der Spielbetrieb bleibt das Kernelement“

Der Job ist getan: Lars Thiemann hat seinen Vorstandsposten im NWVV abgegeben.

Christina Kuhaupt

Herr Thiemann, genießen Sie im Moment den erhöhten Freizeitwert?

Lars Thiemann: Warum? Etwa weil ich meinen Vorstandsposten im Nordwestdeutschen Volleyball-Verband niedergelegt habe?

Ja, genau. Da müssen Sie doch jetzt wieder deutlich mehr Zeit haben.

Im Moment noch nicht. An diesem Wochenende steht der DVV-Verbandstag in Hannover an, wo ich noch ein bisschen involviert bin, weil ich natürlich ein hohes Interesse daran habe, wie es im DVV weitergeht. Dann steht im August ein Länderspiel in Bremen vor der Tür – da fängt jetzt auch die heiße Phase der Vorbereitung an. Die ruhige Zeit wird für mich wohl erst beginnen, wenn ich im Juli in den Flieger nach Mallorca steige. Zehn Tage nichts tun und einfach ausspannen... da habe ich auch eine klare Ansage bekommen von meiner Frau (schmunzelt).

Sie waren zuletzt eineinhalb Jahre in Doppelfunktion als Bremer Verbands-Präsident und als Vizepräsident im NWVV aktiv. Warum haben Sie den Posten dort jetzt abgegeben?

Wir – BVV und NVV – haben damals ganz bewusst so entschieden, dass im Vorstand auch ein Bremer vertreten sein soll, damit der Zusammenschluss möglichst gut funktioniert. Die Phase des Zusammenschlusses ist auch gut über die Bühne gegangen. Deswegen konnte ich mit einem guten Gewissen sagen: Ich habe meinen Job getan, aus zeitlichen Gründen gebe ich das Amt ab.

Was war für Sie dabei die intensivste Erfahrung?

Ich habe festgestellt, dass wir Bremer verwöhnt sind, was die Entfernungen angeht. Ich habe jetzt erstmals die Ausdehnung eines Flächenstaates kennengelernt. Die ewige Fahrerei nach Hannover und Sitzungstermine in der Arbeitszeit, zum Beispiel dienstags um 16 Uhr, das geht auf Dauer nicht.

Gibt es denn im neuen vierköpfigen NWVV-Vorstand um den neu gewählten Präsidenten Klaus-Dieter Vehling weiterhin ein Bremer Gesicht?

Nein, denn es stellt sich meines Erachtens jetzt nicht mehr die Frage danach, wer wo herkommt. Ob aus Bremen, Osnabrück oder Oldenburg. Vielmehr geht es um die Fragen: Wer hat Zeit? Und wer kann mit seinen Kompetenzen weiterhelfen? Falls der neue Vorstand meinen Rat will oder brauchen sollte, bekommt er ihn.

Wie fällt denn Ihr Fazit nach den eineinhalb Jahren aus?

Verbandsarbeit ist inzwischen sehr komplex geworden. Es ist sehr schwer, an alles zu denken und alle Themen vollständig abzudecken. Und wir hatten auch kein Muster, an dem wir uns orientieren konnten. Ich denke aber, wir haben das gut gemacht.

Nachdem der Spielbetrieb bereits 2008 zusammengelegt wurde, ging es nun ja in erster Linie um strukturelle Dinge. Gab es Reibungspunkte bei der Umsetzung?

Beide Verbände hatten es als sinnvoll erachtet, diesen Schritt zu machen. Und wenn zwei Seiten miteinander verhandeln, muss man eben Kompromisse finden. Das ist ein Geben und Nehmen. Personal war natürlich ein wichtiges Thema. Uns war wichtig, dass unser hauptamtlicher Mitarbeiter Hartmut Bohn in gleicher Stundenzahl weitermachen kann, allerdings arbeitet er nun in Hannover.

Gab es ansonsten die erhofften Synergieeffekte?

Vieles läuft so weiter wie zuvor. Der Spielbetrieb bleibt eben das Kernelement der Zusammenarbeit. Wir als Ehrenamtler profitieren aber jetzt davon, dass wir eine hauptamtlich besetzte Geschäftsstelle haben, dass wir viele Tätigkeiten, die wir zuvor hier allein erledigen mussten, jetzt nach Hannover verlagern können. Wir haben einen hauptberuflichen Lehrwart und einen hauptberuflichen Leistungssportreferenten. Das ist gut. Da hat sich der Freizeitwert für mich tatsächlich schon etwas erhöht (lacht).

Es gibt also ein gutes Miteinander unter Nachbarn?

Ja. Man muss ja nur auf die Landkarte gucken, um zu sehen, dass Bremen ideal in Niedersachsen drin liegt. Durch die Entwicklungen, die es hier jetzt auch im Tennis gibt, im Handball, im Basketball – da sehen wir uns bestätigt. In der Tendenz sind wir da der Vorreiter gewesen, eben auch mit einem radikalen Schritt.

Was war aus Ihrer Sicht der höchste Preis, den der Bremer Verband bei diesem Zusammenschluss bezahlen musste?

Wir mussten das Bremen-Etikett aufgeben. Wir sind im DVV kein Landesverband mehr, und wir stellen keine Bremer Landesauswahl mehr. Das war für den einen oder anderen schon schwer zu akzeptieren. Aber im Wesentlichen geht es darum, den Volleyballern möglichst gute Bedingungen zur Ausübung ihrer Sportart zu bieten. Das ist der Grund, warum wir uns alle hier ehrenamtlich engagieren.

Der Bremer Volleyball-Verband ist nun zum einen die 17. Region im NWVV, zugleich existiert der BVV aber als eingetragener Verein weiter. Warum?

Das war uns wichtig für den Fall, dass es im NWVV mal irgendwann nicht mehr funktionieren sollte. Und es war uns wichtig, als Marke und als Ansprechpartner für den Landessportbund Bremen, die Politik, die anderen Sportfachverbände, mögliche Sponsoren oder die Ausrichtung von Länderspielen hier in Bremen da zu sein.

Welche Auswirkungen hatte der Zusammenschluss bisher hinsichtlich der Vereine und der Anzahl der spielenden Mannschaften? Hat man die sinkenden Zahlen stoppen können?

Auf die Fläche bezogen noch nicht. Aber wir haben ganz ermutigende Tendenzen, dass neue Jugendmannschaften gemeldet werden – in Bremen und auch im NWVV-Bereich. Das muss auch weiterhin unser Ziel sein. Das G 8 (Abitur nach Klasse 12, d. Red.) macht solche Sachen natürlich nicht leichter, das gilt für alle Ballsportarten. Da muss man früh dran sein, um seinen Anteil an Jugendlichen abzuschöpfen.

Wie soll das gelingen? Die Zahl der Jugendlichen, die in einen Sportverein gehen, ist doch weiter rückläufig…

Da hat der Sport insgesamt und auch wir als Volleyballer eine große, auch gesellschaftliche Aufgabe. Um die Strukturen aufrechtzuerhalten und die Existenz zu sichern, benötigt man eine bestimmte Breite. Nur daraus kann man auch eine gewisse Spitze generieren – auch das ist unser Anspruch.

Wie können solche Ansätze konkret aussehen?

Die Versorgung mit Übungsleitern und Sportlehrern in Bremen ist dramatisch schlecht. Im Idealfall müssten wir es also hinbekommen, dass an jeder Grundschule von einem benachbarten Verein eine Patenschaft übernommen wird, dass Vereine den Schulen in der Zusammenarbeit Übungsleiter zur Verfügung stellen, die dann beispielsweise Volleyball so unterrichten, dass es Spaß macht, dass es modern ist. So kannst du vielleicht neue Spieler für den Verein gewinnen. Wobei es dann aber auch ganz wichtig ist, dass du Übungsleiter hast, die verbindlich bei jedem Training sind, und dass du Hallen hast, die zur Verfügung stehen. Das ist das Gesamtpaket. Und wir müssen auch vermitteln, dass Volleyball nicht nur aus Pritschen und Baggern besteht, sondern dass man eine Mannschaftssportart erlernt, die auch viele Kompetenzen vermittelt, die später im Berufsleben hilfreich sein können.

Was genau meinen Sie damit?

Jeder Arbeitgeber freut sich doch auf Leute, die leistungsorientiert sind, die stressresistent sind, die soziale Kompetenzen haben und lösungsorientiert denken. Damit der Sport all das für die Gesellschaft liefern kann, brauchen wir aber eine bessere Infrastruktur und vor allem eine bessere finanzielle Ausstattung.

Trotz der erschwerten Bedingungen hat der Bremer Stützpunkt an der Ronzelenstraße mit Julian Hoyer und Benedikt Gerken zuletzt wieder zwei Jugend-Nationalspieler hervorgebracht…

Das zeigt, wie gut die Jugendarbeit ist, die hier betrieben wird. An der Sportbetonten Schule Ronzelenstraße und in den Vereinen, bei Bremen 1860, beim TV Baden, bei der BTS Neustadt, auch bei Eiche Horn. Anders funktioniert es auch nicht. Wenn du dir als Verein sportliche Ziele setzt, dann musst du auch auf den eigenen Nachwuchs setzen.

Der Nachwuchs bleibt aber auf Sicht nicht immer in Bremen, wie jetzt im Fall der Jugend-Nationalspieler Julian Hoyer und Benedikt Gerken, die beide zum Bundesstützpunkt nach Berlin wechseln. Wie wichtig wäre es für den Leistungssport in Bremen, solche Talente hierzubehalten?

Wir sagen als BVV ganz klar: Wenn wir die Spieler so gut ausbilden, dass sie für einen Nationalmannschafts-Stützpunkt interessant sind, dann haben wir unseren Job wunderbar gemacht. Wir wollen ja, dass die Talente sich weiterentwickeln. Lokal wären sie ein Aushängeschild, wenn sie bei Bremen 1860 oder Baden in der 3. Liga spielen, perspektivisch würden sie ihr Potenzial womöglich aber verschenken. Ich habe höchsten Respekt davor, dass sie diesen Schritt wagen und testen wollen, wie weit es geht. Und ich wünsche beiden, dass sie hinterher sagen: Wir haben eine gute Zeit gehabt.

Das Gespräch führte Frank Büter.

Zur Person

Lars Thiemann (48) ist seit 2006 Präsident des Bremer Volleyball-Verbandes (BVV). Der Bankkaufmann war mit federführend beim Zusammenschluss des BVV mit dem Verband in Niedersachsen und zuletzt auch eineinhalb Jahre im Vorstand des neu gegründeten Nordwestdeutschen Volleyball-Verbandes (NWVV) tätig.
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