Fußball-Bezirkspokal Lüneburg Der Traum vom attraktiven Pokal

Jahr für Jahr dasselbe: Die hiesigen Fußballklubs müssen weit vor Saisonstart einen wahren Pokal-Marathon absolvieren. In den anderen drei Bezirken läuft es anders. Nicht nur das wirft Fragen auf.
11.07.2018, 19:30
Lesedauer: 7 Min
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Der Traum vom attraktiven Pokal
Von Tobias Dohr

Am vergangenen Sonntag sind die Bezirksliga-Fußballer des SV Lilienthal-Falkenberg in die Vorbereitungszeit eingestiegen. Fünf Wochen erschienen Neu-Trainer Manuel Weinrich ausreichend, um sein Team auf die neue Saison vorzubereiten. Doch zum ersten Pflichtspiel der neuen Spielzeit müssen die Lilienthaler bereits am heutigen Donnerstagabend antreten. Um 19.15 Uhr wird die Partie bei der TSG Wörpedorf-Grasberg-Eickedorf angepfiffen.

Es ist eine Partie der Qualifikationsrunde des Bezirkspokals Lüneburg. Und nicht nur diese Ansetzung löst bei den hiesigen Fußball-Trainern mal wieder kollektives Kopfschütteln aus. Die Frage, die alle Coaches seit einigen Jahren gleichermaßen umtreibt: Wieso müssen im Bezirk Lüneburg die Pokalspiele von der Qualifikationsrunde bis hin zum Achtelfinale, also immerhin vier komplette Spielrunden, unbedingt schon vor dem Start der Meisterrunde durchgezogen werden?

Das Meinungsbild, das sich einem präsentiert, könnte eindeutiger nicht sein: Die verantwortlichen Trainer sind sauer. Und können nicht nachvollziehen, wieso Spielleiter Jürgen Stebani die Terminierung so handhabt. Erst recht nicht, weil es die drei anderen Bezirke des niedersächsischen Fußballverbands (Weser-Ems, Hannover, Braunschweig) ganz anders, nämlich deutlich entzerrter handhaben (siehe nebenstehender Bericht).

„Das ist ein absolutes No-Go“, sagt Sasa Pinter. Der Trainer von Landesligist SV Blau-Weiß Bornreihe ist erst am Montag in die Saisonvorbereitung gestartet und muss bereits an diesem Sonntag zum Pokalspiel beim FC Hansa Schwanewede antreten. „Da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Wie kann man einer Leistungsmannschaft so etwas aufbürden?“ In die gleiche Kerbe schlägt Trainerkollege Julian Geils, der mit seiner Mannschaft in der Qualifikationsrunde immerhin Glück hatte und erst in der 1. Hauptrunde in den Wettbewerb einsteigen muss.

„Das ist völliger Irrsinn einen Pokalwettbewerb so anzusetzen“, sagt Geils. „Der Bezirkspokal hat in dieser Form überhaupt keinen sportlichen Wert mehr. Er macht lediglich die Vorbereitung kaputt. Und am Ende leiden auch Sportwochen erheblich darunter.“ Und jene Sportwochen, so fügt der TuSG-Coach hinzu, seien für die Klubs zum Teil von ziemlicher Bedeutung. Geils weiß, wovon er spricht. In der ersten Hauptrunde steht das Duell mit dem Sieger der Partie zwischen dem SV Komet Pennigbüttel und ATSV Scharmbeckstotel für die Hammestädter an.

Zwei Spiele an einem Tag

Am selben Tag, an dem dieses Pokalspiel angesetzt ist (nämlich Sonntag, 22. Juli), sind die Ritterhuder eventuell noch beim Finaltag der Bornreiher Sportwoche aktiv. Und noch schlimmer trifft es den eventuellen Gegner: Denn sowohl der ATSV als auch Pennigbüttel spielen an jenem Sonntag bei der Ritterhuder Sportwoche. Da aber die zweite Runde des Pokals schon eine Woche später stattfindet, und auch die Sportwochen in jener Woche über die Bühne gehen, bleibt kein Raum mehr zum Verlegen. Mit dem Resultat, dass nun am 22. Juli erst um 13 Uhr ein Pokalspiel stattfinden wird und danach die TuSG und der potenzielle Gegner ein weiteres Spiel bei einer Sportwoche austragen werden. Nicht nur wegen dieses drohenden Szenarios spricht Geils ganz offen davon, dass er in den vergangenen Jahren auch schon mal „bewusst und regelrecht freudestrahlend“ aus dem Pokal ausgeschieden sei, weil diese Spiele eben einfach mehr Last als Lust seien.

Einer, der den Pokal an sich eigentlich sehr schätzt, ist Oliver Schilling. Doch in der jetzigen Form ist der Wettbewerb auch für den neuen Trainer von Bezirksligist VSK Osterholz-Scharmbeck vor allem eines: „Sinnentleert. Die Wertigkeit geht komplett verloren, diese Spiele sind für alle nur noch ein lästiges Beibrot.“ Ganz ähnliche Worte benutzt auch Pennigbüttels Trainer Marco Meyer: „Das ist alles ziemlich sinnfrei. Ich habe überhaupt nichts gegen die Pokalspiele, aber diese Ansetzungen machen einfach keinen Sinn.“

Die „Kometen“ sind in diesem Sommer gleich doppelt betroffen von dem Pokalwahnsinn. Kommenden Dienstag spielen die Lila-Weißen die Sportwoche in Grasberg, Mittwoch steht das Pokalduell gegen Scharmbeckstotel an, Donnerstag erneut Grasberg, Freitag Training, Samstag Grasberg – und dann am Sonntag eventuell die Doppelbelastung mit Pokal und der Sportwoche Ritterhude. „Und ich will auf gar keinen Fall die einzige Trainingseinheit am Freitag streichen“, sagt Meyer, der ohnehin schon kaum noch gemeinsame Übungsabende im Vorbereitungsplan stehen hat. Deshalb wird der Pennigbütteler Coach jeweils nur mit kleinen Kadern zu den Spielen fahren, damit die anderen Akteure mal einen freien Tag haben. „Früher war das erste Pokalspiel gleichzeitig das letzte Testspiel vor Beginn der neuen Punktspielsaison. Eine richtige Generalprobe unter Wettkampfbedingungen“, erinnert sich Meyer. Das habe in seinen Augen absoluten Sinn gemacht. Und genauso handhaben es ja auch die anderen drei Bezirke, die maximal die 1. Hauptrunde vor dem Punktspielstart ausspielen.

Testspiele nur auf Abruf

„Das hat jahrelang gut funktioniert und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wieso das nicht mehr gut gewesen sein soll“, bekommt Marco Meyer Unterstützung von Manuel Weinrich. Der neue Coach vom SV Lilienthal-Falkenberg hat am eigenen Leibe erfahren müssen, wie schwierig die Pokalansetzungen die weitere Planung macht. „Jedes Testspiel kann ich im Prinzip erst mal nur auf Abruf vereinbaren, da ich ja nicht weiß, ob ich dann doch plötzlich Pokal spielen muss.“ Mit der Regelung, dass sich in den ersten Runden zunächst immer die Klubs aus einem Landkreis duellieren, kann Weinrich hingegen gut leben. Doch die Ansetzung sei definitiv ein Problem.

Für Weinrichs heutigen Gegner im vielleicht frühesten Pokalspiel aller Zeiten sind diese Partien ohnehin lediglich Testspiele. „Und das wird für die kleineren Vereine auch so bleiben“, glaubt Marco Miesner. Eine Pokalrunde vor Punktspielstart und dann eine englische Woche im August und September – so lautet nicht nur Miesners Vorschlag. Alle Trainer sind sich einig, dass der Bezirkspokal so deutlich aufgewertet werden würde. Das wünscht sich auch Eric Schürhaus. Der Trainer des FC Hambergen ist ein großer Fan des Pokalwettbewerbs, doch in der jetzigen Form bringe das niemandem etwas. Denn: „Es ist einfach viel zu viel Fußball in dieser Phase. Die Spieler müssen auch in der Vorbereitung hungrig bleiben, das geht aber kaum, wenn du andauernd spielst.“

Da die ersten Runden regional ausgespielt werden, sieht Schürhaus überhaupt kein Problem darin, im August oder September eine englische Woche einzustreuen. „Nur dann kann man den Pokal mit der gebotenen Ernsthaftigkeit bestreiten.“ Und noch einen Vorschlag hat Schürhaus: Man müsse dringend über eine Reduzierung der Staffelgrößen nachdenken, um auch ein Szenario wie aus dem Frühjahr dauerhaft vermeiden zu können. „14 oder 15 Teams pro Liga reichen doch völlig aus“, findet er. Dann könne man Pokalrunden sogar aufs Wochenende legen.

Bornreihes Trainer Sasa Pinter hat noch ein anderes Argument parat: Der ehemalige Coach des Bremer SV schlägt die Brücke nach Bremen. Dort spielt der Pokalsieger des Lotto-Pokals automatisch im DFB-Pokal mit. Pinter nennt diesen riesigen Anreiz „Nähe zur Konsequenz“. Und die ist für ihn im Bezirkspokal eine reine Farce: „Man muss sich das mal vorstellen: Sollten wir den Bezirkspokal im Jahr 2018/2019 gewinnen, spielen wir in der Saison 2019/2020 im Niedersachsenpokal mit. Sollte man diesen auch gewinnen, darf man erst in der Spielzeit 2020/2021 im DFB-Pokal mitmachen. Wir spielen am Sonntag in Schwanewede also im Prinzip darum, unseren Traum vom DFB-Pokal im Sommer 2020 erleben zu können.“ Und letztlich müsse es immer auch um diesen Traum gehen, den mal als Fußballer lebt.

Pinters Vorschlag: Alle Landesligisten mit in den Lostopf um den Niedersachsenpokal stecken. Der wurde vom Verband nämlich gerade jüngst erst reformiert – gerade um die Attraktivität des Wettbewerbs für die Oberligisten und Cupsieger zu erhöhen. Der Bezirkspokal hingegen fristet weiter ein trostloses Dasein als ungeliebter Lückenfüller der Vorbereitungszeit. Zumindest im Bezirk Lüneburg.

Info

Zur Sache

So machen es die anderen drei NFV-Bezirke

Der niedersächsische Fußballverband ist aufgeteilt in vier Bezirke: Neben Lüneburg sind das Weser-Ems, Hannover und Braunschweig. Nur der Lüneburger Bezirk, bestehend aus seinen neun Kreisen, setzt die Spiele des Bezirkspokals dermaßen früh an. Spielleiter Jürgen Stebani hat die Qualifikationsrunde in diesem Sommer bereits für Mittwoch, 18. Juli, terminiert. Danach geht es Schlag auf Schlag mit der ersten und zweiten Hauptrunde weiter. Am Wochenende 4./5. August stehen schließlich bereits die Achtelfinal-Paarungen an. Partien nach hinten zu verlegen ist also praktisch unmöglich.

Das Achtelfinale wird im Bezirk Braunschweig erst am Mittwoch, 29. August, ausgespielt. Im Bezirk Hannover sogar erst am Dienstag, 18. September, und noch mehr Zeit haben die Kicker im Bezirk Weser-Ems. Da geht das Achtelfinale sogar erst am Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober, über die Bühne. Alle diese drei Bezirke spielen die Viertelfinals am Ostermontag – im Bezirk Lüneburg findet an diesem Tag bereits das Halbfinale statt. Ein weiterer großer Unterschied ist die Terminierung des Endspiels. Die Bezirke Weser-Ems und Braunschweig haben das Bezirkspokalfinale nach der Saison angesetzt – quasi als Höhenpunkt und Abschluss der Spielzeit.

Obendrein findet das Endspiel am Pfingstwochenende statt – was die logistische Planung für die teilnehmenden Klubs deutlich vereinfacht. In den Bezirken Lüneburg und Hannover wird hingegen an einem Mittwochabend vor den letzten Spieltagen ausgetragen. Im Jahr 2016 mussten sich etliche Spieler des FC Hagen/Uthlede deshalb extra Urlaub nehmen, um das Endspiel bei Treubund Lüneburg gewissenhaft angehen zu können.

Weitere Informationen

Bezirk Lüneburg

Qualifikationsrunde: Mi., 18. Juli

1. Hauptrunde: So., 22. Juli

2. Hauptrunde: So., 29. Juli

Achtelfinale: So., 5. August

Viertelfinale: Mi., 15. August oder Mi., 3.Oktober

Halbfinale: Mo., 22. April

Endspiel: Mi., 29. Mai

Bezirk Weser-Ems

Qualifikationsrunde: So., 29. Juli

1. Hauptrunde: So., 5. August

2. Hauptrunde: Mi., 29. August

Achtelfinale: Mi., 3. Oktober

Viertelfinale: Mo., 22. April

Halbfinale: Do., 30. Mai

Endspiel: Sbd., 8. Juni (nach letztem Spieltag)

Bezirk Hannover

Qualifikationsrunde: So., 29. Juli

1. Hauptrunde: So., 19. August

2. Hauptrunde: Di., 28. August

Achtelfinale: Di., 18. September

Viertelfinale: Mo., 22. April

Halbfinale: Mi., 1. Mai

Endspiel: Mi., 29. Mai

Bezirk Braunschweig

Qualifikationsrunde: vom Mi., 25. Juli bis Mi., 1. August

1. Hauptrunde: Mi., 8. August

2. Hauptrunde: Mi., 15. August

Achtelfinale: Mi., 29. August

Viertelfinale: Mo., 22. April

Halbfinale: Mi./Do., 29./30. Mai

Endspiel: Mo., 10. Juni (nach letztem Spieltag)

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