Bremer Talente: Warum sich Floorballer Nicolas Flathmann nach Schweden sehnt Der unwahrscheinliche Traum

Bremen. Der Traum lebte. Zumindest für eine Woche.
04.08.2017, 00:00
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Der unwahrscheinliche Traum
Von Nico Schnurr

Bremen. Der Traum lebte. Zumindest für eine Woche. Er lebte in Südschweden, in einem Haus am See, zehn Autominuten entfernt von Växjö. Er lebte auf zwei Stockwerken, auf 20 Zimmern, in einer Jugendherberge mitten im Nichts, umgeben von Wasser und Wald. Alles an diesem wahren Traum war genauso, wie Nicolas Flathmann, 19, sich ihn jahrelang ausgemalt hatte.

Die Tage begannen und endeten im eiskalten Wasser des Sees. Schwimmen zum Aufstehen und abends, nach den Spielen, Schwimmen zum Entspannen. Dazwischen Diskussionen über Taktik und das Torwartsein. So hatte er sich das immer vorgestellt. Jede Mahlzeit, jedes Gespräch, jeder Schritt folgte einem größeren Ziel: dem Spiel am Abend. Sieben Mai-Tage ging das so, bei der U 19-WM der Floorballer.

„Das war wie in einer Utopie“, sagt Flathmann einige Wochen später, zurück in der Halle des TV Eiche Horn. „Für eine kurze Zeit konnte ich in Schweden spüren, wie es sich anfühlen muss, Profisportler zu sein.“ Für ihn war das ein unvertrautes Gefühl. Zumindest für eine Woche gab der Sport den Takt seines Lebens vor. Alles drehte sich in Schweden um Floorball. Das Alltagsrauschen verstummte, keine Nebengeräusche. Nur Sport. „Das war großer Luxus, einfach mal nichts anderes im Kopf haben zu müssen“, sagt Flathmann.

Schweden war die Ausnahme. Natürlich kann sich die Welt eines 19-Jährigen nicht allein um Floorball drehen. Floorball – so etwas wie ein Sommer-Update von Eishockey, also: ähnliche Regeln und Abläufe, nur ohne Eis und, klar, ohne Schlittschuhe – ist kein Sport des großen Geldes. Ein Nischensport, nichts, wofür man als Talent mal eben seine Ausbildung sausen lässt, weil der Sport einen finanziell schon durchbringt. Also, keine Frage für Flathmann: Das Abitur wird gemacht, auch wenn es stressig wird.

Er ahnte das, und er spürte es, besonders in den Wochen vor der WM. Da herrschten: Leistungsdruck, Prüfungsmarathon, Abistress eben. „Diese Wochen waren psychisch wahnsinnig anstrengend für mich“, sagt Flathmann. Er war ja eigentlich schon in Schweden, zumindest mit seinen Gedanken. 13 Jahre Schule für vier Prüfungen, die genau in dem Monat geschrieben werden, in dem die WM in Schweden stattfindet, auf die er sich genauso lange vorbereitet hat. Und dann sollte er in Bremen mit klarem Kopf Gedichte analysieren und Gleichungen lösen – und die Ergebnisse würden dann über seine Zukunft entscheiden?

Eine ganze Weile war sich Nicolas Flathmann nicht sicher, wie das zusammengehen sollte: WM und Abitur. „Alles worauf ich hingearbeitet habe, lief auf diesen einen winzigen Zeitraum hinaus.“ Als er zu Beginn des Jahres erfuhr, dass die Floorball-WM im Mai sein würde, kam er ins Grübeln. Flathmann, Musterschüler, Einser-Schnitt, überlegte ernsthaft, hinzuschmeißen, das Schuljahr zu wiederholen. Hätte sich ein Prüfungstermin mit der Schweden-Reise überschnitten, er wusste, wie er entschieden hätte: Sport vor Schule. Zumindest dieses eine Mal. Die WM konnte er unmöglich verpassen. Nicht schon wieder.

Vor zwei Jahren war er schon einmal in Schweden. Auf der Tribüne. Kurz vor der Abreise hatten sie ihn aus dem WM-Kader gestrichen. Er fuhr trotzdem nach Helsingborg. Um da zu sein, für den Fall, dass sich gleich beide Torhüter verletzen. Taten sie nicht. Also schaute er zu. Und während er auf der Tribüne hockte, schwor er sich: In zwei Jahren wird er wieder in Schweden sein – auf dem Feld. „Mir war klar, dass mich das nicht losgelassen hätte, wenn ich die WM ein weiteres Mal verpasst hätte“, sagt Flathmann.

Also trainierte er noch mehr. „Nicolas ist extrem ehrgeizig, er reibt sich immer auf“, sagt sein Bremer Trainer Daniel Teetz. Aufreiben, das bedeutete in Flathmanns Fall: vier Trainingseinheiten im Verein, viermal Krafttraining. Pro Woche, zwei Jahre lang. Und: jeden Mittwochmorgen zwei Stunden in der Schulturnhalle ohne Mitschüler. Das hatte er bei der Schulleitung beantragt: einmal in der Woche eine Doppelstunde, nur er und die Wand der Sporthalle. Reflexe üben. Die Reaktionen verbessern, wenn die Bälle mit Tempo 150 auf ihn zu jagen.

Viel Platz blieb in Flathmanns Leben zuletzt nicht zwischen Klassenzimmer und Sporthalle. „Freizeit hatte ich, wenn überhaupt, nachts.“ Eine ganze Weile blieb sein Handy deshalb stumm. Am Wochenende rief kaum jemand an. Nicht, weil seine Freunde nicht gerne mit ihm feiern gegangen wären. Sondern, weil sie seine Antwort schon vorher kannten: Nein, ich kann nicht, hätte er dann mal wieder gesagt. Inzwischen klingelt Flathmanns Telefon wieder. Jetzt, wo die Floorball-WM gespielt und das Abitur bestanden ist. Ungewohnt findet er die Zeit gerade trotzdem. „Ich fühle mich leer momentan“, sagt er. „Man fällt in ein Loch, wenn auf einmal alles vorbei ist, worauf man so lange hingearbeitet hat.“

Gerade sorgt er dafür, dass das nicht allzu lange so bleibt. Im Herbst will er ins Ausland gehen, mindestens für ein Jahr. Am liebsten nach Schweden, diese eine Mai-Woche in Växjö wiederholen. 52 Mal. Ein Jahr nichts als Floorball – das ist sein Ziel. Und es sieht gut aus. Er ist in Gesprächen mit Klubs. Flathmann will sich einem Erstligisten anschließen. Vormittags Praktikum auf der Geschäftsstelle, den Rest des Tages Sport. Er könnte natürlich auch schon gleich mit dem Architekturstudium anfangen, sagt Nicholas Flathmann: „Aber ich will lieber versuchen, diesen unwahrscheinlichen Traum am Leben zu halten. Solange es geht.“

Im nächsten Teil unserer Serie lesen Sie, wie das Jahr 2014 zur Initialzündung für Mali Wichmann wurde – seitdem geht es für die Hockey-Torhüterin steil aufwärts.
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