Glücksspiel Deutscher Sport nach Wett-Urteil im Zwiespalt

Berlin. Der deutsche Profifußball freut sich auf Millionen, der DOSB nimmt die Politik in die Pflicht und bei den Landessportbünden geht Existenzangst um: Das EuGH-Urteil über das unzulässige deutsche Monopol für Glücksspiele und Sportwetten hat den Sport aufgeschreckt - und gespalten.
08.09.2010, 20:40
Lesedauer: 3 Min
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Berlin. Der deutsche Profifußball freut sich auf Millionen, der DOSB nimmt die Politik in die Pflicht und bei den Landessportbünden geht Existenzangst um: Das EuGH-Urteil über das unzulässige deutsche Monopol für Glücksspiele und Sportwetten hat den Sport aufgeschreckt - und gespalten.

Experten sehen im Luxemburger Urteil sogar die große Chance, einen Wettbewerbsnachteil im internationalen Vergleich aufzuholen und jährlich mehr als 300 Millionen Euro zusätzlich durch Sponsoring, Werbung und Abgaben privater Wettanbieter einzunehmen. Bisher war es deutschen Vereinen verboten, mit privaten Sportwetten-Unternehmen zu werben.

«Das Urteil zeigt Chancen auf eine effektive Neuregelung des Glücksspiels und Wettmarkts in Deutschlands», sagte DOSB-Präsident Thomas Bach der Nachrichtenagentur dpa. «Allerdings muss jetzt kurzfristig dafür gesorgt werden, dass auf dem Wettmarkt kein unkontrollierbarer Wildwuchs in einem quasi rechtsfreien Raum entsteht. Da ist die Politik dringend gefordert und zwar schnell.»

In einer ersten gemeinsamen Erklärung hatten der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der Deutsche Fußball-Bund (DFB), die Deutsche Fußball Liga (DFL) und die Sporthilfe die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) begrüßt. Sie werde für die künftige Regelung von Lotterien und Sportwetten Klarheit schaffen. Und: «Sie stärken die Position des deutschen Sports», hieß es in der Stellungnahme.

Der Sport habe sich unter Federführung des DOSB in die Debatte um die Neufassung des Glücksspielstaatsvertrags der Länder eingebracht, meinten die Spitzenfunktionäre unisono. «Die Entscheidungen ermöglichen das von uns vorgeschlagene Modell, am staatlichen Lotteriemonopol festzuhalten und zugleich eine staatlich regulierte Öffnung der Sportwetten umzusetzen.»

Zahlreiche der 16 deutschen Landessportbünde befürchten allerdings das Schlimmste. «Das Urteil ist eine Katastrophe. Wenn es keine Lösung gibt, geht es an die Existenz und macht keinen Spaß mehr. Das ist eine Bedrohung des Ehrenamtes», sagte Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes Hessen. Sportwetten und Lotterien sind eine tragende Säule der Sportfinanzierung. Im Haushalt der Landessportbünde machen sie rund 80 Prozent aus.

Einmal in Fahrt forderte Hessens LSB-Präsident den Rücktritt von Thomas Bach wegen dessen Reaktion auf den Wegfall des Wettmonopols in seiner jetzigen Form. «DOSB-Präsident Dr. Bach vertritt ausschließlich die Interessen des DFB und der DFL. Es zeigt, dass er in seinem Interesse, IOC-Präsident zu werden, den ehrenamtlich geführten Sport aus den Augen verloren hat», erklärte Müller in einer Pressemitteilung.

Günther Lommer, Präsident des Bayerischen Landessportverbandes, kritisierte wie Müller die aktuelle Entwicklung. «Das ist alles andere als positiv, weil wir befürchten müssen, dass wir wesentlich weniger Geld bekommen», sagte Lommer. «Für den Breitensport ist es ein Fiasko, wenn nicht Voraussetzungen geschaffen werden, dass die Privatanbieter genauso viel Geld in die Kassen spülen wie bisher und das ist derzeit nicht gewährleistet.» Auch Norbert Skowronek, Direktor des Landessportbundes Berlin, reagierte bedrückt: «Das Urteil bereitet uns große Sorgen.»

Dagegen sieht sich vor allem der deutsche Profi-Fußball als heimlicher Gewinner: «Der DFB sieht durch dieses Urteil seine Auffassung bestätigt, dass es für Sportwetten in Deutschland kein Monopol geben darf», sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger. Liga-Präsident Reinhard Rauball betonte: «Wir halten vor dem Hintergrund dieser Entscheidung mehr denn je an unserer Forderung nach einer kontrollierten Öffnung des Sportwettenmarktes fest.» Nach dpa- Informationen plant die DFL, Lizenzgebühren zu erheben. Sogar eine Übereinkunft mit dem DOSB soll es bereits geben, die dem gemeinnützigen Sport knapp 80 Millionen Euro bringen könnte.

«Bayern München begrüßt außerordentlich diesen Urteilsspruch, weil er aus unserer Sicht ein Regulativ im Positiven darstellt. Es gibt kein Monopol, das zugunsten der Öffentlichkeit ist», sagte Bayern- Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge der dpa. «Mit dem Urteilsspruch ist Chancengleichheit in diesem Punkt gewährleistet mit anderen europäischen großen Ligen wie Frankreich, Italien, Spanien oder England. Ich gehe davon aus, dass die Clubs aus der Fußball- Bundesliga davon profitieren werden.» Wolfsburgs Manager Dieter Hoeneß war ebenfalls hocherfreut: «Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass es jetzt auch in diesem Bereich Wettbewerb gibt.»

Erst im Juli hatte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper auf einer IOC-Konferenz die «enorme finanzielle Bedeutung von Sportwetten und Lotterien für den Sport» unterstrichen. «In Deutschland bilden sie mit fast 500 Millionen Euro jährlich eine tragende Säule der Sportfinanzierung», hatte Vesper in seinem Vortrag erklärt, «ohne sie könnte der Sport seine bedeutsamen Leistungen für das Gemeinwohl nicht erbringen. Darum ist es existenziell wichtig, diese Mittel für für den Sport langfristig zu erhalten und möglichst auszubauen.»

Der DOSB finanziere seine Arbeit zu 37 Prozent aus Erträgen der Glücksspirale, und das Lottomonopol habe bestens funktioniert. Im vergangenen Jahr setzte der Deutsche Lottoblock 6,72 Milliarden Euro um, davon 6,4 Milliarden Euro im Bereich der Lotterien. (dpa)

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