Wo die deutsche Problemzone liegt und wer als Torschützenkönig auch endlich mal bei einer Europameisterschaft treffen muss Die 23 Spieler für den Titel

Bremen. Im letzten EM-Test, beim 2:0 gegen Ungarn, war es so weit: Joachim Löw beorderte Mesut Özil in der zweiten Hälfte ins defensive Mittelfeld. Dort hatte Özil in 72 Länderspielen zuvor noch nie gespielt.
08.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Die 23 Spieler für den Titel
Von Marc Hagedorn

Bremen.

Im letzten EM-Test, beim 2:0 gegen Ungarn, war es so weit: Joachim Löw beorderte Mesut Özil in der zweiten Hälfte ins defensive Mittelfeld. Dort hatte Özil in 72 Länderspielen zuvor noch nie gespielt. Das zeigt einerseits, wie flexibel der Bundestrainer seine Spieler einsetzt. Auf einigen Positionen, besonders in der Abwehr, gehorcht Löw andererseits auch der Not. 23 Topspieler hat er im Kader, aber ohne Schwächen ist die Auswahl nicht.

Die Torhüter

Manuel Neuer ist die Nummer eins, in Deutschland, in Europa, in der Welt. Einen besseren Torwart als den 30-jährigen Profi des FC Bayern gibt es zurzeit nicht (vielleicht ist noch der Italiener Gianluigi Buffon genauso gut). Allerdings sollte Neuer tunlichst gesund bleiben, denn völlig ungewöhnlich für die Torwartnation Deutschland ist, dass Bundestrainer Joachim Löw hinter Neuer ein mittelgroßes Problem hat. Illgner gegen Köpke, Kahn gegen Lehmann, Stein gegen Schumacher, Tilkowski gegen Maier – die Geschichte der Nationalmannschaft ist voll von manchmal erbittert geführten Torwartduellen. Dieses Mal gibt es im deutschen Team weit und breit keinen Keeper auf Neuers Niveau. Bernd Leno und Marc-Andre ter Stegen sind solide Stellvertreter – wahrscheinlich immer noch besser als manch anderer Stammtorhüter in diesem Turnier –, aber jung und sehr fehleranfällig, wie ihre ersten Länderspieleinsätze gezeigt haben.

Die Abwehr

Wenn Mats Hummels fit wird, hat Löw das wohl beste Innenverteidiger-Duo dieses Turniers beisammen: Hummels und Jerome Boateng, in der neuen Saison auch das Defensivzentrum der Bayern, harmonieren prächtig. Beide überragend in der Spieleröffnung, souverän im Stellungsspiel, stark im Zweikampf; kleiner Schönheitsfehler aktuell: Hummels steigt nach seiner Wadenverletzung wahrscheinlich erst gegen Ende der Gruppenphase oder zu Beginn der K.o.-Runde ins Turnier ein. Bis dahin bieten sich drei Alternativen an: Benedikt Höwedes vom FC Schalke, der vor zwei Jahren als Außenverteidiger Weltmeister wurde und in dieser Saison lange Zeit verletzt gefehlt hat. Mehr Spielpraxis haben die beiden anderen Kandidaten Shkodran Mustafi (FC Valencia) und Antonio Rüdiger (AS Rom). Sie haben beide eine gute Spielzeit hinter sich. Mustafi war unumstrittende Stammkraft beim kriselnden FC Valencia, Rüdiger war so gut, dass der AS Rom ihn jetzt langfristig unter Vertrag genommen hat.

Die Problemzone in der Abwehr bilden die Außenbahnen, hier ist das DFB-Team allenfalls mittelmäßig besetzt. Jedes dritte Gegentor leitet der Gegner über außen ein. Quasi konkurrenzlos ist Jonas Hector als linker Verteidiger. Der 26-Jährige vom 1. FC Köln hat seit seinem Debüt in der EM-Qualifikation in Pflichtspielen keine Minute mehr verpasst. Der passsichere Linksfuß ist defensiv und taktisch zuverlässig.

Auf der anderen Abwehrseite gibt es keinen klaren Favoriten, nur viele Möglichkeiten: Emre Can vom FC Liverpool, Joshua Kimmich vom FC Bayern oder die Innenverteidiger Rüdiger und Höwedes kommen hier in Frage. Gut möglich, dass Löw auch ab und an mit einer Dreierkette spielen lässt.

Das Mittelfeld

Ja, Ilkay Gündogan fehlt, auch Marco Reus ist nicht dabei, und bei Bastian Schweinsteiger ist völlig unklar, ob er körperlich durch dieses Turnier kommt. Und trotzdem: Die deutsche Mannschaft ist im Mittelfeld mit großartigen Spielern bestückt. Sami Khedira, bei der WM 2014 leicht angeschlagen, ist auch danach immer wieder von kleineren Verletzungen zurückgeworfen worden. Aber wenn er für seinen Klub gespielt hat, dann war er bei Juventus Turin immer Taktgeber, Chef und Antreiber. Toni Kroos kommt als Champions-League-Sieger mit Real Madrid zur Europameisterschaft und dem Ritterschlag, den der argentinische Fußballphilosoph Jorge Valdano ihm jüngst erteilte. „Kroos ist ein großartiger

Dirigent“, erklärte Valdano, einst Teamkollege von Diego Maradona und 1986 selbst Weltmeister mit Argentinien.

Weltklasse auch davor: Mesut Özil darf endlich im Zentrum spielen, nachdem Löw ihn lange und gern auch auf den offensiven Außenpositionen oder als falschen Neuner im Sturm eingesetzt hat. 18 Tore hat er den Kollegen beim FC Arsenal aufgelegt in dieser Saison und sechs selbst geschossen. Noch immer gibt es Kritiker, die ihm vorwerfen, zu oft Pausen einzulegen und abzutauchen, aber selbst dann muss sich jeder Gegner höllisch vor Özil und dessen Geistesblitzen in Acht nehmen.

Zehn Tore hat Thomas Müller bei Weltmeisterschaften geschossen, aber noch keines bei einer Europameisterschaft. Das soll und wird sich sehr wahrscheinlich ändern, denn so unorthodox und ungelenk das Spiel des Münchners nach wie vor manchmal wirkt, er hat einen Torinstinkt wie kein anderer im Team. Unberechenbar und ein Kandidat auf den Titel des EM-Torschützenkönigs.

Khedira, Kroos, Müller, Özil – hinter den gesetzten Spielern gibt es unzählige hochwertige Alternativen, die allerdings alle einen Makel mit in das Turnier nehmen. Andre Schürrle? Starker WM-Joker, aber schwach in seinem zweiten Wolfsburger Jahr in der Bundesliga. Mario Götze? Der WM-Held hat vielleicht das meiste Talent von allen Spielern, aber seine Leidens-

geschichte beim FC Bayern ist hinlänglich bekannt. Lukas Podolski? Ein wichtiger Mann fürs Binnenklima, deutlich verbessert zuletzt, aber eigentlich überholt von den jungen Wilden im Team. Julian Draxler? Bei der WM Edelreservist und auch jetzt Kandidat für die Ersatzbank.

Diese Rolle könnte auch den beiden Jüngsten im Team drohen: Leroy Sané und Julian Weigl. Dabei hat der Schalker Sané als blitzschneller und kreativer Flügelstürmer mehr Aussicht auf Einsatzzeiten als der Dortmunder Weigl, der im zentralen

defensiven Mittelfeld mehr Konkurrenz hat als Sané vorne.

Der Angriff

Eigentlich hatte Löw ja lange Zeit alles dafür getan, den klassischen Stürmer abzuschaffen. Aber nach den guten Erfahrungen mit Miroslav Klose bei der WM ist auch dieses Mal ein Mittelstürmer alter Prägung dabei: Mario Gomez, Meister und Torschützenkönig in der Türkei mit Besiktas Istanbul. An Gomez scheiden sich nach wie vor die Geister: Vielen gilt er als aus der Zeit gefallen, nicht schnell, nicht trickreich genug. Aber Gomez hat Qualitäten, die vielen der wuseligen Leichtgewichtsdribbler im modernen Spiel abgehen: einen robusten Körper und kühlen Abschluss vor dem Tor.

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