Die Bremerin Sonja Daroszewski ist Deutschlands beste Hindernisreiterin und wird Sonntag in der Vahr geehrt

Die Championesse

Bremen. Sonja Daroszewski ist obenauf. Zu sagen, sie wäre rundum zufrieden, wäre schlichtweg untertrieben.
20.10.2017, 00:00
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Von Frank Büter
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Alle Hürden gemeistert: Die Bremerin Sonja Daroszewski, hier bei einem Seejagdrennen in Hamburg-Horn, ist in diesem Jahr die beste Hindernisreiterin in Deutschland.

Foto: Frank Sorge und IMAGO, imago/Galoppfoto

Bremen. Sonja Daroszewski ist obenauf. Zu sagen, sie wäre rundum zufrieden, wäre schlichtweg untertrieben. Denn wenn Sonja Daroszewski aus ihrem Alltag als Berufsrennreiterin erzählt, ist die Begeisterung förmlich greifbar. Ihre Augen strahlen dabei. Vor knapp zwölf Monaten hat die 25-Jährige ihre Heimatstadt Bremen verlassen. Sie ist hinausgezogen in die Welt des Galoppsports, genauer gesagt nach Weilerswist in die Voreifel, rund 33 Kilometer südlich von Köln gelegen. Und eben dort hat Sonja Daroszewski nun ihr Glück gefunden.

Seit dem 1. November vergangenen Jahres ist Sonja Daroszewski als Pferdewirtin auf der Trainingsanlage Weilerswist bei Champion-Trainer Christian von der Recke tätig. Unter der Woche arbeitet sie dort täglich mit den zu betreuenden Pferden oder in den Stallungen, an den Wochenenden wiederum sitzt sie bei Galoppveranstaltungen als Jockey im Sattel. Dann reist sie durch das gesamte Bundesgebiet, aber auch mal ins benachbarte Belgien oder in die Schweiz. Freizeit? Hat Sonja Daroszewski kaum. Aber sie hat Freude an diesem Sieben-Tage-Rhythmus. Und ihr Einsatz hat sich ausgezahlt. Denn in diesem einen Jahr hat die gebürtige Bremerin in ihrer Entwicklung im wahrsten Wortsinn große Sprünge gemacht.

Sieben Hindernisrennen (und noch dazu 15 über die Flachdistanz) hat Sonja Daroszewski bisher in diesem Jahr gewonnen – und steht bereits jetzt als beste Hindernisreiterin Deutschlands fest. Sie löst damit Abonnementssieger Cevin Chan ab und darf sich als erste Frau überhaupt in dieser Kategorie mit dem Titel schmücken. Die Ehrung für diesen herausragenden Erfolg findet passenderweise an diesem Sonntag statt, beim Erntedank-Renntag in der Bremer Vahr. Auf ihrer Heimatbahn, wie Sonja Daroszewski betont. Und vor vielen bekannten Zuschauern, darunter auch ihre Familie und alte Freunde, für die sie im Alltag zurzeit zu wenig Zeit hat.

„Ich vermisse Bremen“, sagt Sonja Daroszewski. Was nicht verwundert, denn ihre Wurzeln hat sie in der Hansestadt. Privat – und auch beruflich. Seit ihrer frühesten Kindheit ist Sonja Daroszewski ein Pferdenarr. Mit fünf Jahren beginnt sie zu voltigieren und feiert mit der RG Schimmelhof in Osterholz zahlreiche Erfolge. Als sie als Neuntklässlerin im Frühjahr 2007 ein berufsorientiertes Schulpraktikum absolvieren muss, wird sie bei Pavel Vovcenko auf der Trainingsanlage in Mahndorf vorstellig. Sonja Daroszewski will Pferdewirtin werden. Und Karriere im Rennsattel machen. Noch als Schülerin legt sie im Herbst 2009 in Köln die Prüfung zur Amateurrennreiterin ab. Und nach ihrem Abitur beginnt sie im Sommer 2011 bei Trainer Pavel Vovcenko ihre zweijährige Ausbildung.

Die Lehrjahre machen ihr Spaß, auch ihre anschließende Tätigkeit als Berufsrennreiterin. Doch das Geschäft ist hart, insbesondere für eine Amazone in diesem von männlichen Jockeys dominierten Sport. Diese Erfahrung macht auch Sonja Daroszewski, die parallel ein Fernstudium (Fachrichtung Medienwirtschaft/Medienmanagement) aufnimmt. Sie erhält als Jockey nicht so viele Bewährungschancen, wie sie sich erhofft – und macht sich im Spätherbst 2015 schließlich auf, ihr Glück an anderer Stelle zu finden. Nach einem einjährigen Intermezzo beim Trainingsstall von Elfi Schnakenberg in Blender (Landkreis Verden) kommt der Lockruf aus Weilerswist. Es ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

355 Kilometer entfernt von der Heimat spürt Sonja Daroszewski im Trainingsstall von Christian von der Recke plötzlich das Vertrauen, das sie zuvor so häufig vermisst hat, „er steht hinter mir“. Erfahrene Jockeys wie Paul Johnson und Peter Gehm arbeiten intensiv mit ihr, geben ihr wertvolle Ratschläge und Hinweise. Sonja Daroszewski hört ganz genau zu – und setzt die Tipps auf der Bahn dann auch exzellent um. Freiherr von der Recke, in der Galoppszene auch als „Magier von Weilerswist“ tituliert, bescheinigt Daroszewski „Nervenstärke, Ruhe und ein großartiges Tempogefühl“. Die frühere Bremerin wiederum sagt: „Nur durch Rennen lernt man Rennreiten.“

Als Berufsreiterin im Stall von der Recke hat Sonja Daroszewski in dieser Rennsaison nun reichlich Gelegenheit bekommen, ihr Können unter Beweis zu stellen. Mit beachtlichen Erfolgen. Höhepunkt war dabei sicherlich die Rennwoche in Bad Harzburg. Dort gewann sie nicht nur die große „Bad Harzburger Hürden Trophy“, das höchstdotierte Hürdenrennen Deutschlands, sondern auch drei weitere Rennen und ritt zudem noch viermal in die Geldränge. Als erste Frau errang sie damit bei dieser einwöchigen Veranstaltung das Jockey-Championat und kürte sich zur „Harz-Queen“. Die harte Arbeit zahle sich aus, freut sich Daroszewski, „darauf bin ich schon ein bisschen stolz“.

Am Sonntag kommt nun eine weitere Ehrung hinzu, dann wird Sonja Daroszewski in der Bremer Vahr zum Hindernis-Champion 2017 gekürt wird. „Ich freue mich auf Bremen, aber an das Championat denke ich noch gar nicht“, sagt die 25-Jährige. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, lautet die Devise. Für zwei Rennen ist die Amazone gemeldet, es sind die Hindernisrennen, die an dem Tag ausgetragen werden. Im Sattel des Erfolgspferdes Interior Minister hofft sie auf Saisonsieg Nummer acht über die Hürden, und sie hätte auch nichts dagegen, wenn es mit Perfect Swing ebenfalls klappt, „denn ich will jedes Rennen gewinnen“.

Bei aller Vorfreude auf die Rückkehr in die Vahr, mit der Sonja Daroszewski „viele schöne Erinnerungen“ verbindet, stimmt sie das absehbare Aus für die Bremer Rennbahn indes eher traurig. Sie verfolge die Entwicklung und könne es nicht verstehen, „dass man eine so schöne Rennbahn einfach plattmachen will“, sagt die frühere Lokalmatadorin. Für ihre eigene Zukunft sieht Sonja Daroszewski derweil klarer: Sie ist als Rennreiterin auf dem Hovener Hof in Weilerswist fest angestellt, will ihre Erfolgsbilanz in der kommenden Saison ausbauen und träumt unter anderem von einem Start in Pardubice (Tschechien), wo jeweils am zweiten Sonntag im Oktober das weltweit wohl härteste Hindernisrennen über eine Distanz von 6900 Metern stattfindet. „Ein Kultort“, sagt die Amazone über die Veranstaltung, bei der ihr heutiger Lehrmeister Peter Gehm von 2001 bis 2004 viermal in Folge triumphierte. Und als Sonja Daroszewski das sagt, klingt sie wieder durch, diese Begeisterung für ihren Beruf. Die Championesse hat ihr Glück gefunden.

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