UN-Programm in Hamburg

Die Kraft des Sports

Ein UN-Programm soll jugendlichen Athleten helfen, mit Handbällen oder Tischtennisschlägern die Welt zu verbessern. In Hamburg waren 30 Jugendliche aus 18 verschiedenen Ländern dabei.
14.02.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Die Kraft des Sports
Von Nikolai Fritzsche
Die Kraft des Sports

Er möchte ein Anführer sein: Der 18-jährige Chikatizyo (Mitte) spielt in der sambischen Handballnationalmannschaft. Von der Teilnahme am UN-Programm erhofft er sich Impulse, um den Sport in seiner Heimat voranbringen zu können.

Cora Sundmacher

Ein UN-Programm soll jugendlichen Athleten helfen, mit Handbällen oder Tischtennisschlägern die Welt zu verbessern. In Hamburg waren 30 Jugendliche aus 18 verschiedenen Ländern dabei.

Klack, klack, klack. Tischtennisbälle fliegen über die Netze im Tischtennis-Olympiastützpunkt in Hamburg-Niendorf. An den Tischen stehen Vollblut-Sportler, aber, und das ist nicht zu übersehen: Tischtennis ist nicht ihr Metier. Doch die jungen Leute sind auch nicht wegen Tischtennis hier. Eine, die noch vergleichsweise kontrolliert mit der kleinen weißen Kugel umgeht, ist Anoosha. Dem Ball Unterschnitt geben, das kann sie, Topspin geht auch, nur das Blocken beherrscht sie nicht. Ihre Bewegungen sind raumgreifend, sie holt weit aus. Das liegt daran, dass Anoosha sonst mit gelben Filzkugeln spielt. Sie war eine der besten U15-Tennisspielerinnen ihres Landes.

Anoosha ist 21 und kommt aus dem Iran. Seit zwei Jahren lebt sie in Berlin; sie gibt Berliner Kindern Tennisstunden. Anoosha würde gern in den Iran zurückkehren, aber als Flüchtling darf sie Deutschland nicht verlassen. Dabei möchte sie so gern etwas gegen die Ungerechtigkeiten tun, die sie in ihrer Heimat gesehen und erlebt hat. Sie will das mit Hilfe des Sports tun, und deshalb ist sie hier.

Die Bälle, mit denen Chikatizyo sich auskennt, sind deutlich größer: Der 18-Jährige spielt in der sambischen Handball-Nationalmannschaft. Auf Linksaußen oder im Rückraum ist er am besten. Aber hier, im Hamburger Norden, geht es ihm nicht darum, seine Handball-Laufbahn voranzubringen. Sondern seine Heimat, Sambia.

Youth Leadership Programme“ steht auf den T-Shirts der Jugendlichen. Das Programm der Vereinten Nationen bringt junge Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen, die in ihrem Sport als Trainer arbeiten und daraus auch ein soziales Engagement machen wollen. Hier in Hamburg sind es 30 Jugendliche zwischen 18 und 27 Jahren. Sie kommen aus 18 Ländern, darunter Eritrea, Griechenland, Tansania, Serbien, Senegal. Zwei Deutsche sind auch dabei. Es wird Englisch gesprochen. Die Jugendlichen sind von den Sportverbänden, in denen sie aktiv sind, für das UN-Programm vorgeschlagen worden. Das Geld für die Reisen, Unterkünfte und Verpflegung kommt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In dem elf Tage dauernden Camp lernen die Jugendlichen, wie man Gruppen leitet, wie man Zuhörer bei der Stange hält oder wie man Neulinge an eine Sportart heranführt.

"Der Sport kann Brücken bauen"

„Ich war bei Sportveranstaltungen im Iran, bei denen Mädchen Kopftücher tragen und ihre Arme und Beine bedecken mussten“, sagt Anoosha. „Es war viel zu heiß, aber die Organisatoren haben keine Ausnahme gemacht.“ Nicht der einzige Grund, warum es im Iran für Mädchen schwierig ist, im Sport voranzukommen. „Für Tennis braucht man Sponsoren, weil die Ausrüstung teuer ist und man zu Turnieren reisen muss. Aber ein Mädchen sponsern, das macht kaum jemand.“ Anoosha hat diese Erfahrung selbst gemacht. Sie war iranische U15-Meisterin, eine internationale Karriere blieb ihr verwehrt. Sie will die Chancen von Mädchen verbessern, aber sie weiß, dass man dabei unten anfangen muss, im Breitensport.

Um zu lernen, wie das geht, hören die Jugendlichen Vorträge von Menschen wie Leandro Olvech. Der Argentinier leitet beim Tischtennis-Weltverband ITTF den Bereich Entwicklung und betreut die Jugendlichen an diesem zweiten Tag des Camps. Olvech war selbst ein guter Spieler, später arbeitete er im Behinderten-Tischtennis, zuerst als Trainer, dann als Funktionär. Schließlich kam er zur ITTF, wo es zunächst seine Aufgabe war, dafür zu sorgen, dass Tischtennisplatten und Schläger möglichst vielen Menschen auf der Welt zur Verfügung stehen, so dass die Sportart sich weiter verbreitet. Sport development heißt das, also: Entwicklung des Sports. Inzwischen kümmert sich Olvech immer mehr um sports for development – Entwicklung durch den Sport.

Gemeinsam spielen, Spaß haben und Erfahrungen sammeln: 30 junge Sportlerinnen und Sportler aus 18 verschiedenen Ländern nehmen derzeit am Youth Leadership-Programm der Vereinten Nationen in Hamburg teil. Alle Teilnehmer eint das Ziel, den Menschen in ihrer Heimat durch den Sport helfen zu wollen.

Gemeinsam spielen, Spaß haben und Erfahrungen sammeln: 30 junge Sportlerinnen und Sportler aus 18 verschiedenen Ländern nehmen derzeit am Youth Leadership-Programm der Vereinten Nationen in Hamburg teil. Alle Teilnehmer eint das Ziel, den Menschen in ihrer Heimat durch den Sport helfen zu wollen.

Foto: Cora Sundmacher

„Es gibt so viele arme Gemeinden bei uns“, sagt Chikatizyo. „Viele Kinder haben überhaupt keinen Zugang zu Sport und Ausrüstung.“ Er engagiert sich in verschiedenen Projekten von Nichtregierungsorganisationen, zum Beispiel eines Verbands, der sich für die Rechte von Frauen einsetzt. Seine Inspiration ist sein Vater, der den Handballverband des Landes leitet. Chikatizyo fährt zu Schulen in armen Dörfern in der Umgebung der Hauptstadt Lusaka, in der er wohnt. Dort zeigt er Schülern seinen Sport. Prellen, springen, werfen, Chikatizyo macht ihnen vor, was dazugehört. Aber eigentlich geht es um etwas anderes, etwas Größeres: „Wir wollen den Kindern Perspektiven geben.“ Mädchen, die Interesse am Handball zeigen, können Bildungsstipendien bekommen. Was er im Camp lernen will? „I want to be a leader“, sagt Chikatizyo – er will ein Anführer sein. Er möchte seinen Sport voranbringen – und damit sein Land.

Anoosha, Chikatizyo und einige andere haben sich auf den Boden gesetzt, um Leonardo Olvechs Vortrag zu folgen. Viele stehen aber auch, federn auf den Zehen auf und ab – die Energie von 30 jungen Sportlern voller Tatendrang schwebt im Raum. „Ihr dürft die Schläger gleich ausprobieren“, sagt Olvech. „Aber erstmal müsst ihr mir zuhören.“ Doch er macht sich umsonst Sorgen – die Aufmerksamkeit der 30 Jugendlichen ist ihm gewiss. Die Bilder, die er mit einem Beamer an die graue Hallenwand wirft, verfehlen ihre Wirkung nicht: Kinder in Uganda oder Burundi, die Tischtennis spielen und dabei vor Freude strahlen. Richtige Tischtennisplatten sind auf den Bildern nicht zu sehen. Stattdessen: Küchentische oder Schulpulte, über die ein Netz gespannt ist. Oder die von aufgestellten Büchern in der Mitte geteilt werden. „Every table is a table tennis table“, das ist Olvechs Motto – jeder Tisch ist eine Tischtennisplatte. Einen Schläger haben die Kinder oft auch nicht in der Hand. Ein Schuh tut es auch, wenn die Sohle glatt und aus Gummi ist. „Unser Fokus liegt nicht auf dem Wettkampf oder auf professionellen Bedingungen“, sagt Olvech. „Sondern darauf, dass möglichst viele mitmachen.“ Denn nur dann kann das gelingen, was alle, die hier im Olympiastützpunkt versammelt sind, wollen: durch Sport die Welt ein bisschen besser machen.

Und dafür organisiert Olvechs Team Projekte wie das Tischtennisturnier in Tansania, bei dem ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation vor der Siegerehrung einen Vortrag darüber hielt, wie die Jugendlichen sich vor HIV schützen können. „Hätten wir einfach nur zu einem Vortrag eingeladen, wäre wahrscheinlich keiner gekommen“, erzählt Olvech den Jugendlichen. „Wir haben den Sport benutzt, um Menschen einen Zugang zu Bildung zu verschaffen, die sie sonst nicht bekommen würden.“

"Ein Mädchen sponsern, das macht kaum jemand"

Die Verbindung von Sport und Bildung lebt Olvech den Jugendlichen vor. Als Olvech später im praktischen Teil eine Übung erklärt, geht es ihm eigentlich darum, den Jugendlichen Tipps für ihre eigene Trainertätigkeit zu geben – unabhängig davon, ob sie Tischtennis, Wasserball oder Hockey vermitteln. „Wenn man zu einer Gruppe spricht, muss man dafür sorgen, dass man alle sieht und niemanden im Rücken hat“, ruft er in die Halle. Deshalb hat er die Jugendlichen gebeten, sich im Halbkreis aufzustellen. „Und wenn man mit Kindern spricht, muss man sich auf ihre Höhe begeben.“ Olvech geht in die Knie. „Versteht ihr?“ Viele nickende Köpfe.

Was Olvech sagt, klingt simpel, selbstverständlich, aber die Jugendlichen sind dankbar für die Hinweise. Die Begeisterung für den Sport muss Olvech bei ihnen nicht entfachen, die bringen sie ebenso mit wie die Motivation, sich zu engagieren. Aber sie sind keine ausgebildeten Trainer. Und sie wollen noch mehr darüber erfahren, wie sie Menschen in ihrer Heimat durch Sport helfen können.

Brücken bauen durch den Sport: Willi Lemke ist Initiator des Youth Leadership Programms.

Brücken bauen durch den Sport: Willi Lemke ist Initiator des Youth Leadership Programms.

Foto: Cora Sundmacher

Das Camp hat erst am Vortag begonnen, aber das Eis zwischen den Jugendlichen ist schon gebrochen. Als Olvech sie Gruppensprints machen lässt, startet Anoosha als Letzte für ihre Gruppe. Als sie sich über die Ziellinie wirft, fangen die Arme ihrer Mannschaftskameraden sie auf. Sie hüpfen im Kreis und bejubeln gemeinsam, dass sie am schnellsten waren. Sport kann Fremde zusammenbringen. Dass die Jugendlichen einander kennenlernen, ist nicht nur für den Verlauf des Camps wichtig, sondern auch für dessen langfristige Wirkung. Wenn die Jugendlichen ihre Motivation und ihre Ideen miteinander teilen, so die Idee, kehrt am Ende des Camps jeder Einzelne voller Tatendrang und Inspiration in seine Heimat zurück – und kann ein Vorbild für seine Schützlinge sein.

Neben Sportpraxis und Vorträgen über Themen wie Gleichberechtigung und Integration gehören auch Ausflüge zum Programm, zum Beispiel zum Bundesligaspiel Werder gegen Hoffenheim. Als er den Jugendlichen von dem geplanten Besuch im Weserstadion erzählt, ist Willi Lemke sichtbar stolz. Er, der frühere Werder-Manager und -Aufsichtsratsvorsitzende, ist UN-Sonderberater für Sport und hatte die Idee für das Youth Leadership Programme. Das erste Camp gab es im Jahr 2012, jetzt sitzt Lemke in Hamburg zwischen den Teilnehmern des 19. Camp und sagt: „Der Sport kann Brücken bauen: Das ist die Botschaft, die wir mit eurer Hilfe verbreiten wollen. Brücken zwischen verfeindeten Clans und auch zwischen Staaten.“ In diesem Jahr sind zum ersten Mal Jugendliche aus Russland und der Ukraine dabei. Ihre Länder führen Krieg – in Hamburg aber spielen sie gemeinsam Tischtennis.

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