Zuschauerverhalten Die Krux mit Werder Bremen

Im Amateursport ist es ein Problem, wenn zeitgleich Profi-Mannschaften spielen. Die hiesigen Fußballvereine merken es an den Zuschauerzahlen, wenn Werder Bremen parallel auf dem Rasen steht.
14.07.2017, 18:34
Lesedauer: 3 Min
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Von Nico nadig und michael kerzel

Delmenhorst/Oldenburg-Land. Dass die Bosse der Fußball-Bundesligaklubs mit den TV-Geldern unzufrieden sind, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Neidisch blicken sie auf die Vereine aus der englischen Premier League, wo in der Saison 2015/16 selbst der Tabellenletzte höhere TV-Einnahmen erzielte als der FC Bayern München. Doch mittlerweile hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) einen neuen Vertrag ausgehandelt. Ab dieser Saison erhalten die Bundesliga-Klubs in vier Jahren aus dem neuen TV-Vertrag 4,64 Milliarden Euro. Zudem gibt es teilweise neue Anstoßzeiten in der Bundesliga: Bislang verzichtete die Liga zum Schutz des Amateurfußballs auf eine Partie am Sonntagmittag, doch das ändert sich jetzt – an fünf Terminen wird jeweils eine Begegnung um 13.30 Uhr angepfiffen. Welche Auswirkungen hat das auf das Zuschauerverhalten im Amateurbereich? Kommen weniger Zuschauer, wenn zeitgleich Bundesliga läuft? Die Antwort in Delmenhorst und dem Landkreis Oldenburg lautet nach Beobachtungen der Trainer: ja. Die Anhänger der jeweiligen Vereine sind häufig auch Fans von Werder Bremen, besitzen teilweise eine Dauerkarte für das Weserstadion.

„Das ist bei uns schon Thema gewesen. Wir merken es, wenn Werder parallel spielt, zumindest wenn Bremen zu Hause antritt“, sagt Jürgen Hahn. Der Trainer von Atlas Delmenhorst kennt selbst einige Leute, die eine Dauerkarte bei Werder haben, sonst aber zu Atlas-Spielen gehen. „In Delmenhorst gibt es viele Werder-Fans“, sagt Hahn. In der kommenden Saison spielt Atlas häufig am Sonnabend, sofern der vorläufige Spielplan auf dem Staffeltag am Sonntag bestätigt wird. Und dann werden Werder- und Atlas-Spiele häufig kollidieren. Atlas muss jedoch sonnabends ran, da am Sonntag die Damen des TV Jahn Delmenhorst im Stadion spielen. Und 2. Bundesliga hat Vorrang vor der Oberliga. Unglücklich ist Hahn mit den Sonnabend-Terminen jedoch nicht. „Da kommen dann andere Leute, die sonntags selber spielen beispielsweise“, meint Hahn. Zudem habe Atlas auch vergangene Saison an Sonnabenden gespielt, und der Zuschauerzuspruch sei groß gewesen.

Professor Harald Lange unterrichtet Sportwissenschaften an der Universität Würzburg und beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Fanverhalten im Amateurbereich. „Die Gesellschaft befindet sich in einem Wandel. Bis vor einigen Jahren waren Vereine maßgeblich für die Integration innerhalb ihres Ortes verantwortlich. Mittlerweile stiften aber auch viele andere Angebote eine Identität“, erklärt der Sportwissenschaftler. Dadurch sinken auch die Zuschauerzahlen generell. Er sieht noch ein weiteres, grundlegendes Problem im Amateurfußball: Obwohl die Bundesliga finanziell und zuschauertechnisch boomt, befinde sich das Niveau in den unteren Ligen auf einem konstant niedrigen Level. Dadurch hätten viele Vereine Probleme, ihre professionellen Strukturen aufrechtzuerhalten. „Man darf aber nicht außer Acht lassen, dass die Situation in anderen Sportarten wesentlich schlechter ist. Dort muss man oft selbst Geld mitbringen, und zu den Wettkämpfen kommen nur Verwandte“, betont Lange. Daher sei der Amateurfußball im Vergleich noch relativ gut aufgestellt.

Überhaupt glaubt er, dass die neuen Anstoßzeiten aus zwei Perspektiven beurteilt werden können: Zum einen sei es selbstverständlich, dass die Amateure von der Entwicklung der Bundesliga profitieren wollen. Immerhin bildeten sie Talente aus und würden sich dabei als unantastbares Glied sehen. Zum anderen sei Profifußball ein eigener Markt, der nicht mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) vergleichbar ist. Damit habe er auch ein Recht auf eigene Anstoßzeiten. „Ich glaube nicht, dass Profis und Amateure in Konkurrenz stehen. Wer ein Bundesligaspiel besucht, der kommt wegen des Fußballs. In den unteren Ligen steht zumeist das Vereinsleben im Vordergrund. Das Spiel rückt in den Hintergrund“, vermutet Lange.

Marcel Bragula, Coach des VfL Wildeshausen, hält die Aufsplittung der Spielzeiten in der Bundesliga für grundfalsch. „Das macht den Amateursport kaputt“, sagt er. Der DFB müsse da gewaltig aufpassen. „Fußball ist für alle da“, meint Bragula. Es gehe nur noch um Geld und Profit, die Amateure würden geschädigt. „Ich habe 20 Jahre im Ruhrpott gelebt, und wenn Dortmund und Schalke parallel zu den Amateuren spielen, haben diese keine Chance“, sagt Bragula. In Wildeshausen sei das Problem nicht so extrem, trotzdem machten sich Spiele von Werder, aber auch des HSV und Bayern Münchens bemerkbar. „Wir haben hier einen harten Stamm an Zuschauern, aber es gibt natürlich auch Leute, die lieber Bundesliga gucken“, berichtet Bragula.

Auch der Trainer des VfL Stenum kritisiert, dass künftig Bundesliga-Spiele sonntags um 13.30 Uhr angepfiffen werden. Thomas Baake: „Mit einem Sonntagsspiel um 15.30 Uhr können wir gerade noch leben, das hat sich eingependelt. Aber es ist eine Katastrophe, wenn immer mehr Bundesliga-Spiele parallel zum Amateursport ausgetragen werden“, meint er und bezieht sich auf das 13.30 Uhr-Spiel. Baake warnt vor weiterer Aufsplittung. Bei Stenum kommen im Schnitt 150 bis 200 Zuschauer, sagt Baake. Zumindest zahlten so viele. „Es gibt einige Leute, die bei uns und bei Werder eine Dauerkarte haben“, sagt er.

„Ich glaube nicht, dass Profis und Amateure in Konkurrenz stehen.“ Harald Lange, Sportwissenschaftler
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