Scrabble-Turnier in Reinbek

Die Lust am Spielen und an der Sprache

Mit 36 Anwesenden ging eines der bundesweit bekanntesten Scrabble-Turniere im Schloss Reinbek bei Hamburg über die Bühne – das Fairmasters fand 2018 bereits zum elften Mal statt.
28.06.2018, 11:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Krulle
Die Lust am Spielen und an der Sprache

Scrabble – ein Freizeitspaß für Denker: Claudia Mansfeldt bei den „Hamburger Fairmasters“ im Spiel mit Friedrich Engelke.

Manfred Cornelius

Tante Mechthild ist sich bombensicher: Ihre Hundnase gilt! Paul Winkelmann sagt gar nichts, seine resolute Mutter Louise verbannt das Wort ins Reich der Fantasie, und die hat hier am Scrabbletisch gar nichts zu suchen. Gut, dann versucht Tante Mechthild es halt mit dem Schwanzhund. Geht aber auch nicht, sagt Louise.

Die Szene aus Loriots mittlerweile drei Jahrzehnte altem Kinofilm „Ödipussi“ kennen an diesem Tag im Schloss Reinbek alle 36 Anwesenden. Sie kommen aus fast sämtlichen Regionen der Republik und haben sich versammelt, um die dreitägigen „Fairmasters 2018“ auszutragen, die nun schon zum elften Male stattfinden. Zu bundesweiter Berühmtheit hat es das Scrabble-Turnier deshalb allerdings noch nicht gebracht. Was auch daran liegen könnte, dass dieses schöne Spiel nach wie vor am Klischee zu leiden hat, vorwiegend von älteren und gern etwas ältlichen Damen als reiner Zeitvertreib gespielt zu werden. So wie in Loriots Film eben.

"Scrabble-Szene in Deutschland hat sich sehr verändert"

Johann-Georg Dengel, Mitveranstalter des Turniers, lächelt milde. „Was Loriot damals sehr schön dargestellt hat, ist eine wunderbare Persiflage, nichts anderes.“ Und aus heutiger Sicht auf jeden Fall ein Klischee. „Inzwischen hat sich die Scrabble-Szene in Deutschland sehr verändert, andere Länder wie etwa Großbritannien sind sogar noch viel weiter.“ Daran sei, so Dengel, zum einen die Wochenzeitung „Die Zeit“ Schuld, die im Jahr 2000 damit begann, ein jährliches Scrabble-Turnier zu etablieren. „Und Faktor zwei“, sagt Dengel, „ist das Internet. Dort spielen inzwischen viele Scrabbler, zum Teil mehrere Partien parallel.“

Das kann Kirsten Fehling-Straub nur bestätigen. „Ich habe bisher gut 20 000 Spiele online gemacht“, sagt die einzige Bremerin, die bei den Fairmasters 2018 mitmacht. „Und ich“, so ihre Banknachbarin Beate de Nijs aus München, „bin auch schon bei 9000. Das Schönste daran war bisher, dass man in dieser Szene nur sehr, sehr wenige Idioten antrifft.“ Eine Aussage, die an Gewicht noch gewinnt, wenn man erfährt, dass in Deutschland ungefähr eine halbe Million Menschen Scrabble online spielen.

Im Saal läutet Johann-Georg Dengel jetzt das Glöckchen, die Mittagspause ist beendet, die 15. von insgesamt 16 Runden beginnt. 14 Männer und 22 Frauen lassen augenblicklich Ruhe einkehren. Abgesehen vom Klackern der Spielsteine in grünen Stoffsäckchen, aus denen die Spieler sich immer neue As und Os, Ws und Ypsilons ziehen, ist in der nächsten Stunde nur das Gemurmel beim Addieren der erreichten Punktzahlen zu vernehmen.

Nur nicht als Schummler auffallen

Jeder Teilnehmer hat 30 Minuten Zeit zum Überlegen, gestoppt wird mit Schachuhren. Leicht bizarr mutet die Technik an, mit der die Spieler beim Ziehen der neuen Steine nicht als Schummler auffallen möchten. Manche Spieler heben das Säckchen hinter den Kopf und sammeln dort die neuen Komponenten des Alphabets ein, andere wenden das Gesicht vom Säckchen auf dem Tisch ab wie der Nachfolger an der Supermarktkasse, wenn sein Vorgänger die PIN-Nummer für die Kartenzahlung eingibt.

Einen Schwanzhund wird hier niemand zu legen versuchen, denn ob ein Wort zählt oder nicht, darüber bestimmt der Rechtschreibduden. Wörter bis zu neun Buchstaben können auf einem von zwei Rechnern oder via Smartphone-App sofort überprüft werden. Was länger ist, wird notfalls von drei Schiedsrichtern begutachtet. Weil aber beim Scrabble auch alle Beugungsformen gelten und ebenso Konjunktiv und Genitiv, gelten eine profunde Sprachbeherrschung und ein solider Wortschatz als gute Voraussetzung, ein Turnier auch mal als Sieger verlassen zu können.

Reich allerdings wird deshalb momentan noch niemand. Dem Gewinner der Fairmasters winken ein nettes, kleines Buddelschiff und 200 Euro als Trophäe. Der Zweite erhält 100 Euro, die Dritt- und Viertplatzierten werden beim nächsten Mal in Reinbek von der Entrichtung der 70 Euro Startgebühr befreit. Kirsten Fehling-Straub liegt gerade im guten Mittelfeld. „Natürlich möchte hier jeder gewinnen“, sagt sie, „aber nach so vielen Onlinespielen ist es auch mal ganz schön, Menschen aus Fleisch und Blut gegenüber zu sitzen.“ Zum Spielen, so ihr Berliner Kollege Thomas Spira, seien „viele als Kind gekommen, als Scrabble noch Familienabende bestimmt hat.“ Fehling-Straub ist da eher beruflich vorbelastet, denn bevor sie sich zur Psychotherapeutin hat ausbilden lassen, war die Bremerin 23 Jahre lang Croupier im Casino. Kein wirklich typischer Frauenberuf.

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Johann-Georg Dengel, der im Turnier ebenfalls im Mittelfeld rangiert, mag die Frage, ob das Interesse an Scrabble-Turnieren der Lust am Spiel oder der an der Sprache entspringt, nicht eindeutig beantworten. „Es ist eine Kombination aus Beidem. Es ist der Spaß, sich mit anderen zu messen, nicht nur zuhause im Kämmerlein. Man möchte den Anderen ja auch riechen.“ Und die Lust an der Sprache sei bei fast allen da, mit sehr wenigen Ausnahmen. „Besonders bei denen, die Scrabble in der deutschen Sprache spielen. Hier gibt es unendlich viele Möglichkeiten, allein die Deklination eines Verbes kennt hier unglaubliche Ausmaße, ganz anders als etwa im Englischen. Zusammengesetzte Wörter gibt es auch nirgends so viele wie im Deutschen.“

Auch wenn die Teilnehmer der „Fairmasters“ aus der ganzen Republik und sogar aus der Schweiz nach Reinbek gereist sind, so nimmt Dengel doch regionale Unterschiede wahr. „Zunächst ist das ein West-Ost-Gefälle“, sagt er, „in den Neuen Bundesländern wird kaum gescrabbelt. Und wenn, dann von aus dem Westen zugezogenen Bürgern. Der Norden schwächelt auch ein wenig in den letzten Jahren, Berlin ist wiederum eine Insel für sich, da gibt es eine Scrabble-Szene, die sich fast jede Woche trifft.“

Alkohol – nein danke

„Der Münchner Treff ist nicht allzu groß“, sagt Beate de Nijs, die von der Isar in den Norden gereist ist, „da kommen einmal im Monat 15 Leute. Viele wollen sich auch nicht so oft treffen, die spielen eher online.“ Und es müsse ja auch ein Lokal gefunden werden, „wo man vier, fünf Stunden still herumsitzt und nicht unbedingt viel konsumiert. Vor allem keinen Alkohol, der würde ja die Spielfähigkeit beeinträchtigen.“

Am Ende der drei Tage in Reinbek belegt die Bremerin Kirsten Fehling-Straub Platz 22, direkt vor ihr liegt Beate de Nijs. Auf Platz zwei beendet der Berliner Thomas Spira den Wettkampf. Unter den Scrabblespielern, sagt de Nijs, fänden sich, „ohne dass ich hier eine Statistik vorlegen könnte“, ungewöhnlich viele Leute mit ungewöhnlichen Namen. Und zudem, auch das nicht statistisch unterfüttert, ungewöhnlich viele Raucher. Aber kein Schwanzhund weit und breit. Und auch keine Quallenknödel zum Mittagessen.

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