Zukunft der Vereine

„Die Ochsentour gibt es nicht mehr“

Der Sportsoziologie Sebastian Braun ist Gastredner beim 22. Bremer Sport-Zukunfts-Forum des Landessportbundes. Im Interview erzählt er über die Perspektiven von Sportvereinen.
02.02.2019, 18:48
Lesedauer: 3 Min
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„Die Ochsentour gibt es nicht mehr“
Von Mathias Sonnenberg
„Die Ochsentour gibt es nicht mehr“

Der Mann ist ein Experte, wenn es um die Zukunft von Sportvereinen geht: Sportwissenschaftler Sebastian Braun beim Bremer Sport-Forum.

Frank Thomas Koch
Herr Braun, als Sportwissenschaftler beschäftigen Sie sich mit der Zukunft von Sportvereinen. Wie sieht für Sie der optimale Sportverein 2019 aus?

Sebastian Braun: Eine ehrliche Antwort? Den optimalen Sportverein kann es gar nicht geben, weil die Anforderungen so unterschiedlich sind. Der Verein ist ein Anbieter für Menschen, die ihre Ziele verfolgen wollen. Weniger abstrakt ausgedrückt bedeutet das: Der Verein ist ein Mobilisierer, um die Interessen und Wünsche der Menschen aufzunehmen und diese relativ kostengünstig in die Praxis umzusetzen. Der Verein soll den Sport organisieren, hat aber auch gleichzeitig eine Fülle von gesellschaftlichen Funktionen: Integration, Repräsentation, Sichtbarkeit, Erziehung, Sozialisation.

Was sind die größten Herausforderungen für Sportvereine?

Das Mobilisieren von Trainern und Funktionären und die Mitgliedergewinnung. Und natürlich die Bereitstellung von Sportstätten.

Hat der Sportverein noch eine Zukunft?

Aber auf jeden Fall! Er ist ein wichtiges Element der lokalen Selbstorganisation und hat einen relevanten Stellenwert neben anderen kommerziellen Sportanbietern. Das sind Fitnessstudios, aber auch Kletter- oder Soccerhallen. Die Konkurrenz für Vereine ist aber definitiv größer als früher.

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Das entspricht ja auch den Wünschen vieler Menschen, die sich nicht auf feste Zeitstrukturen, wie sie in Vereinen ja vorhanden sind, festlegen wollen.

Es gibt einen Individualisierungstrend, der viele Ursachen hat und dazu beiträgt, dass große Organisationen Probleme haben, Mitglieder an sich zu binden. Der ist nicht neu, aber hat nach wie vor zur Folge, dass die Menschen sich nicht mehr langfristig binden wollen, sondern sich das raussuchen, was gerade passend ist. Vereine müssen deshalb mehr Mitgliedermanagement betreiben, um dauerhafte Zugehörigkeit zu organisieren. Die klassische Ochsentour Sportler, Trainer, Funktionär gibt es fast nicht mehr.

Woran liegt das?

Das ist sehr vielschichtig und hat zum Beispiel auch Mobilitäts- und Modernisierungsgründe, die sich in Vereins- und Ehrenamtsbiografien niederschlagen.

Der Umgang mit E-Sport wird in vielen Vereinen diskutiert. Ist das für Sie Sport?

Das ist schwer zu beantworten, weil die Diskussion so komplex ist. Die Frage ist ja: Was zeichnet den Sport heute eigentlich so genau aus? Und um welchen Begriff müsste er erweitert werden? Ich bin da selbst noch Fragender.

Sind die Menschen tatsächlich immer weniger bereit, sich in Sportvereinen zu engagieren?

Die Befundlage ist nicht immer eindeutig. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Engagementquoten von 1999 bis 2009 rückläufig waren. In neueren Studien aber steigt die Zahl tatsächlich wieder. Auch im Sportentwicklungsbericht gibt es eine Ambivalenz. Der Trend geht zu helfenden und unterstützenden Tätigkeiten und weniger zu langfristigen Funktionen.

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Das würde ja aber bedeuten, dass die These, dass das Ehrenamt ausstirbt, gar nicht stimmt.

Diese Diskussion verfolgt uns ja seit Jahrzehnten. Hinter dem Strukturwandel im Ehrenamt steht ja die These, dass das alte Ehrenamt mit einer dauerhaften, aus dem Milieu gewachsenen Übernahme einer Funktion in einem ganz bestimmten Verein immer seltener ist. Also, dass die Kinder sich eben genau dort engagieren, wo schon Vater oder Großvater aktiv waren.

Sondern?

Es gibt den modernisierten Typus des Ehrenamts. Da geht es, wie gesagt, dann um zeitlich befristete Aktivitäten, auch in Form eines Projektes, wenn es gerade in die Biografie passt. Zum Beispiel der Vater, der in Elternzeit ist und die Kompetenz, die er sich gerade angeeignet hat, gerne weitergeben möchte.

Und der danach aus dieser Ausgabe wieder ausscheidet. Das trifft auch auf Sportvereine zu, um eben Menschen ein Ehrenamt nur für einen befristeten Zeitraum zur Verfügung zu stellen. Aber diese Menschen achten auch darauf, was sie für ihr Engagement zurück bekommen. Man möchte einen greifbareren Rückfluss haben und etwas mitnehmen, was man auch außerhalb des Sportvereins in seinem Leben nutzen kann. Diesen Prozess nutzen viele Vereine.

Das heißt, dass Sportvereine beweglich bleiben müssen.

Ja, die Organisation der Sportvereine bleibt ja auch flexibel und kann so eine starke Vereinskultur entwickeln. Sportvereine haben eine enorme Elastizität, wenn eben mal Mitglieder ausbleiben und diese Durststrecke überwunden werden muss. Diese Beweglichkeit ist die Möglichkeit, sich immer wieder an den Wandel in der Gesellschaft anzupassen.

Die Fragen stellte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Sebastian Braun ist Universitätsprofessor an der Berliner Humboldt-Universität und Leiter der Abteilung Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft. Er war am Sonnabend Gastredner beim 22. Bremer Sport-Zukunfts-Forum des Landessportbundes.

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