Leistung trotz Alter Die Pizarros des Bremer Fußballs

Claudio Pizarro ist der ältesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte. Im Bremer Fußball gibt es aber weitere Spieler, die trotz vergleichsweise hohem Alter noch zu den Leistungsträgern gehören.
20.02.2019, 22:14
Lesedauer: 4 Min
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Die Pizarros des Bremer Fußballs
Von Dennis Schott

Natürlich ist Charles Ehiogie der Hype um Claudio Pizarro in diesen Tagen nicht entgangen. Und natürlich freute es den Fußballer des VfL 07 Bremen außerordentlich, dass Werders in die Jahre gekommener Stürmer nun der älteste Torschütze der Bundesliga-Geschichte ist. Charles Ehiogie kann das gut nachempfinden. Er ist selber Stürmer. Aber vielmehr ist er im nahezu selben Alter.

Mit seinen 41 Jahren ist Charles Ehiogie sogar noch ein Jahr älter als Claudio Pizarro. Je älter er wird, desto häufiger wird er mit der Frage konfrontiert: Packt der alte Mann es noch? Charles Ehiogie geht es dann wie Claudio Pizarro. „Ich will zeigen, dass ich es noch kann“, sagt er. Was ihm, wie vielen anderen reiferen Fußballern im Bremer Amateurbereich, dann auch oft genug gelingt. Nicht umsonst spielen sie noch in der 1. Herren-Mannschaft ihres Vereins, und zwar regelmäßig.

Der Stellenwert von Charles Ehiogie ist für den Landesligisten zugleich an Zahlen festzumachen. Obwohl er in dieser Saison nur viermal von Anfang an ran durfte, also längst nicht die Spielzeit wie die meisten sammelte, erzielte der Stürmer bereits vier Tore. Das klingt nach nicht sonderlich viel, aber wenn man bedenkt, dass der beste Torschütze des Tabellendritten gerade mal zwei Tore mehr erzielt hat, dann ist dies kein schlechter Wert.

Charles Ehiogie bezeichnet sich als einen Fußballverrückten, der am liebsten von Anfang an spiele. Aber auch wenn er nur für die letzte halbe Stunde ‒ oder auch weniger ‒ eingewechselt wird, „gebe ich Vollgas“, verspricht der gebürtige Nigerianer.

Er fühle sich topfit, und solange dies der Fall sei, werde er weiterspielen, versichert er. Er verheimlicht dabei nicht, dass die Gedanken ans Aufhören zuweilen in ihm hochkommen. Wie nach dem Abstieg aus der Bremen-Liga in der vergangenen Saison. Aber dann kamen Mitspieler wie Trainer auf ihn zu und meinten: „Charles, wir brauchen dich.“ Also blieb Charles. Zumal er noch ein großes Ziel vor Augen hat. Der Stürmer möchte sich die vereinsinterne Torjäger-Kanone schnappen. 46 Tore gingen bislang auf sein Konto, das sind sechs weniger, als der Führende Nils Husmann erzielt hat. Er traut es sich zu, den Ex-Teamkollegen zu überholen. 41 Jahre hin oder her.

Ziel: den Vereinsrekord knacken

Bei Manuel Carrilho vom TS Woltmerhausen hinkt der Pizarro-Vergleich etwas. „Manuel spielt doch immer von Anfang an“, sagt sein Trainer Carlos Pereira, früher selbst noch mit 42 Jahren in der 1. Herren-Mannschaft aktiv. Er bemüht in diesem Zusammenhang ein altes Zitat von Otto Rehhagel, nach dem es keine jungen und alten Spieler gäbe, sondern nur gute und schlechte. Und Manuel Carrilho sei eben ein guter Kicker. Trotz seiner 38 Jahre ist er beim Landesligisten gesetzt. Und das in einer Mannschaft, die in dieser Saison noch einmal ordentlich verjüngt wurde. Ein bisschen fühlt sich Manuel Carrilho an die Zeit erinnert, als er zu seinem ersten Herren-Jahr antrat, ebenfalls in Woltmershausen. Dort lief kein Geringerer als Jonny Kuhl, zu jener Zeit auch etwas älter, im Sturm auf. Neben ihm: der noch junge und unerfahrene Manuel Carrilho.

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„Alles hat sich auf Jonny konzentriert“, erinnert sich der Pusdorfer, der im Schatten seines damaligen Sturmpartners reifen konnte. Ob seine Mitspieler von ihm heute genauso profitieren? „Jonny war früher eine viel größere Nummer als ich“, findet Manuel Carrilho. Aber ja, ein bisschen sei da vielleicht dran, zumindest hofft dies der 14-fache Torschütze. Er fühle sich nach wie vor gut und möchte noch eine Saison dranhängen. Solange ihn sein Trainer aufstelle, er das Gefühl habe, gebraucht zu werden, mache er weiter. „Im Vergleich zu meinem Trainer bin ich ja noch jung“, scherzt er.

Amateurfußballer des Jahres - mit 37 Jahren

Muhamed Hodzic musste gar erst 37 alt werden, um den Höhepunkt seiner Fußballer-Laufbahn zu erleben. Vor knapp zwei Monaten ist der Mittelfeldmotor des Bremen-Ligisten SG Aumund-Vegesack zum Amateurfußballer des Jahres gekürt worden ‒ und hat sich damit gegen die zum Teil weitaus jüngere Konkurrenz durchgesetzt. „Ganz normal“ sei es ja nicht, dass er noch immer für die 1. Herren auflaufe. Als Jungspund, aktiv für Tura Bremen, wunderte er sich über ei­nen gewissen Michael Dirks. „Der spielt noch immer?“, fragte sich Muhamed Hodzic damals. „Nun bin ich selber so alt und spiele immer noch“, erzählt der alte Muhamed Hodzic von heute.

Aber dass er, der 37-Jährige, noch mit all den jungen Spielern mithalten kann, „das fühlt sich toll an“, sagt er. Zumal sich der Mittelfeldspieler all die Jahre in der obersten Amateurklasse Bremens gehalten hat. „Nur Nehat Shalaj ist noch älter“, weiß er über den 38-Jährigen von der Leher TS. Shalaj, der einst auf der Schwelle zum Profitum stand, hat es als einer von wenigen Bremen-Liga-Spielern geschafft, über acht Jahre nur vom Fußball zu leben. Allein seiner Verletzungsanfälligkeit ist es geschuldet, dass er zuletzt kaum Einsatzzeiten bekam.

Für Patrick Kiesch gilt dies freilich nicht. Er ist der Dauerbrenner beim Bezirksligisten CF Victoria. 15 der 17 Saisonspiele hat er absolviert. Aller Ehren wert für einen 43-Jährigen. Dabei ist der Altersunterschied in dieser Mannschaft gar nicht mal so gravierend. „Viele Spieler sind um die 30 Jahre alt“, erzählt er. Den Vergleich mit ihnen braucht er nicht zu scheuen. „Die meisten sind überrascht, wie fit ich bin“, erzählt Patrick Kiesch - und spricht damit einen Satz aus, den seine Alterskollegen im Kern bestätigen. Man könnte auch sagen: Sie werden bisweilen unterschätzt. Bis man sie spielen sieht.

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