Interview mit Oliver Rau "Die Politik muss mehr Präsenz zeigen"

Vor einem Jahr wechselte der frühere Spitzenruderer Oliver Rau vom Marketing-Posten bei Werder Bremen zur Deutschen Sporthilfe. Im Interview übt er deutliche Kritik an der der Bremer Sportförderung.
28.08.2018, 16:56
Lesedauer: 6 Min
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Von Mathias Sonnenberg

Herr Rau, Sie waren 21 Jahre lang bei Werder Bremen verantwortlich für das Marketing & Sponsoring und in Bremen ein bekannter und sehr vernetzter Mensch. Vor einem Jahr sind Sie in die Geschäftsführung der Deutschen Sporthilfe nach Frankfurt gewechselt. Was genau machen Sie dort?

Oliver Rau: Ich verkaufe jetzt die Werte des Sports zugunsten der 4000 besten deutschen Athleten. Ich versuche, neue Partner für die Sporthilfe zu gewinnen, bin für Charity-Events wie den Ball des Sports verantwortlich und auch für unser großes Kuratorium mit 270 Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft, die sich für unsere Ziele engagieren.

Inwiefern unterscheidet sich das zu Ihrem Job bei Werder?

Bei einem Bundesligisten kann ich immer damit argumentieren, dass eine Bande beispielsweise 30 Sekunden im Fernsehen zu sehen und bewertbar ist. Bei der Sporthilfe ist das wichtigste Argument, dass man mit der finanziellen Unterstützung gesellschaftliche Verantwortung für den olympischen und paralympischen Spitzensport übernimmt. Aber Unternehmen hinterfragen natürlich immer mehr, warum sie etwas fördern sollen. Ich würde mich freuen, wenn sich noch mehr Dax-Unternehmen und erfolgreiche Mittelständler für die Förderung von Höchstleistungen verantwortlich sähen. Wer Medaillen fordert, muss fördern.

Ist die Arbeit bei der Sporthilfe schwieriger als bei Werder?

Meine jetzige Arbeit würde ich als „anders“ bezeichnen, weil man vorweg zunächst viel Sympathie für die Sache bekommt. Aber ein Paket zu schnüren, mit dem die Sporthilfe finanziell und der jeweilige Unterstützer inhaltlich zu 100 Prozent zufrieden ist, das ist schon sehr ambitioniert. Aber bei Werder gab es ja auch Höhen und Tiefen. Und in Champions League-Zeiten konnte man den Klub besser vermarkten als heutzutage.

Warum ambitioniert?

Weil die Gegenleistungen der Sporthilfe in kein klassisches Bewertungsraster passen und die Sponsoren natürlich auch hoffen, dass sie dank ihrer Unterstützung beispielsweise mit Top-Leuten wie Laura Dahlmeier oder Robert Harting in Person werben können, aber das geht natürlich nicht immer. Wir vermarkten ja keine Persönlichkeitsrechte an einzelnen Athleten.

Dirk Nowitzki ist ja ein Paradebeispiel für Sportförderung durch Sie.

Das stimmt, er hat später seine Förderung aus Juniorjahren auch wieder zurückbezahlt, auf Heller und Pfennig und mit Zinsen. In den 51 Jahren seit 1967 sind über 50 000 Athleten gefördert worden, und zwar mit fast 500 Millionen Euro privat eingesammeltem Geld. Jedes Jahr kommen rund 1000 Athleten neue Sportler dazu, im Schnitt immer etwa 4000 – komplett leistungsorientiert, nach sehr harten Kriterien.

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Wie viele Athleten werden eigentlich in Bremen gefördert?

Aus Bremen kommen aktuell keine 20 Athleten in den Genuss der Förderung. Im Bundesvergleich unterdurchschnittlich. Von der Elite-Förderung profitiert derzeit niemand. Vorneweg steht Kea Kühnel aus Bremerhaven und wir haben im Nachwuchs einige Fußballerinnen, Hockeyspielerinnen, Leichtathleten und Turnerinnen, die gefördert werden. Fast alles Frauen. Hochleistungssport in Bremen, das muss man leider so sagen, ist eine Diaspora. Dabei haben wir hier tolle Sportler und engagierte Trainer. Die Stadt Bremen kann sich da nichts ans Revers heften. Es sind die Ausnahmetrainer wie Martin Schultze im Hockey oder Roberto Albanese beim Tanzen, die für Spitzensport verantwortlich sind. Aber wir haben hier im Stadtstaat keine systematische Spitzensport-Förderung durch das Land. Meistens sind es neben den Trainern die Eltern und andere Familienmitglieder, die sich engagieren und damit wesentlich zur Förderung beitragen.

Bei den publikumswirksamen Sportarten hat Bremen jetzt allerdings Hamburg als Nummer eins im Norden abgelöst.

Ja, das ist richtig und erfreulich. Aber auch das ist ja kein Verdienst vom Land, sondern von engagierten Personen in den Vereinen. Immer die gleichen Bremer Unternehmen sind mit finanzieller Unterstützung dabei, aber die Sportler selbst in den Profivereinen kommen ja meist leider nicht aus Bremen. Und wenn man die klassischen olympischen Sportarten nimmt und Bremen mit Hamburg vergleicht, dann klafft da ein riesiger Unterschied. Da verliert Bremen haushoch und spielt dritte Liga.

Das Thema ist ja uralt, aber woran liegt das? Sie waren selbst ein erfolgreicher Ruderer.

Ich bin ja weiterhin überzeugter und gebürtiger Bremer und fühle mich deshalb auch aus Frankfurt als Lokalpatriot. Ich habe in meiner Endphase als Ruderer, in der ich in Bremen nur noch studiert habe, sportlich meine Zeit am Olympiastützpunkt in Potsdam verbracht. Aber ich fand es blöd, mein Ruder-Leben sozusagen in Bremen verbracht und damit auch die Solidargemeinschaft im Verein geschröpft zu haben, und auf dem Karriere-Gipfel zum Ruderklub Wannsee zu wechseln, weil man da Geld bekommen hätte. Das habe ich moralisch abgelehnt. Neben der Sporthilfe hat mich lokal die Deutsche Olympische Gesellschaft damals finanziell gefördert, weil ich hier keine Stützpunktleistungen wie Physiotherapie in Anspruch nehmen konnte und selber bezahlen musste.

Wie ist das heute?

In den meisten Sportarten keinen Deut besser. Auch in Bremen gibt es heute 50 olympische Sportarten, aber dafür gibt es nicht mal 120 000 Euro für den Leistungssport. Und davon gehen dann noch 30 000 Euro in eine Teilzeitstelle in die Administration beim Landessportbund. Das heißt: 50 olympische Verbände bekommen in Bremen keine 90 000 Euro. Und wenn man das dann noch teilt...

Sie meinen, das ist ein generelles Problem: Bremen und Sport?

Nennen Sie mir mal zwei Bremer Politiker, die für Spitzensport öffentlich brennen. Ich kenne keinen! Mit Anja Stahmann haben wir in Bremen eine Sportsenatorin, die sich inzwischen immerhin für Sport stark interessiert und auch präsent ist. Aber wann sieht man den Bürgermeister beim Sport? Und ich meine jetzt nicht Heimspiele von Werder. Wenn ich das beispielsweise mit Hessen und Volker Bouffier vergleiche, ist das ein riesiger Unterschied.

Was würden Sie sich von Carsten Sieling wünschen?

Ich würde mir viel mehr Präsenz wünschen. Auch seine Wähler treiben schließlich Sport. Über 160 000 Bremer sind in Vereinen organisiert. Da würde es dem Bürgermeister, aber auch anderen Politikern, gut zu Gesicht stehen, sich öfter mal dort blicken zu lassen, wo toller Spitzen- und Breitensport gezeigt wird. Zum Beispiel bei der Frühjahrsregatta auf dem Werdersee. Es dauert nur fünf Minuten, eine Siegerehrung vorzunehmen und das Highlight am Ende heißt seit 100 Jahren „Senatsachter“.

Mehr Wünsche haben Sie nicht?

Doch, es sollte im Senat und der Handelskammer größere Anstrengungen geben, hiesige Wirtschaftsunternehmen zur aktiveren Unterstützung des Sports aufzufordern. Ich bin es ja schon leid zu erzählen, dass ich 1996 der letzte männliche Bremer Sportler war, der Olympische Spiele gesehen hat. Das ist jetzt 22 Jahre her. Und es geht nicht immer nur um Geld, um Athleten in Bremen zu halten. Da hilft auch ein Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, bei dem Rücksicht auf Leistungssport genommen wird. Wir feiern jetzt alle Florian Wellbrock als Bremer Europameister im Schwimmen, er ist aber 2014 mit 16 Jahren nach Magdeburg abgehauen und startet für den dortigen Club. Keiner hat ihn davon abgehalten. Keine Konkurrenz, kein Internat, keine sonstige Förderung in Bremen. Ein Worst case, der hoffentlich dazu führt, dass das nicht mehr passiert. Die Unterstützung kann da sehr vielfältig sein. Die kleine Bremer Sportstiftung von Peter Gagelmann ist hier übrigens sensationell aktiv.

Müssen die Bremer Vereine die Politik nicht noch mehr in die Pflicht nehmen?

Auf jeden Fall. Es fehlt natürlich ab und an auch an Qualität und Mut in den Vereinen. Dort, wo hauptamtlich auf einer Geschäftsstelle gearbeitet wird, spürt man eine andere Professionalität. Aber es gibt auch zu wenig Schulterschluss im Landessportbund, um das Thema immer mal wieder aufs Tapet zu bringen. Andreas Vroom als Präsident macht das gut, aber es herrscht im LSB oft der Gedanke: Bloß nicht zu viel Kritisches sagen, sonst nimmt uns die Politik diese 100 000 Euro auch noch weg. Ich denke aber, dass der Bremer Sport und seine großen Vereine öffentlich noch mehr Einfluss auf die Politik ausüben sollte. Die Deutsche Sporthilfe sieht sich hier auf Bundesebene als nationaler Meinungsführer in Fragen der Athletenförderung und Sportpolitik und findet Gehör. Schirmherr der Sporthilfe ist der Bundespräsident und der Bundesinnenminister ist Vertreter des Bundes im Sporthilfe-Aufsichtsrat. Beide begleiten mit Ihren Fachleuten aktiv unsere Ziele. Ein Modell, das man sicher lokalpolitisch auch auf Bremen runterbrechen kann.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Oliver Rau (50)

war erfolgreicher Leichtgewichts-Ruderer, gewann drei WM-Bronzemedaillen und war Olympia-Teilnehmer 1996. Er arbeitete bis 2017 für Werder Bremen, ist heute Geschäftsführer bei der Sporthilfe. Rau ist verheiratet mit der Ruder-Olympiasiegerin Jana Sorgers-Rau, das Paar hat zwei Töchter.

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