Mit dem 4:1 gegen Italien ist DFB-Coach Joachim Löw im EM-Modus angekommen Die Richtung stimmt

München. Der Alte Botanische Garten in München ist der ideale Platz, um die Vorboten des Frühlings zu spüren. An den Sträuchern sprießen zarte Knospen, Vogelgezwitscher erklingt zwischen den geschwungenen Parkbänken, auf denen sich schon bald die ersten Sonnenanbeter fläzen werden.
31.03.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Frank Hellmann

Der Alte Botanische Garten in München ist der ideale Platz, um die Vorboten des Frühlings zu spüren. An den Sträuchern sprießen zarte Knospen, Vogelgezwitscher erklingt zwischen den geschwungenen Parkbänken, auf denen sich schon bald die ersten Sonnenanbeter fläzen werden. Die Isar-Metropole erwartet ab Donnerstag tatsächlich Temperaturen von mehr als 20 Grad, und dann dürfte auch der Spielplatz gegenüber dem Hotel „The Charles“, in dem der Tross der deutschen Nationalmannschaft am Mittwochmorgen vor der Abreise ein gemeinsames Frühstück eingenommen hat, noch besser bevölkert sein.

Gegenüber der Luxusherberge mit ihrer beigefarbenen Fassade und ihren mächtigen sechs Stockwerken liegt nämlich auch ein hölzernes Spielhaus, das mit der Aufschrift „entdecken – spielen – lernen“ wirbt. Es könnte zufälligerweise ungefähr jene Ansage sein, mit der Joachim Löw die besten Fußballer des Landes in den Härtetest gegen Italien entsandte. In der Arena in München-Fröttmaning gab es eine furiose 4:1-Gala zu bestaunen, die der Entdecken-spielen-lernen-Losung folgte: Der Bundestrainer entdeckte ein neues 3-4-3-System, das seine Mannschaft so spielerisch leicht umsetzte, dass daraus Lerneffekte bis zur EM-Endrunde entstanden.

Löw verriet rückblickend, dass er grundsätzlich „etwas anderes probieren“ wollte. Also mal wieder eine Dreier-Abwehrkette. Und davor gleich noch die bislang noch nie zu besichtigende Doppel-Sechs mit Toni Kroos und Mesut Özil. Löw fand speziell seine Edeltechniker (und Torschützen) richtig gut: „Özil und Kroos haben das hervorragend gemacht in der Defensive und auch im Spielaufbau. Da hatten wir gegen England ein paar Probleme. Es ist ein Risiko, klar – aber wenn nicht in so einem Spiel, wann dann?“

Sieg ohne Bedeutung für die EM?

Zum richtigen Zeitpunkt vermittelt seine seit dem WM-Titel bisweilen merkwürdig uninspirierte Elf wieder Schwung und Spielfreude, Idee und Innovation – selbst Sebastian Rudy, der einen Elfmeter herausholte, und Jonas Hector, der sein erstes Länderspieltor schoss, fügten sich auf den problematischen Außenbahnen ins Gefüge. Hinten standen Antonio Rüdiger, Shkodran Mustafi und Mats Hummels meist so stabil, wie man es von einer deutschen Defensive schon länger nicht gesehen hat.

Am Ende geriet der erste Sieg gegen den einstigen Angstgegner seit fast 21 Jahren zur Machtdemonstration. Allen Kritikern und Zweiflern schrieb der Weltmeister mit einem „sehr guten Spiel“ (Löw) ins Stammbuch: mit unserer Qualität ist zu rechnen. Immer noch. Für ein nicht unwahrscheinliches Wiedersehen in einem EM-Viertelfinale glaubt der italienische Nationaltrainer Antonio Conte nunmehr nicht, dass sich die „klare Differenz“ zu Deutschland zeitnah verringern lasse. Löw nahm diese Vorlage allerdings nicht auf. Es sei gut, das Gefühl zu haben, „dass man auch Italien schlagen kann“, aber er glaube nicht, dass das für eine mögliche Begegnung bei der EM von Bedeutung sei, das werde ein anderes Spiel sein. Vermutlich hat der 56- Jährige recht.

Trotzdem tut das Erfolgserlebnis allen gut. „Wir haben vermieden, dass wir kleingeschrieben werden. Jetzt können wir ohne viel Druck von außen ins Trainingslager gehen“, flötete der gut gelaunte Thomas Müller. Wohl wissend, dass ihm ein großer Teil des Tessiner Vorbereitungscamps in Ascona (23. Mai bis 3. Juni) erspart bleibt, wenn der FC Bayern das Champions-League-Finale in Mailand (28. Mai) erreicht. Diese unsägliche Terminkollision – und mögliche Verletzungen – sind die einzigen Gefahren, die sich am schwarz-rot-goldenen Horizont abzeichnen.

Der Kader steht

Ein Luxusproblem dürfte für Löw die Nominierung eines vorläufigen EM-Aufgebots am 17. Mai sein. Der Bundestrainer will zuerst die beiden Testspiele auswerten, dann auf die Leistungen einiger Spieler im Alltagsbetrieb schauen. Zum Beispiel bei Julian Draxler: Wenn der Wolfsburger nächste Woche in der Champions League gegen Real Madrid nicht gänzlich abtaucht, wird Löw kaum auf ihn verzichten. Für das Bayern-Sorgenkind Mario Götze – bei Löw ohnehin nie ein Wackelkandidat – reichten das Kopfballtor und die Hackenablage gegen Italien, um seinen Ausnahmestatus im Nationalteam zu bestätigen.

Spannender ist die Frage, was mit Kandidaten wie Max Meyer, Leon Goretzka, Julian Weigl und Joshua Kimmich passiert, die Löw namentlich erwähnte. Ist es besser, diese Talente beim Olympischen Fußballturnier in Brasilien Erfahrung sammeln zu lassen, oder sollen sie schon das EM-Feeling in Frankreich spüren? Löw scheint längst mehr als nur die groben Konturen seines Kaders im Kopf zu haben. „Wenn alle in Form bleiben, wird es leicht“, erklärte er – und setzte ein spitzbübisches Lächeln auf. So als wolle er sagen: Der Frühling kann kommen.

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