Manuel Neuer trainiert zwar wieder mit der Mannschaft, aber leise Zweifel bleiben Die Schulter der Nation

Deutschland kennt die „Wade der Nation“. Sie gehörte 2006 zu Michael Ballack, sie schmerzte und sorgte so dafür, dass ein Einsatz des Kapitäns bei der Heim-WM lange fraglich war. Jetzt bewegt eine lädierte Schulter die Fußballfans. Die Schulter gehört zu Manuel Neuer. Und obwohl der Nationaltorwart wieder mit der Mannschaft trainiert, bleiben Restzweifel und die Frage: Wird er wirklich fit bis Portugal?
12.06.2014, 00:00
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Die Schulter der Nation
Von Marc Hagedorn

Deutschland kennt die „Wade der Nation“. Sie gehörte 2006 zu Michael Ballack, sie schmerzte und sorgte so dafür, dass ein Einsatz des Kapitäns bei der Heim-WM lange fraglich war. Jetzt bewegt eine lädierte Schulter die Fußballfans. Die Schulter gehört zu Manuel Neuer. Und obwohl der Nationaltorwart wieder mit der Mannschaft trainiert, bleiben Restzweifel und die Frage: Wird er wirklich fit bis Portugal?

Wahrscheinlich hat Manuel Neuer eine seiner größten Taten in Brasilien schon vollbracht, bevor das Turnier für die deutsche Mannschaft überhaupt begonnen hat. Die Nationalmannschaft hat nämlich plötzlich die Herzen ganz vieler brasilianischer Fans gewonnen. Und das liegt auch am deutschen Torwart.

Das kam so: Kurz nach der Ankunft im Campo Bahia, dem deutschen Quartier, machte sich der Bayern-Keeper gemeinsam mit seinem Bayern-Kollegen Bastian Schweinsteiger zu Fuß auf den Weg ins benachbarte Örtchen Santa Cruz Cabralia. Beide Spieler trugen dabei ein Trikot des hier sehr beliebten Vereins EC Bahia, was die Kontaktaufnahme mit den Einheimischen ungemein erleichterte. Denn Neuer und Schweinsteiger hatten einen Plan: Sie wollten ein Videofilmchen für ihren Bayern-Mitspieler Dante drehen. Neuer und Schweinsteiger wollten für Dante, in der Region geboren und Fan des EC Bahia, die Vereinshymne des Klubs einsingen, und nun suchten sie Menschen, die ihnen beim Singen des Textes helfen könnten. Das tollkühne Duo erreichte sein Ziel. Dante bekam sein Video – jedoch gelangte es auch ins Internet. Dort wiederum entdeckten es brasilianische Fernsehsender und strahlten die Bilder aus. Jetzt hat sich aus lauter Begeisterung über Neuers und Schweinsteigers rührige Tat sogar ein Fanclub namens Bahea de Munique gegründet.

Eigentlich ist Manuel Neuer aber ja nicht hier, um seine Mitspieler aus den anderen WM-Nationen glücklich zu machen. Eigentlich soll Manuel Neuer seine eigenen Landsleute glücklich machen und dafür sorgen, dass Deutschland Weltmeister wird. Dass er tatsächlich seinen Beitrag dazu leisten könnte, war lange Zeit mehr als fraglich. Und allerletzte Zweifel an der Einsatzfähigkeit des 28-Jährigen, den viele Experten für den besten Torwart der Welt halten, sind auch jetzt, wenige Tage vor dem ersten deutschen Spiel gegen Portugal, nicht ausgeräumt.

Der DFB bemüht sich, das delikate Thema kleinzuhalten. Bundestorwarttrainer Andreas Köpke sagte nun: „Manuel ist auf einem richtig guten Weg.“ Ins Mannschaftstraining ist er inzwischen wieder eingestiegen. Das klingt gut. Aber auf die Nachfrage, ob Neuer denn schon wieder so fit sei, dass er auch sofort spielen könne, gab Köpke keine klare Antwort.

Die Restzweifel kommen nicht von ungefähr. Bisher musste noch jede Prognose, jeder Plan korrigiert werden. Unmittelbar nach dem DFB-Pokalfinale gegen Dortmund, als sich Neuer seine schmerzhafte Schulterverletzung zugezogen hatte, heiß es: Beim Trainingslager in Südtirol sei Neuer wieder dabei. War er dann aber doch nicht. Kurz zuvor hatten Fotos, die Neuers lädierte Schulter in einer Armschlinge zeigten, im Internet Karriere gemacht. So ging das weiter: Köpke musste zwei geplante Trainingseinheiten mit Neuer in München absagen. Dann galt das Armenien-Spiel als Zeitpunkt der Rückkehr. Auch dieser Termin konnte nicht gehalten werden. Inzwischen sind es nur noch vier Tage bis Portugal. Aber Köpke beruhigt weiter: „Wir sind absichtlich kein großes Risiko eingegangen. Wir haben lieber einen Tag länger gewartet, als dass wir zu früh angefangen sind.“

Die Vorsicht ist begründet. Bundestrainer Löw und sein Team setzen voll auf Neuer. Löw-Assistent Hansi Flick hatte zu Wochenbeginn beim Vergleich zwischen Neuer und dessen Stellvertreter Roman Weidenfeller erklärt, „der Manu“ sei „einen Tick besser. Er hat die Ausstrahlung, die Ruhe und das fußballerische Können. Er könnte sogar im Feld mitspielen.“ Bei Weidenfeller, der seinen Vertreterjob absolut loyal und anerkanntermaßen gut macht, bestehen aber genau dort die Zweifel. Köpke bemüht sich erst gar nicht, Weidenfellers kleine Schwäche wegzureden. Köpke sagt zu Weidenfellers Qualitäten als Fußballer: „Er bekommt das ganz gut auf die Reihe.“

Die Dinge irgendwie auf die Reihe zu bekommen, das war die versteckte Botschaft, wird aber nicht reichen bei dem großen Ziel, das die deutsche Mannschaft verfolgt: Wer Weltmeister werden will, braucht Weltklasse in seinem Team. Und die garantiert nach Einschätzung des Trainerteams im Tor offenbar nur Neuer.

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