Erfolglose DDR-Clubs nach der Wende Die Sehnsucht bleibt

Der Fall der Mauer beutete auch den Fall vieler Fußballclubs aus dem Osten. Falsche Helfer und fehlende Kenntnis haben zur Erfolglosigkeit beigetragen. Viele Vereine können nur noch vom Profigeschäft träumen.
08.11.2014, 19:25
Lesedauer: 3 Min
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Von JENS MENDE

Es ist keine Erfolgsgeschichte. Alle Ostclubs, die im Jahr nach der Wende erstklassig waren, sind von der großen Fußballbühne verschwunden. Und der Abstand ist gewaltig. Dabei klang die Einstiegs-Formel 2 plus 6 nach dem Mauerfall verheißungsvoll.

Einst gewannen sie den Europacup, standen in europäischen Pokal-Endspielen und sammelten fleißig Meisterschaften. Heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, spielen die ostdeutschen Traditionsvereine nur noch in der 3., 4., 5. oder sogar 6. Fußball-Liga. Die heutigen Zweitbundesligisten 1. FC Union Berlin und Erzgebirge Aue gehörten am Ende der DDR nicht zur höchsten Spielklasse. „Uneinholbar“ sei der Rückstand nach fast zweieinhalb Jahrzehnten vereintes Deutschland für Clubs wie den 1. FC Magdeburg, Carl Zeiss Jena oder 1. FC Lok Leipzig, sagte Eduard Geyer, der letzte DDR-Auswahltrainer.

Formel "Zwei plus Sechs"

„Es wächst wieder etwas“, meinte zwar Hans-Georg Moldenhauer, einstiger Fußballchef in den neuen Bundesländern. Doch seine Vision von der „Pyramide im Osten mit zwei Vereinen in der 1. Liga und drei, vier in der 2. Bundesliga“ ist längst nur noch ein unrealistischer Traum. Kein einziger Club, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs am 9. November 1989 erstklassig war, hat es auf Dauer in die Beletage der gesamtdeutschen Kickergemeinde geschafft, nicht einmal in das Stockwerk darunter. Wenn als beste Mannschaften von damals heute sechs in der 3. Liga dabei sind, „braucht man nicht rumeiern, wo der Osten im Fußball steht“, so Geyer.

Moldenhauer hatte am 19. Juli 1990 als letzter Präsident des Deutschen Fußball-Verbandes der DDR mit DFB-Boss Hermann Neuberger die Wendemodalitäten für den Fußball ausgehandelt – für den Leistungsbereich und die Amateure. Zwei plus sechs hieß die Formel für die letzte Saison der einstigen DDR-Oberliga 1990/91. Meister FC Hansa Rostock und Vize Dynamo Dresden durften anschließend in der Bundesliga ran. Rot-Weiß Erfurt, der Hallesche FC Chemie, der Chemnitzer FC, Carl Zeiss Jena, der 1. FC Lok Leipzig und Stahl Brandenburg wurden in die auf 24 Clubs erweiterte 2. Liga eingestuft.

Falsche Hilfe aus dem Westen

Der einzige DDR-Europacupsieger, der 1. FC Magdeburg, 1974 2:0-Finalsieger gegen den AC Mailand mit Trainer Giovanni Trapattoni, verschwand als Zehnter der Qualifikations-Spielzeit 1991 sofort in den Amateur-Niederungen. Andere folgten nach und nach. Die Hauptgründe sind klar und schon oft beschrieben: Die Sportclubs und Betriebssportgemeinschaften, die von Staat, Polizei, Armee und großen Kombinaten finanziert wurden, verloren über Nacht die wirtschaftliche Grundlage. Erfahrungen im Profi- und Marktwirtschaftsbereich fehlten.

Windige „Helfer“ wie der hessische Unternehmer Rolf-Jürgen Otto in Dresden, zerstörten die zarten neuen Clubpflänzchen schon in der ersten Wachstumsphase. „Die Vereine haben selbst zu wenig daraus gemacht und sind auf Traumtänzer hereingefallen“, erklärte Geyer.

Ansturm auf die Ost-Stars

Die Manager der Bundesliga hatten sich auf die besten Ost-Stars wie Andreas Thom, Matthias Sammer, Thomas Doll, Ulf Kirsten oder später Michael Ballack gestürzt. Rund 150 ehemalige DDR-Spieler wechselten bereits in den ersten fünf Jahren nach der Wende zu Westvereinen in der 1. oder 2. Bundesliga. „Das Einbinden von Profis aus dem Osten in die gesamtdeutsche Nationalmannschaft ging schneller als in anderen Bereichen“, sagte einmal Franz Beckenbauer. Bei den Clubs lief es anders.

„Nicht alles hat mit der Vereinigung zu tun“, hatte Matthias Sammer bemerkt, einer der Protagonisten der Wende. Der heutige Sportvorstand des FC Bayern München durchlief die Dresdner Fußball-Schule und steht als erster Nationalspieler Ost und West als Symbol für die Fußballeinheit. Viele Clubs haben Fehler gemacht, auf falsches Personal gesetzt.

Nur wenige schaffen den Anschluss

Nicht die großen Konzerne, sondern höchstens kleinere Unternehmen und der Mittelstand unterstützen die Ostvereine, betonte Ralf Minge. Der einstige Spieler und Trainer ist als Sportdirektor wieder bei Dynamo.

Die Chance, den Anschluss noch einmal zu schaffen, war und ist nur klein. Union Berlin und Aue, in der letzten DDR-Saison nur Zweitligisten, sind immerhin in der 2. Bundesliga dabei. Und in Leipzig, Geburtsort des DFB und Stadt des ersten deutschen Meisters VfB, ermöglicht ein österreichischer Brausehersteller ein verheißungsvolles Projekt mit dem Verein RB. Einige neue Stadien sind entstanden - und zumindest die Sehnsucht nach großem Fußball bleibt.

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