Die Suche nach dem großen Wurf

Hendrik Pekeler griff sich immer wieder an den Kopf. Er konnte nicht glauben, was da gerade geschehen war.
11.01.2018, 00:00
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Von Michael Wilkening
Die Suche nach dem großen Wurf

Uwe Gensheimer holt aus: Am Sonnabend wird es für ihn und das deutsche Team ernst in Kroatien.

Monika Skolimowska, dpa

Hendrik Pekeler griff sich immer wieder an den Kopf. Er konnte nicht glauben, was da gerade geschehen war. Wie dem Kreisläufer ging es an diesem Abend Millionen Menschen, allein in Deutschland waren es 13 Millionen. Pekeler stand in den Katakomben der Tauron-Arena in Krakau, die vielen anderen saßen vor dem Fernseher und hatten ein Handball-Spiel gesehen, das Spuren hinterließ. Es hatte schon viele Finalspiele bei großen Turnieren gegeben, aber nur wenige waren so von einer Mannschaft dominiert worden wie das Endspiel der Europameisterschaft vor zwei Jahren von Deutschland. Historisch war der 24:17-Erfolg über Spanien, weil die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) zwei Wochen zuvor als krasser Außenseiter ins Turnier gestartet war und diesen Status bis zum finalen Spiel nicht losgeworden war.

„Diese 60 Minuten waren der absolute Wahnsinn“, sagt Pekeler immer noch, wenn er an die Partie denkt, durch die Deutschland wieder eine Großmacht des Handballs wurde. Nach Jahren, in denen fünfte und siebte Plätze bei Weltmeisterschaften als große Erfolge gefeiert wurden, aber im Grunde nur glücklichen Fügungen zu verdanken waren, stürmte ein Team der Namenlosen auf den Gipfel und begeisterte die Handball-Nation.

Am Freitag beginnt die EM in Kroatien, Sonnabend steht für die Deutschen das erste Gruppenspiel gegen Montenegro an. Und Pekeler ahnt, dass es nicht mehr so werden kann wie 2016 in Polen. Deutschland zählt zu den Medaillenkandidaten und damit auch zum Kreis der Nationen, denen der EM-Titel zugetraut wird. Doch es kann keine Wiederholung des wunderbaren Januars in Polen geben – wenn die deutsche Mannschaft noch einmal die Siegertrophäe in den Händen halten will, muss sie einen anderen Weg finden.

Andreas Wolff weiß das. Er war vor zwei Jahren innerhalb von zwei Wochen von einem in der Fachwelt als talentierten Torhüter anerkannten Handballer zu einem Superstar aufgestiegen. Zunächst hielt der damalige Wetzlarer unglaublich viele Bälle, wurde im Finale gegen die Iberer zeitweilig zu einer undurchdringlichen Wand, bejubelte mit seinen Kollegen den Triumph und war anschließend eine Person, die auch außerhalb der Hallen Interesse hervorrief. Der Andreas Wolff des Jahres 2018 kann gar nicht mehr der von 2016 sein – und wie dem exzentrischen Keeper geht es vielen in der deutschen Mannschaft. „Was soll ich aus dem Turnier noch herausziehen?“, entgegnet Wolff, wenn er an seinen persönlichen Durchbruch erinnert wird: „Seither sind zwei Jahre vergangen. Ich habe mich ja auch weiterentwickelt und möchte das bei diesem Turnier zeigen.“ Es wird sich in Kroatien zeigen, inwieweit die Weiterentwicklung dieser Gruppe von Hochbegabten dazu führen kann, dass sie Erfolge der Vergangenheit bestätigen kann. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die individuelle Qualität der Spieler, die Bundestrainer Christian Prokop um sich versammelt hat, größer ist als vor zwei Jahren. Aber es ist ebenso unstrittig, dass es größerer Qualitäten bedarf, um die Siege zu wiederholen, die vor 24 Monaten für eine Handball-Euphorie sorgten. Den Bonus der Himmelsstürmer gibt es nicht mehr.

Exakt die Hälfte der Akteure, die an diesem Donnerstag in Berlin das Flugzeug mit Ziel Zagreb besteigen, waren in Polen mit dabei. Jeder ist seither besser geworden. Hinzu kommen mit Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki, Silvio Heinevetter, Patrick Wiencek und Paul Drux Leistungsträger, die vor zwei Jahren entweder verletzt waren oder sich im Formtief befanden. Die Aussage von Wolff, der den Kader „jetzt stärker als den 2016“ einordnet, ist nachvollziehbar und kein Anzeichen von zu viel Selbstbewusstsein, sondern einer realistischen Analyse. Noch nie besaß eine deutsche Mannschaft eine solch große Anzahl von hervorragenden Spielern, noch nie war sie derart homogen und ausgeglichen besetzt. Doch das alleine bedeutet nicht im Automatismus, dass sie die Erfolge ihrer Vorgänger auch wiederholt.

Es gibt mittlerweile viele kleine und ein paar große Stars innerhalb der deutschen Nationalmannschaft, und diese Weiterentwicklung einer erfolgreichen Gruppe birgt immer auch eine Gefahr. „Jeder Einzelne muss bereit sein, mehr in den Topf einzuzahlen, als er herausnimmt“, sagt Bob Hanning. Der DHB-Vizepräsident Leistungssport hatte im vergangenen Jahr früher als andere erkannt, dass die besten Handballer in Deutschland nicht mehr bestmöglich harmonierten. Bei der Weltmeisterschaft in Frankreich unterlief dem Team ein Fehler, der den großen Teams in der Sportwelt nicht passiert: Es verlor in einem K.o.-Spiel den Fokus. Die Folge war das überraschende Ausscheiden im WM-Achtelfinale gegen Katar – Überheblichkeit war der Grund für den herben Rückschlag.

Kurz darauf kam mit Christian Prokop ein neuer Trainer und mit ihm neue Ideen. Der 39-Jährige ist ein fachlich hervorragender Handballlehrer, der den Spielern als charakterlicher Gegenentwurf von Vorgänger Dagur Sigurdsson neue Impulse gegeben hat. Prokop wird die deutsche Mannschaft perfekt auf die Gegner einstellen, er wird ihnen einen schlüssigen Plan mit auf den Weg geben – doch den entscheidenden Schritt müssen die Spieler alleine gehen.

In fast allen Partien dieser EM ist die DHB-Auswahl Favorit und in dieser Rolle kann sie nur erfolgreich sein, wenn sie fokussiert auftritt und nervenstark in heiklen Situationen bleibt. Gelingt das, ist die Titelverteidigung keine Utopie – Pekeler, Wolff und Kollegen hätten dann einen anderen Weg gefunden, um erfolgreich zu sein.

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