Werders Ex-Trainer Wolfgang Sidka gilt als der arabische Deutsche – und prüft derzeit eine besondere Mission

Die syrische Frage

Bremen. Am Sonnabend stand Wolfgang Sidka mal wieder an der Seitenlinie. Nicht als Trainer, eher als persönlicher Betreuer.
19.11.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Die syrische Frage
Von Olaf Dorow
Die syrische Frage

Arabische Erfahrungen: Wolfgang Sidka (rechts) betreute 2010 und 2011 die irakische Nationalmannschaft.

FAHAD SHADEED, REUTERS

Bremen. Am Sonnabend stand Wolfgang Sidka mal wieder an der Seitenlinie. Nicht als Trainer, eher als persönlicher Betreuer. In Magdeburg sah er seinem Schützling Mahdi Haidari zu. Beim Regionalliga-Spitzenspiel der U 19 zwischen dem Tabellenführer 1. FC Magdeburg und dem Tabellenzweiten Hertha 03 Zehlendorf aus Berlin, das 2:0 für den FCM ausging. Hertha-Stürmer Haidari sei sehr talentiert, sagt Sidka. Seit zwei Jahren kümmere er sich um den jungen Afghanen, der im Iran aufwuchs, erzählt Sidka. Haidari habe er zunächst in die U 17 von Tennis Borussia Berlin vermittelt, in die Jugend-Bundesliga, und nun zu Zehlendorfs U 19, wo es auch wieder um den Bundesliga-Aufstieg geht.

Wolfgang Sidka, 63 Jahre alt, ehemaliger Werder-Profi und -Trainer, kümmert sich in seiner Heimatstadt Berlin seit gut zwei Jahren um Flüchtlinge. Er trainiert sie, organisiert für sie Freundschaftsspiele und versucht, die Talente unter ihnen zu fördern. Vor allem Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien seien unter den Jungs. Im Irak war Sidka vor sieben Jahren Nationaltrainer.

Und womöglich ist er demnächst Nationaltrainer von Syrien. Ein Vermittler aus Wiesbaden habe im Auftrag des syrischen Verbandes vor Kurzem mal angefragt, berichtet Sidka, der 1997 für etwas mehr als ein Jahr Cheftrainer von Werder Bremen war. Das Jahr lief damals zunächst recht gut, er kam mit Werder am Saisonende auf Rang sieben. In der Saison darauf lief es nur noch im Europacup gut und in der Bundesliga gar nicht mehr. Werder stellte Sidka frei und holte Felix Magath. Sidka, der in den 70er- und 80er-Jahren eine erfolgreiche Bundesliga-Karriere hingelegt hatte, gehörte zu den vielen Profis, die keine erfolgreiche Bundesliga-Karriere als Trainer auf die Profi-Zeit draufpacken konnten. Er gehörte zu denjenigen, die es im Ausland versuchten.

Und wurde zu einem Spezialisten für den arabischen Raum. Er wurde der arabische Deutsche und recht bekannt am Golf. Sidka feierte bemerkenswerte Erfolge mit dem Nationalteam aus Bahrain, er coachte in Katar und zuletzt halt den Irak. Jetzt Syrien? Die Nationalmannschaft jenes geschundenen Landes, in dem der Krieg bereits hunderttausende Opfer forderte, darunter auch Fußball-Spieler? Jenes Landes, das Krieg, Diktatur und Terror im Würgegriff haben? Dahin? „Syrien ist ein heißes Pflaster“, sagt Sidka. Er würde sich das Angebot des Verbandes, mit dem er noch nicht direkt gesprochen hat, „mal anhören“. Rein physisch würde er da nicht hingehen, nach Syrien. Er ist auch damals vor sechs Jahren nicht nach Bagdad gegangen, als der irakische Verband die Trainingslager des Nationalteams vom sicheren Erbil ins unsichere Bagdad verlegen wollte. Zu heikel.

Syriens Team spielt und trainiert nicht in Syrien. Die Heimspiele in der WM-Qualifikation fanden zuletzt in Malaysia statt. Die Mannschaft, deren Spieler größtenteils in den Emiraten oder in Saudi-Arabien unter Vertrag stehen, scheiterte in der Relegation nur denkbar knapp an Australien. Im Rückspiel von Sydney verhinderte in der letzten Minute der Nachspielzeit der Pfosten Syriens 2:2 und damit eines der größten Fußball-Wunder der Neuzeit. „Die haben eine richtig gute Mannschaft“, sagt Sidka. Erst am Montag habe man das bei einem Länderspiel wieder beobachten können, als der Fast-WM-Teilnehmer Syrien im Irak ein 1:1 schaffte.

Die erstaunlichen syrischen Leistungen und Erfolge in der WM-Qualifikation haben, das kann nicht anders sein, nicht nur eine sportliche Seite. Die Elf gilt als Elf Assads. Als das Team des Regimes. Seine beiden größten Stars, die Angreifer Omar al-Soma und Firas al-Chatib, boykottierten die Nationalmannschaft jahrelang und wurden so zu Idolen der Opposition gegen das Assad-Regime. Zur WM-Qualifikation kehrten sie in die Auswahl zurück und zeigten sich in Jubelpose vor der syrischen Flagge. Viele Syrer nahmen ihnen das sehr übel. Ein ehemaliger Teamkollege soll al-Chatib auf Facebook geschrieben haben: „Du wirst im Mülleimer der Geschichte landen, zusammen mit allen, die Bashar al-Assad unterstützen.“

Wolfgang Sidka sagt: „Politisch werde ich mich total raushalten.“ So habe er das schon im Irak gehalten, und damals habe das Politische, das Ethnische und Religiöse in seiner Mannschaft auch keine Rolle gespielt. Sport habe da eine sehr integrative Kraft. „Da haben Sunniten und Schiiten zusammen auf dem Zimmer gewohnt, das war überhaupt kein Problem“, sagt Sidka. Er habe seine Erkundigungen eingeholt über die Mission, die da anstehen könnte. Mit dem einstigen Co-Trainer des Bahrain, dem ehemaligen Verbandschef des Landes oder dem Torwart-Trainer aus dem Irak halte er seit seinen jeweiligen Engagements dort weiterhin Kontakt. Womöglich wird dieser Kontakt demnächst wieder enger, womöglich sieht man sich sogar mal. Wolfgang Sidka ist womöglich bald wieder in der Gegend.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+