Kommentar zur EM-Auslosung

Die Uefa schadet dem Ansehen der Nationalmannschaft

Ein komplizierter Qualifikations-Modus, immer mehr Spiele - viele Fans sind genervt. Kein Wunder, denn bei Uefa und Fifa geht es nur noch um Gewinnmaximierung, meint Mathias Sonnenberg
29.11.2019, 18:56
Lesedauer: 3 Min
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Die Uefa schadet dem Ansehen der Nationalmannschaft
Von Mathias Sonnenberg
Die Uefa schadet dem Ansehen der Nationalmannschaft

Leuchtende Buchstaben zeigen das Wort "EURO2020" auf dem Romexpo, dem größten Messegelände in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. Dort findet die Auslosung für die Endrunde der UEFA EURO 2020 statt.

Mike Egerton

Der Fußball kann doch so ­einfach sein. Deutscher Meister wird, wer am Ende der Bundesliga-Saison die meisten Punkte gesammelt hat. Die zwei schlechtesten Mannschaften steigen ab, der Drittletzte spielt in der Relegation, die ersten vier Teams kommen in die lukrative Champions League. Niemand muss Mathematik studiert haben, um das alles zu verstehen – es sei denn, der Videoschiedsrichter greift aus dem Keller in Köln mal wieder ins Spiel ein. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Sechs Vorrundengruppen

Wenn an diesem Sonnabend in Bukarest die Vorrunden-Gruppen für die Europameisterschaft im kommenden Jahr ausgelost werden, ist alles ganz anders als früher. Okay, dass die EM erstmals als europäisches Gemeinschaftsprojekt fungieren muss, das gleich in zwölf Ländern gespielt wird, damit hat sich der Fußball-Fan inzwischen abgefunden. Seit auch Weltmeisterschaften im Dezember ausgetragen werden, ist er sowieso abgehärtet. Dachte er zumindest, bis der Europäische Fußball-Verband, kurz Uefa, auch die Auslosung reformierte. Und so werden in Bukarest insgesamt sechs Vorrundengruppen ausgelost, obwohl sich längst noch nicht alle 24 Nationen für die Endrunde qualifiziert haben. Dafür stehen die Gruppengegner teilweise schon fest – ein abstruser und in der Geschichte des europäischen Fußballs einmaliger Vorgang. Und der stößt auch bei denen, die im kommenden Sommer im Mittelpunkt stehen, auf harsche Kritik.

Der belgische Nationalspieler Kevin De Bruyne, leider nur ein Jahr bei Werder Bremen unter Vertrag und mittlerweile für Manchester City aktiv, nennt den Auslosungsmodus „eine Schande“. Für Belgien steht schon jetzt fest, dass zwei der drei Gegner in der Gruppe B Russland und Dänemark sein werden. „Das nimmt der Auslosung alle Spannung und jedes Vergnügen“, sagt De Bruyne. Er findet, dass der Fußball mehr und mehr zu einem Geschäft verkommen sei. Lässt sich natürlich leicht sagen, De Bruyne kassiert in diesem Geschäft angeblich 17 Millionen Euro jährlich an Gehalt und ist damit ein finanzieller Gewinner des neuen Gigantismus. Aber der Unmut wächst – bei Spielern, Trainern, Fans.

Denn natürlich steht bei der Uefa nicht irgendeine EU-Folklore oder gar Völkerverständigung im Vordergrund, sondern die Möglichkeit, noch mehr Geld zu verdienen. Das geht am einfachsten mit immer mehr Spielen, die in einem Qualifikationsmodus enden, den auch Joachim Löw nicht mehr versteht. Und bei dem noch im März 2020 um die letzten EM-Plätze gespielt wird, obwohl schon am 30. November 2019 die Gruppen ausgelost wurden. Kein Wunder, dass immer mehr Fans sich fragen: Ist das eigentlich noch unser Fußball?

Nationalmannschaft wird immer uninteressanter

Die Folgen sind fatal, denn das Interesse an Nationalmannschaften nimmt in der Bevölkerung rapide ab. Da mag Oliver Bierhoff als Chef-Reformer beim DFB immer wieder die angeblich gute Auslastung der Stadien bei Länderspielen der deutschen Nationalelf runterbeten und die TV-Quote noch im akzeptablen Bereich sein, die Wahrnehmung aber ist eine andere. Während die meisten Fußball-Fans am Wochenende mit ihren Vereinen und Spielern leiden oder feiern, werden Länderspiele mehr oder weniger ertragen. 8:0 gegen Estland, 4:0 gegen Weißrussland, 6:1 Nordirland, alles meist erst zu später Stunde – ja, ganz nett und schön. Aber sofort folgt die Fra­ge: Wie war das jetzt noch mal mit dieser komischen Qualifikation? Die Emotionen holt man sich nicht bei Jogi Löw, sondern in der Bundesliga bei Werder, den Bayern oder seinem anderen Lieblingsklub.

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Die Uefa und der Weltverband Fifa tragen große Schuld, dass das Ansehen der Nationalmannschaften ramponiert wird. 24 Teams sind mittlerweile bei der EM dabei, das Turnier ist gnadenlos aufgeblasen, der Modus kompliziert. Aber bis auf Fußball-Größen wie Liechtenstein, Luxemburg und Aserbaidschan ist mittlerweile ja eigentlich fast jede Nation dabei. Stimmt nicht ganz, Aserbaidschan ist mit drei Spielen in Baku nur als Gastgeber bei dem Turnier beteiligt. Aber der Weltverband macht es ja nicht anders. Die WM 2026 wird mit 48 Mannschaften ausgetragen, der sportliche Wert solch einer Veranstaltung ad absurdum geführt.

Ronald Koeman, der Nationaltrainer der Niederlande, hat jetzt ganz offen zugegeben, dass er den Modus der EM-Qualifikation überhaupt nicht mehr kapiert. „Ich versteh das Format nicht“, hat er in einem Interview gesagt. „Ich habe schon im Verband nachgefragt, ob ich wirklich zu dieser Auslosung am 30. November gehen soll.“ Er spricht Millionen Fußball-Fans aus dem Herzen.

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